IHK-Nachhaltigkeitsbericht Energieintensive Firmen in der Region vor großen Herausforderungen

Bonn · Energieintensive Unternehmen in Bonn und der Region haben es angesichts hoher Strom- und Gaspreise nicht leicht. Viele überdenken ihren Verbrauch von Strom und Gas. Ein Unternehmen will nun in großem Stil in seine Energieeffizienz investieren.

 SGL Carbon in Bonn-Mehlem stellt unter anderem kleine Graphitbauteile für die Automobilbranche her.

SGL Carbon in Bonn-Mehlem stellt unter anderem kleine Graphitbauteile für die Automobilbranche her.

Foto: Benjamin Westhoff

Das Werk des Kohlenstoffspezialisten SGL Carbon in Bonn-Mehlem ist für den Wiesbadener Konzern eines der wichtigsten. Nicht nur ist er der weltweit zweitgrößte Standort, auch ist er spezialisiert auf den umsatzstärksten Geschäftsbereich: Der Herstellung von Spezialgraphit, aus dem sich Produkte für Zukunftsbranchen wie der Halbleiter-, Solar- und E-Autoindustrie verarbeiten lassen. Die Graphit-Produktion ist jedoch extrem energieintensiv.

Spätestens seit dem Ukraine-Krieg wird das zur Herausforderung: „Wir brauchen 100 Gigawattstunden Strom und Gas pro Jahr, weil wir bei Temperaturen von bis zu 3000 Grad und mit einem Druck von 2000 bar produzieren“, sagt Julia Herting, Leiterin des Werks in Bonn-Mehlem, in dem 850 Menschen arbeiten. Solche Mengen an Energie sind nur schwer vorstellbar: Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht im Jahr an die 5000 Kilowattstunden Strom. Eine Gigawattstunde entspricht einer Million Kilowattstunden.

Energieintensive Industrie mit großer Bedeutung für die Region

SGL Carbon gehört damit zu einem der 124 Unternehmen in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis, die als besonders energieintensiv gelten. Rund drei Prozent aller nordrhein-westfälischen energieintensiven Unternehmen sind hier ansässig. Sie gehören etwa der Chemie-, Kunststoff- und Glasbranche an, wobei Chemie- und Kunststoffunternehmen dominieren. Zusammen beschäftigen sie fast 9000 Mitarbeiter und machen einen jährlichen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro.

Für die Wertschöpfung der Region seien sie also ein zentraler Faktor, sagt Stephan Wimmers, Geschäftsführer Standortpolitik der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg, als er am Dienstag den ersten Nachhaltigkeitsbericht zur energieintensiven Industrie im Kammerbezirk vorstellt. Umso mehr treffe es den Standort, wenn diese Betriebe zunehmend unter den hohen Strom- und Gaskosten leiden. Nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine ist die Produktion vieler energieintensiver Industrien eingebrochen, wie der Nachhaltigkeitsbericht zeigt.

SGL Carbon will zweistelligen Millionenbetrag investieren

Bei SGL Carbon gab es laut Werksleiterin Herting zwar keine Produktionsrückgänge. Klar ist aber: Energie sparen steht ganz oben auf der Agenda – und dabei auch gleich noch die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Denn bis 2038 will das Unternehmen klimaneutral sein. Einen zweistelligen Millionenbetrag will SGL Carbon dafür in den nächsten zwei bis drei Jahren am Bonner Standort investieren. „Wir wollen unsere Anlagentechnik modernisieren und Prozessabwärme stärker nutzen. Auch die Wärmeversorgung unserer Gebäude soll effizienter werden“, sagt Herting. Zudem sollen einzelne Produktionsschritte nachhaltiger werden: Wenn etwa die Graphitblöcke in speziellen Öfen nachbehandelt werden, sollen die Öfen künftig mehr Blöcke auf einmal aufnehmen können.

Aktuell setzt SGL Carbon in seinem Werk etwa hälftig auf Strom und Gas. Für mehr grünen Strom will das Unternehmen seine Photovoltaikanlage erweitern. Das allein reicht aber nicht. Perspektivisch will die Firma daher auch auf Wasserstoff setzen. Doch hier fehlt noch die Infrastruktur: „Wir hätten hier am Standort gar nicht die Möglichkeit, Wasserstoff selbst herzustellen. Was wir also brauchen, ist ein Zugang zum Wasserstoffnetz.“

Wimmers: Wasserstoff-Infrastruktur muss besser werden

Darin insistiert auch Wimmers von der IHK und verweist auf das geplante deutsche Wasserstoff-Kernnetz, mit dem die Bundesregierung Häfen, Industrie, Speicher und Kraftwerke miteinander verbinden will. Nach aktuellem Stand sollen zwei Wasserstoffleitungen links und rechts von Bonn durch den Rhein-Sieg-Kreis führen. „Wir müssen auch in Bonn unbedingt an dieses Wasserstoff-Kernnetz angeschlossen werden“, sagt Wimmers. Das sei umso wichtiger, da der Großteil des Wasserstoffs über die Terminals im Norden kommen werde: „Wir dürfen als südlich gelegenerer Standort nicht den Anschluss verlieren.“

Gut findet die IHK, dass durch das Strompreispaket die Stromsteuer für Unternehmen deutlich gesenkt wird, und dass mit den Klimaschutzverträgen die Mehrkosten klimafreundlicher Produktionsverfahren ausgeglichen werden. Allerdings betreffe ein Teil des Strompreispakets nur ausgewählte energieintensive Unternehmen, was die Probleme der Branche langfristig nicht löse.

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