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Kommentar zur Weltwirtschaft: Sorge um Schengen

Kommentar zur Weltwirtschaft : Sorge um Schengen

Manager neigen nicht zur Hysterie. Probleme, auch wenn sie groß sind, werden von ihnen eher als Herausforderung verstanden. Umso mehr lässt aufhorchen, dass beim gerade zu Ende gegangenen Spitzentreffen der Zunft in Davos die wirtschaftlichen Sorgen um Europa ganz oben auf der informellen Gesprächsagenda standen, meint unser Autor.

Klar, die Lage in China ist schwierig. Währung und Aktienmärkte in Fernost sind in einer angespannten Verfassung. Eine harte Landung der bisherigen Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft würde auch in der EU, in Japan und in den USA gravierende Folgen haben. Auch das Wüten des islamistischen Terrors ist ein Problem, das Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung in der ganzen Welt haben dürfte.

Aber all das scheint die mächtigen Wirtschaftslenker nicht so richtig zu beunruhigen. Was sie vielmehr umtreibt, das ist die Sorge um Europa. Was passiert, wenn die Briten mehrheitlich für den Austritt stimmen? Was ist mit der Staatsschuldenkrise? Die Probleme in Griechenland, Spanien und anderswo sind bei weitem noch nicht gelöst. Auch die wirtschaftspolitischen Eckdaten in Frankreich und die Verweigerung der Regierung Hollande, die gebotenen Reformen auch nur zu benennen, gibt Anlass zu Sorge.

Das alles ist aber gar nichts verglichen mit dem ganz großen Problem: Für mit Abstand am meisten Unruhe sorgt die Grenzfrage: So gut wie alle Konzernchefs und jeder Industrielobbyist – sie alle sind sich einig, dass ein strengeres Grenzregime für die Geschäfte schon schlimm, dass aber ein Ende von Schengen für Wirtschaft, Wohlstand und Beschäftigung fatal wäre.

Im Jahr überqueren Güter im Wert von 1200 Milliarden Euro die Grenzen im Schengen-Raum. Was das Errichten von neuen Handelsbarrieren für eine Exportnation wie die deutsche ausmachte, das kann sich jeder an drei Fingern abzählen. So einig man sich in der Analyse ist, so groß ist das Rätselraten, wie der Rückfall in die wirtschaftspolitische Kleinstaaterei noch abgewendet werden kann. Europa ist politisch in einer schlimmen Verfassung.

Immer mehr Länder verabschieden sich von einem koordinierten Vorgehen. Viele verantwortliche Politiker in Osteuropa wollen sich nicht mehr daran erinnern, dass ihren Ländern vor relativ kurzer Zeit großzügig Solidarität zuteil wurde. Hinzu kommt, dass viele Länder im alten Europa wirtschaftlich große Probleme haben und ihre Regierungen unter großem Druck stehen.

Zeitlich wird es eng. Die Ankündigung Österreichs, künftig Obergrenzen für Flüchtlinge einzuführen, hat den Druck auf Europa noch einmal erhöht. Spätestens beim EU-Gipfel im März muss der Befreiungsschlag gelingen. Sehnsüchtig blicken die Augen der Manager in eine Richtung: Wenn überhaupt, dann trauen sie Berlin und Angela Merkel zu, eine Einigung zu bewerkstelligen.