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Wirtschaft in Bonn: Creditreform rechnet mit Zunahme der Firmenpleiten

Wirtschaft in Bonn : Creditreform rechnet mit Zunahme der Firmenpleiten

Die lokale Wirtschaft hat die Krise verhältnismäßig gut gemeistert. Die Creditreform rechnet ab Herbst mit mehr Pleiten.

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie und des staatlich verhängten Lockdowns werden im Herbst und Winter wohl auch in Bonn und der Region deutlichere Spuren hinterlassen. Das größte deutsche Wirtschaftsauskunftei-Unternehmen Creditreform rechnet in der Region Bonn mit einer Zunahme der Firmenpleiten um bis zu 20 Prozent verglichen mit den Vorjahren.

In Zahlen könnten damit 160 bis 200 Unternehmen mehr vom Markt verschwinden als in früheren Jahren. Dabei sei die Wirtschaft in Bonn und Umgebung insgesamt besser durch die Krisen-Monate gelangt als die Unternehmen bundesweit, glaubt Jörg Rossen, seit 2013 Geschäftsführer der hiesigen Creditreform-Geschäftsstelle.

Der 1. Oktober könnte zum Tag der Wahrheit für die regionale Wirtschaft werden. Dann müssen Unternehmen wieder binnen drei Wochen einen Insolvenzantrag stellen, sobald sie überschuldet sind und ihren Zahlungspflichten nicht nachkommen können. Im März hatte die Bundesregierung diese Pflicht wegen des Lockdowns für ein halbes Jahr ausgesetzt. Damit sind derzeit Firmen im Markt, die eigentlich längst nicht mehr tätig sein dürften. Die kuriose Folge: Während nach der Finanzkrise 2008 die Zahl der Pleiten um zwölf Prozent stieg, gab es im ersten Halbjahr 2020 sogar weniger Insolvenzen als im Jahr zuvor.

Lieferanten gewähren 450 Milliarden Euro Kredit

Vor allem im ersten und zweiten Quartal 2021 werde die Normalisierung der Regelung dem Bonner Amtsgericht nun aber vermehrt Insolvenzanträge bescheren, glaubt Rossen. Eine „Verlängerung der Blindflugphase“, wie derzeit politisch heftig diskutiert, sei dennoch nicht hilfreich, warnt er. Damit würden wirtschaftlich gesunde Firmen gefährdet, die de facto bankrotten „Zombie-Unternehmen“ unwissentlich Lieferkredite gewährten und auf ihren Forderungen sitzenbleiben könnten. Deren Volumen ist gewaltig: Während Banken und Sparkassen bundesweit insgesamt kurzfristige Betriebskredite von 180 Milliarden Euro finanzieren, gewähren Lieferanten ihren Kunden permanent 450 Milliarden Euro Kredit.

Für fundiertere Aussagen zu Auswirkungen der Krise ist es zu früh. Die Veröffentlichung der Unternehmensabschlüsse erfolge erst mit zweijährigem Abstand, sagt Rossen. Creditreform in Bonn hat aber Datensätze von 3500 Unternehmen aus der Region ausgewertet, die diese freiwillig zur Verfügung stellen. Daraus lässt sich eine beunruhigende Tendenz erkennen: „Sowohl die Zahl der offenen Forderungen, als auch die Überziehung von Zahlungszielen und der Ausfall von Forderungen haben in den letzten Monaten sichtbar zugenommen“, erklärt Rossen.

Krise traf Sektoren sehr unterschiedlich

Dabei traf die Krise nicht nur die Sektoren der Wirtschaft sehr unterschiedlich. Während der Lebensmittelhandel, Floristen, Baumärkte, Innenausstatter oder die in Bonn vermehrt ansässige IT-Industrie profitierten, litten vor allem das Messegeschäft, die Touristik und Gastronomie sowie der Textilhandel. „Die Lager der Händler sind voller Ware, die kaum noch abzusetzen ist und die viel Liquidität bindet“, erklärt Rossen. Der angespannte Markt für Büroimmobilien in Bonn werde sich mit dem Trend zum Homeoffice und zu Videokonferenzen dauerhaft entschärfen. Die Preise für Büromieten könnten sinken.

Doch auch innerhalb der Branchen gebe es erhebliche Unterschiede: Viele Betriebe hätten sich in der seit 2009 anhaltenden Phase extremer Niedrigzinsen zunehmend mit Krediten finanziert. Das Steuerrecht habe zudem die Tendenz gefördert, Eigenkapital aus Gesellschaften wie GmbHs zu entnehmen. Viele hätten dabei den Strukturwandel etwa in der Automobil-Industrie und bei Zulieferern, hin zum Online-Handel oder zur De-Globalisierung sowie die bereits erkennbar schwächelnde Konjunktur übersehen oder unterschätzt. Rossen spricht von einer „Verkrustung unrentabler Geschäftsmodelle“.