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Interview mit Telekom-Personalvorständin: „Es geht zu viel verloren, wenn wir zu 100 Prozent virtuell arbeiten“

Interview mit Telekom-Personalvorständin : „Es geht zu viel verloren, wenn wir zu 100 Prozent virtuell arbeiten“

Bei der Deutschen Telekom ist noch die Mehrheit der weltweit 210.000 Mitarbeiter im Homeoffice. Birgit Bohle, Telekom-Personalvorständin und Arbeitsdirektorin, geht fest davon aus, dass die Corona-Pandemie die Arbeitswelt dauerhaft verändert.

Wie geht die Telekom mit den wieder ansteigenden Corona-Infektionszahlen um?

Birgit Bohle: Wir sind permanent im Austausch mit Experten zu Hygiene- und Abstandsregeln. In diesem Monat haben wir die letzten Bürogebäude wieder geöffnet. Alles ist auf Vorsicht  und die größtmögliche Sicherheit unserer Beschäftigten ausgelegt. Nur 50 Prozent der Arbeitsplätze sind freigegeben. Derzeit sind etwa 30 bis 40 Prozent belegt. Wir haben also viel Platz. Viele Mitarbeiter verspüren  das Bedürfnis, wieder ins Büro zu kommen und die Kollegen zu treffen. Diesem Bedürfnis können wir mit gutem Gewissen nachkommen.

Gibt es Vorgaben, wie viele Mitarbeiter wieder ins Büro kommen sollen?

Bohle: Nein. Es gilt derzeit aber die Höchstgrenze von 50 Prozent Belegung. Jede Abteilung muss für sich je nach Anlass entscheiden, ob ein persönliches oder virtuelles Treffen besser ist.  Einige Mitarbeiter haben keine guten Arbeitsbedingungen zu Hause, sie fühlen sich im Büro besser. Der operative Kundendienst zum Beispiel  hat seit 1. August eine neue Betriebsvereinbarung mit einem gesplitteten Modell: Drei Tage ist man im Büro da, zwei Tage ist man zu Hause.

Gehört der gesplitteten Arbeitswelt zwischen Home-Office und Firmenbüro die Zukunft?

Bohle: Ja. Wir haben im Vorstand Leitplanken verabschiedet, weil wir das Beste aus beiden Welten haben wollen. Schon 2016 waren wir das erste Dax-Unternehmen, das einen Tarifvertrag zum Thema mobiles Arbeiten geschlossen hat. Der Anteil mobilen Arbeitens wird natürlich deutlich steigen. Aber wir sind uns sicher, dass die Menschen einen Teil der Arbeit auch in den Büros erledigen wollen. Sie sind ein Ort der Identität und der Kultur. Es geht zu viel verloren, wenn wir zu 100 Prozent virtuell arbeiten. Das kreative Brainstorming, das Kennenlernen im Team, das kurze Gespräch in der Kaffeeküche  das funktioniert persönlich einfach besser. Die hybride Arbeitsweise ist die Zukunft.

Wie sieht die Zukunft von Dienstreisen aus?

Bohle: Wir werden deutlich weniger reisen. Das nützt der Umwelt, den Mitarbeitern und den Finanzen des Unternehmens. Aber natürlich fährt der Vertriebsmitarbeiter weiter zum Kunden, wenn er Geschäftsabschlüsse machen will. Die Bereiche müssen selbstständig entscheiden, welche Reisen nötig sind. Wir wollen und können nicht von oben vorgeben, wie in Kroatien oder in den USA gearbeitet wird. Das kommt gut an: Wir haben Höchststände in der Mitarbeiterzufriedenheit.

Dürfen Telekom-Mitarbeiter in Länder reisen, für die es eine Reisewarnung gibt?

Bohle: Wir sind sehr streng. Es gibt einen Dienstreise-Stopp für Länder mit Reisewarnung. Bei privaten Anlässen appellieren wir an die Mitarbeiter, dass sie auf solche Reisen verzichten. Im firmeneigenen Netz sagen wir sehr genau, wer nach der Rückkehr aus dem Urlaub erst einen Coronatest machen oder in Quarantäne gehen muss, bevor er oder sie wieder ins Büros kommt.

Die Telekom hat die Corona-App mitentwickelt und wirbt für sie. Wäre es nicht konsequent, wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeitern die Nutzung der App zur Vorschrift machen dürfen, um die Kollegen zu schützen?

Bohle: Wir sind stolz darauf, dass wir die App entwickelt haben. Die Anforderung der Bundesregierung ist eindeutig: Die Nutzung der App muss freiwillig sein. Auch ich bin aber kein Freund von Zwang. Unsere Führungsmannschaft und die Arbeitnehmervertreter haben gemeinsam für die App geworben. Nach allem, was wir aus der Belegschaft hören, nutzen sehr viele bei uns die App. Jetzt appellieren wir: Wenn Du positiv getestet wurdest, dann melde das unbedingt auch per App, damit andere Menschen gewarnt werden. Dies bedeutet: Wir treten für die App offensiv ein, wir setzen auf Überzeugung.

Wie stehen Sie zu den Forderungen nach einer Maskenpflicht am Arbeitsplatz?

Bohle: Das Tragen der Maske ist wesentlicher Bestandteil unseres Hygienekonzepts. Sie müssen in den Shops getragen werden und auch in den allgemein zugänglichen Bereichen der Bürogebäude, wie zum Beispiel Teeküchen oder Flure. Die Masken müssen nicht am Büro-Arbeitsplatz getragen werden: Wir haben jeden zweiten Platz gesperrt, um ausreichend Sicherheitsabstände zu gewährleisten. Man muss sich die Arbeitsbedingungen im Einzelnen anschauen. Im Servicecenter beim Telefonieren ginge es ja gar nicht mit Maske.

Wie geht die Telekom mit Bewerbungsgesprächen in Corona-Zeiten um?

Bohle: Wir haben das komplette Bewerbungsverfahren digitalisiert: Vom Videointerview über digitale Assessmentcenter bis zu einer Willkommensveranstaltung für 500 neue Mitarbeiter aus fünf Ländern. Kleine Tricks helfen. Wir haben einen Technikcheck 15 Minuten vor Beginn des tatsächlichen Bewerbungsgesprächs eingeführt. Das nimmt Nervosität.  Es gibt immer Kandidaten, die sich mit dem gewählten Programm nicht auskennen. Dann hilft ihnen einer von uns, und das Gespräch startet ganz locker.

Ein Modell für die Zukunft?

Bohle: Viele dieser Elemente werden wir auch in Zukunft digital weiterführen. Wir sind zeitlich flexibler, Bewerber sparen die Anreise. Strategisch wichtiger: Für viele Bewerber ist es ein wichtiger Entscheidungsgrund für einen Arbeitgeber, wenn sie von überall arbeiten können. Und für uns wird es wichtiger, dass sich Menschen im digitalen Umfeld bewegen können. Das sehen wir über das virtuelle Treffen natürlich sehr gut.

Ist es denkbar, eine Führungskraft einzustellen, die Sie nicht persönlich gesehen haben?

Bohle: Gerade haben wir für die Besetzung einer Top-Führungsstelle eine lange Serie an digitalen Gesprächen mit einem Bewerber geführt. Erst das letzte war dann persönlich. Wäre dies persönlich nicht möglich gewesen, wären wir auch zu einer Entscheidung gekommen.

Die Telekom hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahresende 30 Prozent der oberen und mittleren Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Wo steht das Unternehmen jetzt?

Bohle: Die Telekom hat sich bewusst ein sehr ehrgeiziges Ziel gesetzt. Wir werden es bis zum Jahresende nicht ganz erreichen. 2019 hatten wir international eine Frauenquote von 26 Prozent in den Führungspositionen. In Deutschland ist der Frauenanteil geringer und lag 2019 bei gut 22 Prozent.

Und nun?

Bohle: Wir werden von unserem Ziel nicht abrücken! Und machen Frauen zum Beispiel in unseren Top-Talentprogrammen bewusst sichtbar. Aber wir denken weiter: Bei diversen Führungsteams sind für uns auch Alter, Internationalität und die Vielfalt von Fähigkeiten wichtig. Hierfür braucht es neben den Talenten auch die Haltung und Überzeugung unserer Führungskräfte, dass uns dieser Weg erfolgreich macht. Denn in jeder Personalentscheidung  liegt am Ende der konkrete Hebel, den Frauenanteil und die Vielfalt in den Führungsteams zu verbessern.

Welche Rolle spielt für die Telekom derzeit die interne Stellenvermittlung Telekom Placement Services, die nach außen als Vivento auftritt?

Bohle: Sie leistet weiterhin die Aufgabe, Beschäftigten, deren Tätigkeit aufgrund des technologischen Wandels und der Transformation des Unternehmens wegfallen,  intern oder extern zu vermitteln.Das ist ein erfolgreiches Modell, auf das wir stolz sind. Es sind heute deutlich weniger Mitarbeiter in der TPS als vor einigen Jahren, nämlich etwas über 1800.

Eine Reihe von Beamten hat kürzlich in einem offenen Brief geklagt, dass sie ohne sachlichen Grund in die TPS-Organisation versetzt werden und mit harschen Worten über fehlende Perspektiven geklagt. Können Sie das nachvollziehen?

Bohle: Grundsätzlich nehmen solche Vorwürfe total ernst. Da gehen wir hinterher. Aber die Vorwürfe halten der Realität nicht stand.  Es kann durchaus sein, dass Beamte weiter entfernt vom Wohnort eingesetzt werden, weil es am alten Ort keine Einsatzmöglichkeit mehr gibt. Alle Maßnahmen werden mit Augenmaß abgewogen und durchlaufen die volle betriebliche Mitbestimmung. Und sie sind natürlich individualrechtlich überprüfbar.

 Im Unternehmen sind noch etwa 22 000 Beamte. Wie viele davon sind derzeit außerhalb der Unternehmen tätig?

Bohle: Derzeit sind etwa 1400 Beamte in anderen Bereichen tätig. Große Nachfrage gibt es bei der Bundesagentur für Arbeit. Momentan gibt es rund  9000 offene Stellen im öffentlichen Sektor. Die Angebote sind also da.

Wie viele Beamte haben bislang die gesetzliche Möglichkeit des engagierten Ruhestands genutzt, bei dem sie ab 55 Jahren frühzeitig gehen und sich dann ehrenamtlich engagieren?

Bohle: Es ist ein Instrument, das für uns große Bedeutung hat. Insgesamt sind n den vergangenen 15 Jahren 34 500 Beamte vorzeitig in den Ruhestand gegangen, rund 4700 davon ab 2017 über den engagierten Ruhestand.

Wird künstliche Intelligenz nicht in zehn Jahren die Hälfte der Telekom-Jobs am Ende unnötig machen?

Bohle: Das ist ein Blick in die Glaskugel. Davon halte ich nicht viel. Vor zehn Jahren hätten wir auch nicht prognostizieren können, wo wir heute stehen. Natürlich gibt es eine dauerhafte Transformation der Arbeit, verbunden auch mit Personalabbau, den wir bei der Telekom  sozialverträglich gestalten. Wir sollten nicht mit dramatischen Zahlenspielen ums uns werfen. Das schürt nur Ängste. Ja, wir werden Arbeitsabläufe digitalisieren. Mit dem Umbau brauchen wir aber auch neue Leute für viele Aufgaben.

Wie bekommen Sie die künftig gefragten digitalen Fähigkeiten in das Unternehmen?

Bohle: Wir haben drei Quellen: Wir sind einer der größten Ausbilder in Deutschland mit über 6000 Nachwuchskräften. Dabei  legen wir immer mehr Wert auf Inhalte rund um Digitalisierung und IT. Bei den Azubis machen diese Themen bereits 60 Prozent der Inhalte aus, bei den dualen Studenten 90 Prozent. Zweitens bilden wir in unseren eigenen Akademien derzeit hunderte Mitarbeiter weiter. Und wir rekrutieren national und international.

Wie weit ist der Stellenabbau bei der Geschäftskundensäule T-Systems vorangeschritten? Binnen drei Jahren sollen bei der Telekom-Tochter weltweit 4000 Stellen verlagert und 6000 entfallen.

Bohle: T-Systems hat 2018/2019 wirklich eine beeindruckende Transformation vollzogen. Die Positionierung ist klar. Von der Pandemie ist T-Systems stärker betroffen als andere Segmente. Wir sehen eine schwächere Umsatzentwicklung und weniger Auftragseingänge. Gleichzeitig werden derzeit Abfindungsangebote nicht so stark in Anspruch genommen. Personaleinsparungen waren in der akuten Krise für uns nicht erste Priorität, stattdessen stand die Sicherheit für Mitarbeiter im Vordergrund.

Sie sind in Remagen geboren und auf Nonnenwerth zur Schule gegangen. Haben Sie noch enge Beziehungen in die Region?

Bohle: Ich habe immer gesagt, dass ich irgendwann wieder am Rhein leben will. Jetzt bin ich hier. Meine Mutter wohnt weiterhin in Remagen. Ich habe Freunde in der Gegend. Ich fühle mich im Rheinland wohl. Und ein Teil der Familie ist auch schon nach Bonn nachgekommen.