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Fairphone: Auf der Suche nach dem fairen Handy

Fairphone : Auf der Suche nach dem fairen Handy

Erfolg - und alle können ihn sehen. Das Porträtfoto des Arbeiters Zhu Yu wird an die Wand der Eingangshalle projiziert - neben die Gesichter der anderen. Gestern war die Wahl, heute morgen stand das Ergebnis fest.

18 Kollegen vertreten von nun an die Interessen der Beschäftigten - und Zhu ist einer von ihnen. "Ich bin stolz", sagt der 21-Jährige, der in dieser Fabrik in China Smartphones zusammenbaut, die man auch in Deutschland kaufen kann. "So eine Wahl gab es hier noch nie."

In der Ecke steht die rote Pappkiste, die sie als Wahlurne benutzten. Jeder Beschäftigte konnte seinen Stimmzettel hineinwerfen und einen der Kandidaten wählen. Was hier stattfindet, ist ein soziales Experiment, ein kleiner Versuch von Mitbestimmung in China, wo frei gewählte Vertretungen von Arbeitnehmern eigentlich nicht existieren.

Die Firma Guohong, die etwa fünf Millionen Smartphones jährlich herstellt, ist ein Zwerg im Vergleich zu Weltmarktfabriken wie Foxconn, die Hunderte Millionen Telefone, Tablets und Laptops im Auftrag von Apple oder Samsung ausstoßen. Aber Guohong in der Stadt Chongqing ist ein besonderer Betrieb. Er kooperiert mit Fairphone aus Amsterdam. Die niederländische Firma hat einen ziemlich großen Anspruch: Sie will erstmals beweisen, dass man Smartphones unter Bedingungen herstellen kann, die sozial und ökologisch halbwegs akzeptabel sind.

In Fabriken, die für Apple produzierten, sprangen Arbeiter vom Dach in den Tod, weil sie den Druck und die Perspektivlosigkeit nicht mehr aushielten. Hier bei Guohong sollen die Arbeitsbedingungen besser sein. Deshalb Fairphone. Die Frage aber ist: Stimmt das?

Zhu arbeitet an den Produktionsbändern, die in der zweiten und dritten Etage des fünfstöckigen, grauen Fabrikgebäudes stehen. In diesen Wochen produzieren er und seine KollegInnen die zweite Serie der Alternativ-Handys - 35 000 Stück. Die ersten 25 000 sind seit Anfang des Jahres bei den Kunden in Betrieb.

Gemächlich bewegt sich das grüne Fließband vorwärts. Daran sitzen zu beiden Seiten jeweils gut 20 Arbeiter. Sie bauen nacheinander die Festplatte, die berührungsempfindliche Glasoberfläche und andere Kompenenten in die Metallrahmen des Fairphones ein. Winzige Schräubchen, mit elektrischen Schraubern angezogen, halten das Ganze zusammen. Hektik herrscht nicht am Band, aber Monotonie - bis zu 1200 Mal am Tag die gleichen Handgriffe. So viele Fairphones schafft die Mannschaft.

Hier also will der gewählte Repräsentant helfen, "die Interessen der Arbeiter" zu vertreten. Welche sind das? "Ich möchte über das Geld des Sozialfonds mitentscheiden", sagt Zhu. In diesem stecken mittlerweile 120 000 Dollar, umgerechnet rund 86 000 Euro. Für jedes verkaufte Fairphone haben die Amsterdamer zwei Euro eingezahlt, die Firma Guohong ebenso viel.

Damit will man den Lohn der Beschäftigten im Vergleich zur normalen Produktion aufbessern. Würde das Geld einfach gleichmäßig auf alle Arbeiter und Angestellten der chinesischen Firma verteilt, bekäme jeder etwa 125 Euro zusätzlich - das entspräche etwa einem Drittel eines durchschnittlichen Arbeiter-Monatslohns.

Bisher wurde erst ein kleiner Teil nach diesem Prinzip ausgeschüttet. Künftig werden die Beschäftigtenvertreter Vorschläge aus der Belegschaft sammeln. Soll man die Mittel beispielsweise dafür verwenden, den Lohn aufzustocken, Fortbildungskurse für Englisch zu bezahlen oder die Kantine und das Essen verbessern?

Die Existenz des Sozialfonds bringt Zhu zu der Schlussfolgerung: "Wegen der Kooperation mit Fairphone sind die Bedingungen jetzt tatsächlich besser als früher." Wieso aber lassen die Institutionen dieses demokratische Verfahren überhaupt zu? "Weil es hier nicht um Politik geht, sondern um wirtschaftliche Angelegenheiten der Firma", erklärt Weif Chen, Vizepräsident von Guohong.

Und wie sieht es mit der Bezahlung insgesamt aus? Personalchefin Zeng Ying (28) sagt, dass ein Arbeiter in der normalen Produktion, in der Smartphones für den chinesischen Markt entstehen, maximal rund 3000 Yuan monatlich verdient (etwa 330 Euro), inklusive Leistungs- und Überstundenzuschlag. Die 45 Fairphone-Beschäftigten erhalten geringfügig mehr Lohn, nämlich 200 Yuan (22 Euro) zusätzlich. Das aber auch nur für die rund zwei Monate, in denen die Fairphones hergestellt werden. Länger dauert es nicht, 35 000 Stück zu produzieren.

Ohne oder mit Fairphone-Zuschlag verdienen die Arbeiter bei Guohong nicht besser als ihre Kollegen in den umstrittenen Foxconn-Fabriken. Und ein grundsätzliches Problem besteht auch hier: "Mein Lohn reicht für mich", sagt Arbeiter-Vertreter Zhu, "für eine Familie aber nicht". Noch hat der Mann keine Frau und Kinder. Und was ist später? "Wenn ich eine Familie gründen will, muss ich mir eine besser bezahlte Arbeit suchen".

Damit widerspricht die Entlohnung in der Fairphone-Firma einer Forderung, die Kritiker wie Germanwatch immer wieder erheben: Die Unternehmen sollen "Existenzlöhne" zahlen, die es Arbeiterfamilien auch ermöglichen, Kinder aufzuziehen, sie in die Schule zu schicken und fürs Alter anzusparen. Sie müssten dann etwa doppelten Lohn erhalten.

"Wir haben das Ziel, allen Fairphone-Beschäftigten existenzsichernde Löhne zu zahlen", sagt Tessa Wernink, die Sprecherin von Fairphone aus Amsterdam, die zur Wahl der Arbeitervertreter nach Chongqing gereist ist. Warum machen sie es dann nicht einfach? Um den Lohn für Arbeiter am Fairphone-Band für zwei Monate zu verdoppeln, müsste der Endverkaufspreis nur um einen Euro pro Gerät steigen. Und sollten alle Guohong-Arbeiter zwei Monate den Familienlohn erhalten, würde das Alternativphone nur um 15 Euro teurer.

Warum also geht das nicht? Wernink begründet: Es sei nicht möglich, die Beschäftigten am Fairphone-Band deutlich zu bevorzugen gegenüber ihren Kollegen in den normalen Produktionslinien, die Smartphones für den chinesischen Markt herstellen. "Diese würden sich benachteiligt fühlen. Das wäre eine Zerreißprobe für die Belegschaft und die Firma." Und kann man nicht allen mehr zahlen? "Nach der Fairphone-Produktion, die nur zwei Monate dauert, müsste Guohong die Beschäftigten dann wieder auf den Normallohn zurückstufen", erklärt Wernink. Auch in diesem Fall wäre das vermutliche Ergebnis Unzufriedenheit in der Firma. Angesichts der geringen Gewinnmargen bei den Smartphones, die Guohong in China verkaufe, kann sich die Firma den doppelten Lohn angeblich nicht leisten.

Ein großer Anspruch trifft hier auf die Realität. Das Fairphone ist nicht komplett fair, sondern nur in einigen Punkten sozialverträglicher als die Produkte der Konzerne. "Wir demonstrieren, dass strukturelle Verbesserungen möglich sind", sagt Wernink und verweist auf den Sozialfonds. Man arbeite auch an einer Analyse, wie hoch der Existenzlohn sein sollte. "Das System auf den Kopf stellen können wir aber nicht. Dafür ist Fairphone noch zu klein."

Das Fairphone

Die Idee stammt von Designern aus Amsterdam. Produziert wird das Smartphone in Chongqing, 1100 Kilometer nordwestlich von Hongkong. Die Arbeitsbedingungen in der Fairphone-Fabrik sind etwas besser als in manchen Werken, die für die großen Konzerne arbeiten. Die Arbeitszeit ist kürzer.

Die Vorgesetzten behandeln die Beschäftigten korrekt. Zwei der im Fairphone verwendeten Metalle - Zinn und Tantal - kommen aus Minen im Kongo, die angeblich nicht in die Kriegsökonomie eingebunden sind. Das Fairphone kostet 310 Euro - viel weniger als die neuesten iPhone-Modelle. Grund: Fairphone will keinen nennenswerten Gewinn machen. 60 Prozent der Fairphones haben bisher Kunden aus dem deutschsprachigen Raum bestellt.