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Nachruf: Oberrabbiner Ovadia Josef: Streitbar und widersprüchlich

Nachruf : Oberrabbiner Ovadia Josef: Streitbar und widersprüchlich

Er war eine der einflussreichsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten in der Welt des Judentums und der Politik: Hunderttausende Juden in und außerhalb Israels betrauern Rabbi Ovadia Josef, der am Montag im Alter von 93 Jahren in einem Jerusalemer Krankenhaus starb.

Über Jahrzehnte war er der geistliche Führer der ultra-orthodoxen Schas-Partei, die seit den 80er Jahren fast ununterbrochen in Israels Koalitionsregierungen mitwirkte. Wenn Israel bis heute keine standesamtliche Trauung kennt, ist das auch auf den Widerstand von Rabbiner Josef zurückzuführen.

Josef war der geistliche Führer und Sprachrohr der Sefarden, der aus Spanien kommenden Juden, und der Mizrachim, der aus den arabischen Ländern Zugewanderten. Von 1973 bis 1983 war er der sephardische Oberrabbiner, dem in Israel stets auch ein aschkenasischer, die europäischen Juden vertretender Oberrabbiner zur Seite steht.

Die Amtszeit ist jeweils auf zehn Jahre begrenzt, doch was Josef in den Jahrzehnten danach seiner Anhängerschaft über den Kreis der strenggläubigen Juden hinaus sicherte, war der politische Einfluss über die Schas-Partei, abgekürzt für "Sefardische Wächter" (der Tora). Die Familie kam mit dem vierjährigen Jungen 1924 aus Bagdad in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Schon mit neun Jahren schrieb er seine erste Interpretation der "Halacha", des jüdischen Gesetzes, im Alter von 17 legte er sich erstmals mit den religiösen Autoritäten an.

Streitbar und für Außenstehende widersprüchlich ist Josef bis ans Ende seines Lebens geblieben. So hat er die Friedensverträge von Oslo in den 1990er Jahren unterstützt. Menschenleben seien wichtiger als Land, urteilte er, und sprach sich damit für die Territorialansprüche der Palästinenser aus, ohne aber für eine Zwei-Staaten-Lösung zu sein. Er lehnte den Bau von Siedlungen ab, was aber nicht Ost-Jerusalem einschloss, das Teil der Heiligen Stadt der Juden sein sollte.

Schas sorgte dafür, dass die orthodoxen Mizrachim ihre eigenen, staatlich finanzierten Schulen erhielten. Auch sonst hat sich die Partei dafür eingesetzt, die soziale und wirtschaftliche Lage der Mizrachim zu verbessern, die seit der Staatsgründung Israels unter dem starken kulturellen und politischen Einfluss der Aschkenasim gelitten hatten.

Was die Ultra-Orthodoxen angeht, versucht nun gerade die neue Regierung unter Benjamin Netanjahu, in der Schas nicht mehr vertreten ist, die Vergünstigungen für Strenggläubige - wie die Ausnahmen vom Militärdienst - zu beschneiden.

Die Welt der orthodoxen Juden erschließt sich nur schwer. 2009 gab ein Dokumentarfilm "Die Tochter des Rabbis und die Hebamme" Einblick in das Verhältnis von Josefs ältester Tochter Adina Bar und ihrem Vater.

Sie war dabei, erstmals in Israel eine akademische Ausbildung für ultra-orthodoxe Frauen einzurichten und zog für jeden Schritt ihren Vater zu Rate, den sie, die reife Frau, wie einen autokratischen Herrscher behandelte, einschließlich des Küssens der Hand.