"Wir suspendieren bis auf weiteres die vierte Runde der Verhandlungen über einen bilateralen Sicherheitspakt mit den USA", verkündete Kabuls zornige Regierung am Mittwoch. "Es gibt einen Widerspruch zwischen den Worten und den Taten der US-Regierung in Bezug auf afghanische Friedensgespräche", begründete Karsais Sprecher Aimal Faizi Kabuls Reaktion.
Wenige Stunden nach der Übernahme der gesamten Sicherheitsverantwortung in Afghanistan durch Kabuls Streitkräfte hatten die Taliban in Qatars Hauptstadt Doha ein offizielles Büro samt Talibanflagge und dem Namensschild "Islamisches Emirat Afghanistan" eröffnet.
Es wird von Tayyab Agha, einem Vertrauten von Taliban-Gründer Mullah Omar geleitet. "Wir wollen gute Beziehungen mit der ganzen Welt", erklärte Milizenvertreter Mohammed Naeem, "aber das Islamische Emirat sieht die nationale Unabhängigkeit von der gegenwärtigen Besetzung als religiöse und nationale Pflicht."
Washington überraschte wenige Stunden später mit der Ankündigung, schon am Donnerstag Gespräche mit den Taliban in Doha aufnehmen zu wollen - und provozierte einen Wutausbruch in Kabul. Angesichts der zornigen Reaktion von Karsai, der seit langem auf Friedensverhandlungen unter afghanischer Führung dringt, ist unklar, ob eine am Dienstag ebenfalls als Durchbruch verstandene, angekündigte Reise von Kabuls "Friedensrat" nach Doha zu einem Treffen mit Taliban noch stattfinden wird. Zuvor hatte es in Kabul geheißen, die Milizen seien erstmals zu Verhandlungen mit der Karsai-Regierung bereit. "Beide Seiten sind sich einig: Es wird gleichzeitig geredet und gekämpft", sagte Martine van Bijlert vom "Afghan Analysts Network (AAN) in Kabul.
Aber die Kontakte in Doha öffnen erstmals seit März 2012 wieder die Tür für ernsthafte Gespräche. Damals brachen die Taliban Verhandlungen ab, weil die USA nicht über die Freilassung ihrer Vertreter aus Guantanamo reden wollten. Zudem ist der Dialog vorläufig ohnehin auf Gespräche über Gespräche beschränkt. Washington bezeichnet den für heute angesetzten Dialog außerdem in einem diplomatischen Wortspiel als Friedensgespräche, weil ein wesentlicher Aspekt öffentlich verschwiegen wird.
Der seit vier Jahren in Taliban-Gefangenschaft sitzende US-Soldat Bowe Bergdahl soll gegen drei oder vier in Guantanamo sitzende Talibanvertreter ausgetauscht werden. Wenige Tage, nachdem beim G8-Gipfel in Nordirland vereinbart wurde, kein Lösegeld für Gefangene oder Geiseln islamistischer Gruppen mehr zu zahlen, ist Washington zur Diskretion gezwungen. Außerdem gibt es auch in den USA heftigen Widerstand gegen einen solchen Handel.
Präsident Karsai kennt dieses Dilemma Washingtons. Doch der afghanische Regierungschef will im eigenen Land den Eindruck verhindern, er würde bei einer politischen Lösung am Hindukusch die zweite Geige spielen. Schließlich haben die Taliban bei bisherigen Sondierungen einen prozentualen Anteil an den Streitkräften und in politischen Strukturen gefordert.