Nicola Sturgeon Selbstbewusst und ausgleichend

LONDON · Nach manchen Politikern werden Straßen benannt oder auch öffentliche Plätze. Bei Nicola Sturgeon ist es ihre Frisur: Als "Sturgie" bezeichnen manche einen kurzen Bob mit Pony in Anlehnung an Sturgeons Haarschnitt, der von einigen Medien zu einem "katastrophalen Modetrend" erklärt wurde.

 Freundin klarer Worte: Nicola Sturgeon. FOTO: AFP

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Doch die selbstbewusste schottische Politikerin wirkt nicht, als würden sie die Häme stören. Derzeit hat sie Wichtigeres zu tun. Die 44-Jährige gilt als Favoritin für die Nachfolge von Alex Salmond, Noch-Regierungschef und Vorsitzender der Scottish National Party (SNP), der nach dem verlorenen Referendum seinen Rücktritt bekannt gegeben hat. Es wäre eine logische Folge, Sturgeon war neben Salmond das Gesicht der Unabhängigkeitsbewegung.

Ihre Worte am frühen Morgen des 19. Septembers, als die Niederlage der Abspaltungsbefürworter offenbar wurde, haben sich bei vielen Schotten eingeprägt: "Ich bin natürlich tief enttäuscht wie Tausende andere im Land. Ich habe mein Herz und meine Seele in diese Kampagne gesteckt und nun herrscht ein echtes Gefühl von Enttäuschung", sagte sie.

Ihr ehrliches Statement schätzten viele Menschen vor allem aus einem Grund: Ein Politiker gestand ohne Lamentieren den Misserfolg ein. Als einige Stunden später Alex Salmond erklärte, er werde im November für beide Positionen nicht mehr antreten, stand Sturgeon bei den Buchmachern sofort auf Platz eins der Liste möglicher Nachfolger.

Die Gesundheitsministerin im Parlament in Edinburgh und Stellvertreterin von Salmond wurde in der Küstenstadt Irvine geboren und zog für ihr Studium der Rechtswissenschaft nach Glasgow. Die Juristin, die in Glasgow lebt, ist trotz ihrer 44 Jahre ein Urgestein der SNP. Bereits mit 16 Jahren trat sie der Partei bei und fiel schon früh als "ehrgeizig und äußerst sprachgewandt" auf mit einem "scharfsinnigen politischen Verstand und einem Sinn für soziale Verantwortung".

Als sie 22 Jahre alt war, stand sie zum ersten Mal zur Wahl. 1999 wurde sie als Abgeordnete für Glasgow in das neue schottische Regionalparlament gewählt. Seitdem klettert die Nationalistin die Karriereleiter empor. Ab 2004 übernahm Sturgeon drei Jahre lang den Vorsitz der SNP-Fraktion bis Alex Salmond aus Westminster zurückkam.

Ihre Bewerbung für das oberste schottische Amt hat sie mit einer Nachricht an "jedes Mädchen und jede Frau in Schottland" verbunden: "Egal, wie euer Hintergrund aussehen mag oder was ihr im Leben erreichen wollt, in Schottland 2014 gibt es für Ambitionen keine Glasdecke", sagte Sturgeon.

Sturgeon spürt bereits den Druck. Zehntausende Parteimitglieder fordern ein neues Unabhängigkeitsreferendum, auch wenn es dafür keine Pläne gebe. Falls sie bald als erste Ministerin Schottlands Geschicke lenkt, muss sie eine andere Richtung als ihr Vorgänger einschlagen. Nicht der Kampf für die Unabhängigkeit wird die Agenda bestimmen, vielmehr steht sie vor der Aufgabe, die Bevölkerung wieder zu einen.

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