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Besuch auf dem Balkan: Mazedonien träumt von Europa

Besuch auf dem Balkan : Mazedonien träumt von Europa

Nach Sozialismus, Chaos nach der Wende und korrupter Herrschaft liegt der Balkan-Staat am Boden. Alle Hoffnungen richten sich auf die EU – doch die Politik in Skopje blockiert sich selbst. Besuch in einem Land zwischen Aufbruch und Stillstand.

Wer wissen will, wie es um Mazedonien steht, muss nur Maria und ihren Mitstudenten zuhören. „Wir sind es leid, es ändert sich einfach nichts“, sagt die 19-jährige Jurastudentin. „Niemand kümmert sich“, ergänzt Kommilitonin Sandra. „Erst geben sich die Politiker als Patrioten, dann lassen sie uns alleine.“

Die jungen Frauen und Männer, alle um die 20, sitzen in einem kleinen Vorlesungsraum der Universität St. Kyrill und Method in der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Die Uni ist eine trostlose Betonlandschaft. Sozialistischer Brutalismus. Der Putz bröckelt, die Polster müffeln, die Luft ist stickig. Die Szenerie ist symbolisch: für die Situation des bitterarmen Landes am südöstlichen Rand Europas – und für die Hoffnungslosigkeit der jungen, gut ausgebildeten Leute. Sandra spricht wie alle Studenten hier im Raum fließend Englisch, und sie will nur noch weg. „Ich würde ja gerne bleiben“, sagt sie, „aber hier gibt es einfach keine Perspektive.“ Was die Studentin plant, haben vor ihr bereits Zehntausende getan: Sie haben ihrem Land den Rücken gekehrt, aus schierer Hoffnungslosigkeit.

Ein Referendum am vorvergangenen Sonntag hätte vieles zum Besseren wenden sollen. Die Mazedonier waren aufgerufen, „ja“ zu sagen zur Umbenennung ihres Landes in „Nord-Mazedonien“ – und damit einen jahrzehntealten Namensstreit mit Griechenland beizulegen. Dies ist Voraussetzung dafür, dass Beitrittsgespräche mit EU und Nato beginnen können. Doch das Referendum scheiterte, weil zu viele Leute zu Hause blieben – sei es aus Nationalstolz, Angst oder Gleichgültigkeit.

Seitdem herrscht Chaos in Skopjes Politik. Der Ton ist rau, das Misstrauen groß. Politiker beschuldigen sich gegenseitig, korrupt oder von Moskau gesteuert zu sein. Die Opposition spricht von Wahlfälschung, die Regierung weist das zurück – und prangert ihrerseits russische Einflussnahme an. Sogar den Staatspräsidenten Gjorge Ivanov bezeichnen Regierungskreise als Marionette des Kreml.

Junger Reform-Premier

In diesem Klima versucht der junge Reform-Premier Zoran Zaev nun, seinen Traum von der EU- und Nato-Mitgliedschaft doch noch wahr werden zu lassen. Die Namensänderung, für die er wirbt, sieht er als notwendigen Preis an.

Viel hängt ab vom Erfolg des 43-jährigen Sozialdemokraten. Mazedonien erhofft sich Frieden, Wohlstand und Stabilität. Der Westen will Ruhe auf dem unruhigen Balkan, nicht zuletzt auch wegen der Flüchtlingsrouten, die hier verlaufen. Und er will seine Flanke nach Südosten stärken. Denn im großen Spiel der Mächte bauen Russland, China und die Türkei ihren Einfluss in der Region aus. 2019 sollen die Beitrittsgespräche mit der EU beginnen. Bis zu einem möglichen Beitritt würde es dann noch zehn Jahre dauern, schätzen EU-Diplomaten. Die Nato-Mitgliedschaft wäre schon nach gut einem Jahr zu haben. Die USA drängen zur Eile.

Europa blickt in diesen Tagen also erneut bang auf Mazedonien. Zaev hat jetzt einen Gesetzentwurf zur Änderung des Namens vorgelegt. Doch für die dafür nötige Verfassungsänderung braucht er eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Zaev fühlt sich durch das Referendum bestärkt, obwohl sein Volk so wenig Interesse gezeigt hat. Sein Sprecher argumentiert so: Von den 37 Prozent der Wahlberechtigten, die sich beteiligten, hätten ja immerhin mehr als 91 Prozent mit „ja“ gestimmt. Ein Erfolg also. Zudem seien 80 Prozent der Mazedonier laut Umfragen für einen Beitritt zu EU und Nato.

Das Referendum ist nicht bindend, es sollte Druck auf die Parlamentarier ausüben. Nun muss es Zaev auch so versuchen. Seiner Koalition fehlen acht Stimmen für eine Zweidrittelmehrheit, sie ist auf die Opposition angewiesen. Deren Abgeordnete werden jetzt bearbeitet – mit Zugeständnissen, Versprechen, wohl auch mit der Aussicht auf Straffreiheit für frühere Vergehen. So sei das auf dem Balkan, sagen ausländische Diplomaten hinter vorgehaltener Hand.

An diesem Mittwoch könnte es nun zur Abstimmung kommen – und zum Showdown für Zaev. Ob er Erfolg haben wird, ist fraglich. Denn die Opposition, angeführt von Hristijan Mickoski, Chef der nationalkonservativen Partei VMRO-DPMNE, will sich nicht ködern lassen.

In Skopje sind Spuren der Geschichte sichtbar

Der 41-Jährige, Jeans, offenes Hemd, Dreitagebart, sitzt breitbeinig an einem Konferenztisch in der Parteizentrale in Skopje und sagt: „Wir werden niemals zustimmen.“ Zwar sei auch seine Partei für den Beitritt zu EU und Nato. Aber nicht zu dem Preis eines neuen Namens. Kein fremdes Land dürfe Mazedonien da hineinreden. Das „erfolglose Referendum“ zeige, so Mickoski, dass die meisten Mazedonier das genauso sähen.

Mickoski ist ein Weggefährte des langjährigen Premierministers Nikola Gruevski. Auf den sind viele Mazedonier schlecht zu sprechen. Gruevski regierte sein Land zehn Jahre lang autoritär. Erst nachdem Tonbänder offenlegten, wie korrupt die Regierung war und das Volk schließlich aus Protest auf die Straße ging, gab er 2016 auf.

In Skopje sind die Spuren der bewegten Geschichte sichtbar. Triste Plattenbauten aus der sozialistischen Zeit prägen das Stadtbild, doch das Zentrum ist lebendig und vielseitig. Minarette und Kirchtürme zeugen von Multikulti. In der pittoresken Altstadt wähnt man sich einmal in Mazedonien, an der nächsten Ecke in Griechenland, an der übernächsten in Albanien. Bars mit „Craft Beer“-Schildern zeigen, dass junge Leute nach Moderne und westlichem Lebensstil streben.

Doch neben der Altstadt zeigt sich dann, was in diesem Land in den letzten Jahren schiefgelaufen ist. Ex-Premier Gruevski hat dort ein Disneyland des Nationalismus bauen lassen. Auf beiden Seiten des Vardar-Flusses steht eine Ansammlung von Gebäuden im antiken Stil, Statuen und Wasserspielen. Teurer Kitsch für ein Land, in dem es mancherorts nicht genügend Trinkwasser gibt. Höhepunkt ist der Hauptplatz. Dort ragt, neben einem Triumphbogen, eine mehr als 20 Meter hohe Statue von Alexander dem Großen in den Himmel. Alexander sitzt zu Pferde und hebt sein Schwert – Richtung Griechenland. Das verärgerte die Nachbarn im Süden wie auch Albanien im Westen. Schließlich erstreckte sich das antike Makedonien Alexanders über alle drei Länder.

Mit dem Antritt Zaevs kam Bewegung in den Konflikt

Unter Gruevski war das mazedonisch-griechische Verhältnis entsprechend schlecht. Das Land isolierte sich und verlor auf seinem Weg Richtung EU wertvolle Zeit. Denn Griechenland verlangt seit der Wende 1991, als die jugoslawische Teilrepublik Mazedonien unabhängig wurde, deren Umbenennung. Athen fürchtet Gebietsansprüche Mazedoniens auf die gleichnamige nordgriechische Region – und blockiert deshalb seit 27 Jahren jeden Schritt in Richtung EU und Nato.

Erst mit dem Antritt Zaevs kam wieder Bewegung in den Konflikt. Als Geste der Annäherung ließ er Autobahnen, das Stadion und den Flughafen umbenennen, weil sie den Namen von Alexander oder von dessen Vater Philipp II. trugen. Schließlich handelten Zaev und der griechische Premier Alexis Tsipras im Juni ein historisches Abkommen aus. Der wichtigste Punkt ist zugleich der schwerste für das stolze Volk: Aus Mazedonien muss Nord-Mazedonien werden.

Das wühlt viele auf. Auch im Seminarraum an der Uni in Skopje wird es bei dem Thema laut. „Wir verlieren dadurch unsere Identität“, sagt der 21-jährige Damian. Er ist zwar für einen Beitritt zu EU und Nato – aber nicht so. Der Journalistik-Student glaubt, die Regierung wolle den Namen verscherbeln. „Wir brauchen ein besseres Abkommen“, sagt Damian. Sein Kommilitone Marko pflichtet ihm bei: „Wir haben zu viel gegeben.“

Maria sieht das ganz anders. „Wir sollten unsere Geschichte lieben, aber wir müssen auch vorankommen“, sagt die 19-Jährige und redet sich in Rage. „Ich mag den neuen Namen auch nicht, aber wir bleiben ja Mazedonier.“ Das Abkommen sei „das beste, das wir kriegen konnten“.

Land liegt am Boden

Für die Studenten und die rund zwei Millionen Einwohner Mazedoniens ist es höchste Zeit, dass sich die Lage bessert. Nach Jahrzehnten Sozialismus, Nachwende-Chaos, bürgerkriegsähnlichen Zuständen 2001 und Gruevski-Regime liegt das Land am Boden. Das Durchschnittseinkommen beträgt weniger als 400 Euro im Monat. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt hinter dem in Venezuela, Botswana oder der Dominikanischen Republik. Die Arbeitslosenquote geht zwar zurück, ist mit knapp 24 Prozent aber sehr hoch. Bei Jugendlichen liegt sie sogar bei fast 50 Prozent. Es gibt kaum nennenswerte Industrie, kaum Rohstoffvorkommen, zu wenig Investitionen – und kaum Hoffnung, dass es bald besser wird.

Wer kann, verlässt deshalb das Land. Das Ziel: Deutschland, Frankreich oder die Niederlande. Wenn die EU nicht zu uns kommt, denken viele junge Leute, dann gehen wir eben zu ihr. Das Goethe-Institut in Skopje kann sich vor Anmeldungen für Deutschkurse kaum retten. Die Wartezeit für ein Visum beträgt gut ein Jahr.

In Skopje geht es jetzt um alles oder nichts. Annäherung an die EU – oder jahrelange Selbstblockade. Scheitert Zaev im Parlament, hat er für Ende November Neuwahlen angekündigt. Was aber, wenn er auch danach keine Zweidrittelmehrheit bekommt? „Es gibt keinen Plan B“, sagt ein Minister in Skopje. In diesem Fall dürfte Europa für die Mazedonier noch auf lange Zeit das bleiben, was es schon seit vielen Jahren ist: ein bloßer Traum von einem besseren Leben.