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Gastbeitrag „Nach der Krise“: Experte sieht Neustart für den Tourismus nach der Krise

Gastbeitrag „Nach der Krise“ : Experte sieht Neustart für den Tourismus nach der Krise

Helmut Wachowiak, Tourismus-Experte und Professor an der Internationalen Hochschule Bad Honnef, schreibt in einem Gastbeitrag in der Reihe „Nach der Krise“ über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Tourismus und Chancen für das Reisen nach der Pandemie.

Der März 2020 wird Touristikern weltweit für immer im Gedächtnis bleiben: Erstmals seit den 1950er-Jahren bricht der Tourismus in nie für vorstellbar gehaltene Tiefen ein. Vorangegangene Krisen gab es zwar, aber diese fügten dem Tourismuswachstum der globalisierten Mobilitätsgesellschaft nur zeitlich begrenzte Dellen zu, keine gravierenden Einschnitte.

Jetzt aber stehen Fluggesellschaften, Hotels, Urlaubsregionen, Reiseveranstalter und –büros, Buchungsplattformen und Kreuzfahrtunternehmen sowie nicht zuletzt die Reisenden vor einer Situation, die sie niemals kannten oder sich vorstellen konnten. Das Coronavirus hatte für den Tourismus die Wirkung einer Wand bei einem Crashtest. Die „alte Reise“ gibt es nicht mehr!

2019 als Exzessive des Reisens

Das Jahr 2019 war das historische Rekordjahr des Tourismus. Die Wachstumsraten der freizeitmotivierten und beruflichen Mobilität entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten parallel zur Bevölkerungsexplosion und des globalen Wohlstandes, gestützt durch neue Geschäftsmodelle wie Low-Cost-Airlines, neue Vertriebsmöglichkeiten durch mobile Reiseapps, durch massive Investitionen in den Zielgebieten, in die Hotellerie und in die touristische Infrastruktur.

In den postmodernen Gesellschaften Europas, Nordamerikas und zunehmend Asiens gehört das Reisen zum Alltag, der Urlaub zum selbstverständlichen Mindset des Konsums, und selbst der für seine Studien zur Bedeutung verschiedener Bedürfnisebenen bekannte amerikanische Psychologe Abraham Maslow hätte Schwierigkeiten bekommen, zu beurteilen, ob der Urlaub nicht bereits ein Grundbedürfnis geworden ist.

Dies zumindest könnte man auch aus den Vorschlägen des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder herauslesen, Urlaubsgutscheine oder eine steuerliche Absetzbarkeit von Urlauben für finanziell benachteiligte Bürgerinnen und Bürger einzuführen, die es sich ansonsten nicht (mehr) leisten könnten zu verreisen (auch wenn hinter derartigen Ideen offensichtliche regionalökonomische Interessen hervorschauen).

Welchen Tourismus hat die Corona-Krise getroffen?

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie wurden schätzungsweise sieben bis zehn Milliarden internationale und Binnenübernachtungsreisen auf der Welt unternommen. Der Tourismus als globale Leitökonomie, verantwortet im Groben bereits circa zehn Prozent der Weltwirtschaft.

Doch was steht hinter diesen Zahlen, wenn man sie vor Ort betrachtet? Unabhängig von dem nach wie vor existierenden „guten“ und wünschenswerten Tourismus, dem glücklichen und fairen Reisen, den vielen Vorteilen des Reisens für Reisende und Bereiste? Vor Ort konnte man zunehmend einen Tourismus beobachten, der Jahr für Jahr seine Unschuld verlor.

Wir beobachteten Boardingprozesse von Billigfliegern an Flughäfen, die eher an einen Viehtrieb als einen dienstleistungsorientierten Umgang mit geschätzten Kunden erinnerte. Wir beobachteten Graffitis an mallorquinischen Hauswänden und Strandbuden mit der unmissverständlichen Aufforderung „tourists go home“. Wir beobachteten, wie ehemalige Sehnsuchtsorte zu Synonymen des Overtourism wurden, und wir beobachteten, wie stolze Städte der europäischen Kultur zur Kulisse für Junggesellenabschiede verkamen, wobei für die Protagonisten dieser Reiseart der Bierkonsum, trotz Kosten für Flug und Unterkunft, günstiger kam als zu Hause.

Wir beobachteten eine Kreuzfahrtindustrie, die die economies of scale bis an die physikalisch-nautischen Grenzen trieb und Kleinstädte bis zu 10 000 Menschen für einige Tage auf See verlagerten. Und so konnten wir beobachten, wie sich die (Welt-)Bevölkerung im ständigen körperlichen Austausch zwischen den Ländern und Regionen befand, mit alleine circa einer Million Menschen über den Wolken in jeder Sekunde.

Welchen Tourismus wollen wir nach der Corona-Krise haben?

Mehr als 30 Millionen Treffer der Google-Abfrage „Corona-Krise als Chance“ zeigen, dass sich viele Menschen und Organisationen Gedanken über eine bessere Zukunft für die Zeit nach dieser für viele Menschen eindringlichsten Katastrophe machen. Schon lange beschäftigen sich Fachleute mit der Frage nach einem zukunftsfähigen Tourismus, nach nachhaltigen Reiseformen und –erlebnissen, die nicht zulasten von Umwelt und anderen Menschen gehen.

Antworten gab es viele, aber keine signifikanten Lösungen im Umgang mit dem massentouristischen Phänomen, eher kleinteilige Ansätze alternativer Reiseformen. Es ist sicher nichts gegen Massentourismus an Orten einzuwenden, die dafür die notwendigen Tragfähigkeitsgrenzen bereithalten. Aber es spricht alles gegen Massentourismus an Orten, die hierfür nicht geeignet sind.

„Man bekommt, was man bezahlt…“. Dieser Lieblingssatz meiner Frau beschreibt das Dilemma der modernen Konsum- und Freizeitgesellschaft. Möglichst viel zu konsumieren unter gleichzeitig maximalem Effizienzdenken. Also viel Grillfleisch für wenig Geld, auch wenn man als Konsument die Konsequenzen genau kennt, aber ausblendet (die aktuelle Diskussion um Arbeitszustände in einigen deutschen Fleischfabriken dürfte jede(r) mitbekommen haben). Ist eine einwöchige Mittelmeer-Kreuzfahrt inklusive Flug und weiteren Dienstleistungen für unter 900 Euro nicht das Grillfleisch der Reisebranche? Von innerdeutschen Flügen für 30 Euro ganz zu schweigen?

Die aktuelle Situation ist für fast drei Millionen Beschäftigte der 2300 Reiseveranstalter, 11 000 Reisebüros, 33 000 Betriebe der Hotellerie, der Fluggesellschaften und Flughäfen, Kreuzfahrtreedereien, Freizeiteinrichtungen und einer Unzahl weiterer touristischer Dienstleister verheerend. Wir alle wünschen uns, das die derzeitigen Hoffnungen auf eine Rückkehr zum Urlaubsgeschehen schon in diesem Sommer erfüllt werden und dass das vielzitierte ökonomische „U-Szenario“ zur Rückkehr der Wirtschaft auf das Vor-Coronaniveau ein möglichst „spitzes U“ sein möge.

Der Sommer 2020 markiert einen seit dem Zweiten Weltkrieg nie dagewesenen Neustart. Wir sollten uns aber auch ehrlich machen mit den offensichtlichen Grenzen des touristischen Wachstums. Wenn wir nachhaltig auch für die Urlaube unserer Kinder denken wollen, müssen wir uns, wie im Grunde auch bei den Klimazielen, darauf einrichten, dass es ohne radikale Lösungen nicht gehen wird. Beschränkungen der Besucheranzahl an belasteten Orten sowie die Berücksichtigung bislang nicht eingepreister Kosten des Reisens dürfen keine non-grata-Themen in der Touristik bleiben, die sich bislang eher wenig um die Folgen des Reisens gekümmert hat.

Die Corona-Pandemie zeigt jedoch, wie wichtig ein zukunftsorientierter und nachhaltig ausgerichteter Tourismus für Tourismuswirtschaft wie Menschen ist. Ein Tourismus, der seine eigenen Grundlagen durch kurzfristiges Gewinndenken zerstört, kann auch wie ein Virus wirken, nur nicht so schnell. Gerade deshalb muss uns alle daran gelegen sein, einen Tourismus der Zukunft jetzt gut zu gestalten. Wir müssen und sollten nicht wieder reisen wie „vorher“!