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Commerzbank-Chef Martin Blessing: "Eine risikofreie Anlage gibt es nicht"

Commerzbank-Chef Martin Blessing : "Eine risikofreie Anlage gibt es nicht"

Commerzbank-Chef Martin Blessing stellte sich im Landesmuseum in Bonn den Fragen der GA-Leser.

Regulierung der Finanzmärkte, Staatsschuldenkrise und Produktrisiken: 250 GA-Leser und Commerzbank-Kunden und die GA-Redakteure Andreas Mühl und Julian Stech diskutierten am Dienstagabend im Rheinischen Landesmuseum in Bonn mit Commerzbank-Chef Martin Blessing.

Banken haben seit der Finanzkrise ein eher schwieriges Image. Finden Sie bei der Commerzbank noch genügend Nachwuchs?
Martin Blessing: Der Banker ist in der Skala der beliebtesten Berufe nach unten gerutscht. Das ist kein Geheimnis. Die Commerzbank muss sich aber bei den Auszubildenden keine Sorgen machen. Wir stellen dieses Jahr zwischen 600 und 700 Auszubildende ein und hatten fast 20 000 Bewerbungen. Dass dagegen bei den Hochschulabsolventen die Finanzwirtschaft nicht mehr so weit oben steht, wie das vor der Krise der Fall war, beobachten wir auch. Aber auch hier haben wir genügend Bewerber. Das Kernthema ist eher ein Vertrauensproblem zu den Kunden. Da mussten wir etwas tun. Der erste Schritt war, die Kundenzufriedenheit zu verbessern und die Berater stärker danach zu bewerten.

Und welche Lehren haben Sie aus Ihren Befragungen gezogen?
Blessing: Ein Beispiel. Wir haben einen Kundenkompass entwickelt. Kunde und Berater wissen nach so einem Gespräch genau, welche Produkte zu dem Kunden passen und welche nicht. Wir analysieren, wo der Kunde finanziell steht, ob er für das Alter vorsorgen oder ein Haus bauen möchte. Es geht darum, unsere Kunden besser zu verstehen. Aber das allein reicht nicht. Wir haben auch unsere Produkte besser gemacht: Bei der Baufinanzierung haben wir beispielsweise die Bearbeitungszeit wesentlich verkürzt.

Nun ist die Baufinanzierung ja eher ein unproblematisches Produkt. Schlechte Erfahrungen in der Finanzkrise machten Anleger beispielsweise mit Schiffsfonds. Können Sie heute ausschließen, dass solche Produkte an Kunden verkauft werden, die dafür nicht geeignet sind?
Blessing: Bei der Geldanlage stellt sich immer die Frage, wie viel Risiko ich eingehen möchte. Vor der Finanzkrise sind auch Produkte verkauft worden, bei denen der Kunde nicht immer verstanden hat, welche Risiken sie beinhalten. Das wollen wir durch eine bessere Beratung vermeiden. Aber eine wirklich risikofreie Anlage gibt es nicht. Je größer die Rendite, desto größer das Risiko. Eine stärker auf den Kunden ausgerichtete Beratung ist eine der Lehren, die wir aus der Finanzkrise gezogen haben.

Müssten Sie nicht auch Produktbeschreibungen verständlicher machen?
Blessing: Wir haben hier einen Zielkonflikt. Einerseits soll es leicht verständlich sein, andererseits ist es wichtig, dass wir die Dinge rechtlich sauber formulieren. Auch Gesetzestexte versteht nicht jeder. Trotzdem können wir an dieser Stelle besser werden. Aber wenn Sie als Kunde das Produkt Ihrem Partner daheim nicht erklären können, dann fragen Sie lieber noch einmal nach. Und wenn Sie es dann immer noch nicht verstehen, lassen Sie die Finger davon.

Am Münsterplatz in Bonn wird derzeit ein Gründerzeithaus entkernt. Das wird ab 2016 Ihre neue Heimat sein. 2016 wollen sie auch wieder Dividende zahlen. Ist das ein Symbol für die Entwicklung der Commerzbank insgesamt?
Blessing: Wir haben schwierige Jahre hinter uns und mussten eine Menge an Aufräumarbeiten erledigen. Aber wir kommen voran. Wir haben im Privatkundengeschäft unser operatives Ergebnis wieder gesteigert und stehen auch in unserem Firmenkundengeschäft beim Ergebnis besser da als im ersten Halbjahr 2013. Die Investitionen zahlen sich aus. Während unserer Kampagne zur Fußball-WM haben rund 14 Prozent unserer Kunden ein Konto über das Internet eröffnet. Vor einem Jahr erfolgte erst ein Prozent der Kontoeröffnungen online. Parallel testen wir gerade die Weiterentwicklung unserer Filialen.

Gerade da bauen Sie aber viele Arbeitsplätze ab.
Blessing: Stellenabbau ist nicht allein ein Filialthema. Aber das Verhalten unserer Kunden hat sich massiv verändert und wird sich auch weiter verändern: Meine Mutter ist noch wesentlich öfter in eine Bankfiliale gegangen, als meine Töchter das tun. Immer weniger Kunden gehen heute in eine Bank und lassen sich eine Überweisung ausfüllen. Man geht auch nicht mehr zum Sparbuchnachtrag in die Filiale. Daher können wir das Geschäft mit weniger Mitarbeitern abwickeln, als wir das in der Vergangenheit getan haben. Die Stärke der Filiale ist die Beratung. Wir investieren in viele Dinge, aber diese Investitionen führen eben nicht immer zwangsläufig dazu, dass es mehr Beschäftigte gibt.

Amerikanische Regulierungsbehörden haben in letzter Zeit außergerichtlich enorme Strafen für europäische Banken festgelegt, weil sie auf Dollarbasis an sanktionierte Länder geliefert haben. Das kommt auf die Commerzbank auch noch zu. Wird da nicht auch der Dollar zum Problem?
Blessing: Ein Großteil des deutschen Exporthandels läuft bekanntlich nach wie vor über den US-Dollar. Da stellt sich die Frage, wie wir es schaffen können, den Euro so stabil zu machen, dass er auch im internationalen Geschäft eine wirkliche Alternative zum Dollar wird.

Schaffen wir das?
Blessing: Wer heute eine amerikanische Staatsanleihe kauft, kauft das Versprechen, dass sie insolvenzfest ist. Da steht das Versprechen der amerikanischen Notenbank dahinter, zur Not die Staatsanleihe zu kaufen und zu refinanzieren. Das gibt es in Europa nicht. Damit ist aus Sicht der Investoren eine Anlage in Euro immer viel problematischer. Auch deshalb wird der Dollar bevorzugt. Wir müssen uns also fragen: Wie können wir die Anlage für Investoren sicherer machen? Aber das allein reicht nicht. Wenn wir uns die Größe der Volkswirtschaften anschauen, und überlegen, wo Deutschland im Jahr 2030 steht, dann bin ich mir nicht sicher, ob wir dann bei den G7 noch dabei sein werden. Andere Länder wachsen einfach viel schneller. Sitzt man also am Schluss noch mit am Tisch, wenn über zukünftige Regeln gesprochen wird? Als Eurozone ist unsere Chance sehr groß. Als Einzelstaat in Europa dagegen sind wir ganz schnell am Katzentisch vor der Tür.

Sie haben geschildert, was die Commerzbank aus der Finanzkrise gelernt hat. Wo wird denn der Kurs der Commerzbank-Aktie hingehen?
Blessing: Über die Kursentwicklung der Commerzbank darf ich aus rechtlichen Gründen keine Aussage machen.