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Nach der Solarworld-Pleite: „Damit hat hier keiner gerechnet“

Nach der Solarworld-Pleite : „Damit hat hier keiner gerechnet“

Die Solarworld-Mitarbeiter wurden von der Insolvenz-Ankündigung überrascht. Über die Auswirkungen auf die Branche gehen die Einschätzungen von Experten auseinander.

Tag eins nach der Insolvenzankündigung: Bei Solarworld in Bonn herrscht bedrückte Stimmung. „Wir wussten zwar von den Risiken, mit dem Insolvenzantrag hat hier aber keiner gerechnet“, sagt Peter Finger, Solarworld-Betriebsratsvorsitzender für den Standort Bonn. Die Arbeitnehmervertreter wollten sich dafür einsetzen, dass das Unternehmen insgesamt, der Standort Bonn und möglichst viele Arbeitsplätze gerettet werden.

„Solarworld ist es wert, erhalten zu bleiben“, sagt Finger. Der Betriebsrat hoffe nun auf eine schnelle Benennung des Insolvenzverwalters, damit der Betrieb sich wieder normalisiere. Auch die Mitarbeiter der Produktion in Freiberg (Sachsen) und Arnstadt (Thüringen) wurden nach Angaben aus Betriebsratskreisen von der Pleite überrascht.

Über die Auswirkungen auf die Branche gehen die Meinungen auseinander. Unternehmenschef Frank Asbeck bezeichnete die Insolvenz als „bitteren Schritt auch für die Solarindustrie in Deutschland.“ Der dem Unternehmen nahestehende Industrieverband EU Pro Sun kritisierte mangelnde politische Rückendeckung gegen Billig-Importe aus Asien. „Auch die 2013 eingeführten Antidumpingmaßnahmen wurden lange Zeit nur halbherzig kontrolliert, so dass kontinuierlich weiterer Schaden für die heimische Industrie entstanden ist“, heißt es in einer Mitteilung des Verbands. Ursache seien massive Überkapazitäten in China und staatlich finanziertes Preisdumping.

Beim Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) sieht man die Lage gelassener. „Die Insolvenz von Solarworld ist bitter, bedeutet aber nicht das Ende der Solarenergie in Deutschland“, sagte Verbands-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Es gebe in der deutschen Solarindustrie „eine ganze Reihe erfolgreicher Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette“. Dazu zählten viele Mittelständler, die sich frühzeitig auf hochwertige Produkte und Nischenangebote spezialisiert hätten. Die Konsolidierungsphase der letzten sieben Jahre, in der sich die Zahl der Arbeitsplätze in der deutschen Solarindustrie von rund 100 000 auf heute 50 000 halbiert habe, sei beendet. „Die Nachfrage nach Solarenergie steigt nicht nur weltweit, sondern auch wieder in Deutschland“, so der Verbandsgeschäftsführer. So sei die neu installierte Leistung der Solaranlagen in Deutschland in den ersten drei Monaten dieses Jahres um 65 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen. „Die Auftragsbücher in Handel und Handwerk sind gut gefüllt“, sagte Körnig.

Von den deutlich gesunkenen Modulpreisen, die Solarworld belastet haben, profitierten andere Unternehmen der deutschen Solarbranche – einige davon auch als Zulieferer der Chinesen: „Die Produzenten von Maschinen und Anlagen für die Solarindustrie, aber auch die Speicher-Hersteller sind gut im Geschäft“, so der BSW-Hauptgeschäftsführer.

Solar-Experte Martin Ammon von der Bonner Unternehmensberatung EuPD Research befürchtet bei einer Zerschlagung der Solarworld AG eine weitere Schwächung der Forschungskompetenz für Solarenergie in Deutschland. „Durch die vielen Insolvenzen in der Branche in den vergangenen Jahren hat der Standort bereits stark gelitten,“ sagte Ammon. Solarworld habe zu lange darauf gesetzt, die gesamte Wertschöpfungskette selber abzudecken. „Selbst als größtes deutsches Unternehmen gibt es kaum Chancen auf dem Weltmarkt gegen Konkurrenten, die in Asien bis zur achtfachen jährlichen Solarmodul-Leistung produzieren“, sagte er.

Vielleicht sei die Insolvenz für die Solarworld sogar eine Chance, das Geschäftsmodell umzukrempeln. Als „Minimallösung“ bezeichnete er die Möglichkeit, dass von Solarworld eines Tages nur noch der Markenname bestehen bleibe. „Die Produkte haben einen guten Ruf.“