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Interview mit James Hansen: Klimaforscher: „Der Planet wäre unregierbar“

Interview mit James Hansen : Klimaforscher: „Der Planet wäre unregierbar“

Der US-amerikanische Klimaforscher James Hansen war einer der Ersten, der auf die Konsequenzen des Klimawandels aufmerksam machte. Er befürchtet in Zukunft verheerende Auswirkungen für die Weltgemeinschaft.

Wer ist Ihrer Meinung nach verantwortlich für den Klimawandel?

James Hansen: Eigentlich jeder, der fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle verbrennt. Mehr als ein Viertel davon geht auf das Konto der USA – gleiches gilt für Europa. Es ist eine sehr kleine Fraktion der Erdbevölkerung, die den Großteil des Kohlenstoffdioxids in unsere Atmosphäre freisetzt. Heute gilt China als der größte Umweltsünder. Doch am Klimawandel sind nicht allein die aktuellen Emissionen schuld. Stattdessen wurde er durch einen konstanten CO2-Ausstoß über eine längere Zeit ausgelöst. Die USA und Europa haben ihren Anteil am Kohlendioxidbudget bereits ausgeschöpft. Nun sind wir verpflichtet, aufstrebenden Nationen wie China oder auch Indien zu helfen, saubere Energiequellen zu finden. Ansonsten werden wir alle gemeinsam untergehen.

Sie haben als einer der Ersten vor dem Klimawandel gewarnt – unter anderem im US-Kongress. Warum hat niemand reagiert?

Hansen: Das ist interessant, oder? Doch die Antwort ist einfach. Fossile Brennstoffe machen 85 bis 90 Prozent unserer Energie aus. Es ist eben jene Energie, die der entwickelten Welt ihren Lebensstandard ermöglicht hat. Unglücklicherweise sind fossile Brennstoffe derzeit die günstigste Energiequelle, weil die Staaten und Konzerne nicht für die Auswirkungen auf unsere Umwelt aufkommen müssen. Sie zahlen nicht für Luft- und Wasserverschmutzung. Und damit auch nicht für den Klimawandel.

Wie könnte das geändert werden?

Hansen: Wir sollten eine Steuer erheben, die jene Konzerne zahlen müssen, die auf fossile Brennstoffe setzen. Ihre Produkte wären automatisch teurer – die Konsumenten würden weniger kaufen. Dann würden die betroffenen Unternehmen vielleicht endlich auf ihren ökologischen Fußabdruck achten. Doch niemand tut das. Stattdessen treffen wir uns in Kyoto, Paris oder Bonn und sagen: „Ok! Jedes Land stimmt zu, dass wir etwas machen müssen.“ Und dann passiert trotzdem nichts.

Sie glauben nicht, dass die Cop23 in Bonn etwas bewirken kann...

Hansen: Leider gibt es keine Anzeichen dafür, dass die nationalen Staatschefs den Mut haben, zu sagen, was nötig ist. Sie haben nicht die Courage, die Industrie in die Verantwortung zu nehmen. In den USA gibt es eine Menge Politiker, die gekauft sind. Sie sagen, der Klimawandel sei ein Scherz. Dafür erhalten sie viel Geld von der Industrie, die weiterhin auf fossile Brennstoffe setzt. Ich bin in verschiedenen Ländern in Europa, in Japan, Kanada und Australien gewesen. Überall hat die Lobby der fossilen Brennstoffe sehr viel Macht.

Wie wird der Klimawandel künftig sichtbar?

Hansen: Was wir bereits vermehrt sehen, sind extremere Wetterereignisse wie Brände in Portugal und Australien sowie Dürren im Südwesten der USA oder im Mittelmeerraum. Außerdem gibt es stärkere Regenfälle, die noch größere Fluten verursachen. Wir sehen einen steigenden Meerespegel. Ganze Spezies sind vor dem Aussterben bedroht. Wir sehen also viele Dinge passieren – allerdings gehen die Veränderungen noch sehr langsam voran. Mit der Zeit werden die Effekte jedoch größer. Unsere Kinder und Enkelkinder werden sie zu spüren bekommen.

Wann wird es nicht mehr möglich sein, auf der Erde zu leben?

Hansen: Ich hoffe, niemals. Aber das ist mittlerweile leider ein Thema. Sollten wir so weitermachen, werden wir durch den steigenden Meeresspiegel unsere Küstenstädte verlieren. Die Anzahl der Flüchtlinge würde ansteigen, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben. Die ökonomischen Auswirkungen wären enorm. Immerhin liegen mehr als die Hälfte der großen Städte an der Küste. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass große Gebiete in den Tropen sowie im Mittelmeerraum durch zunehmende und anhaltende Hitze unbewohnbar würden – dort würde es fast unmöglich werden, draußen zu arbeiten. Wenn es in diesen Breitengraden noch wärmer wird, als es jetzt schon ist, werden wir viele Migranten haben. Der Planet wäre unregierbar.