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Zukunft der Region nach Corona: Fehlende Kitaplätze verhindern mehr Frauen in Jobs

Zukunft der Region nach Corona : Fehlende Kitaplätze verhindern mehr Frauen in Jobs

Politik, Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten am Montag auf Einladung des SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Hartmann über die Zukunft der Region nach der Corona-Pandemie. Laut NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) hat sich die Trennung von Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis überholt.

Die Region hat den Strukturwandel, insbesondere den Wegzug von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat, sehr gut bewältigt, das ist zumindest die allgemeine Lesart. Um 136.000 Einwohner sind Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis seit 1990 gewachsen, wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Hartmann am Montag in einer Videokonferenz sagte. Telekom, Post, Cyber Security Cluster, Wissenschaftseinrichtungen und UN-Organisationen sorgen für einen dynamischen Arbeitsmarkt, die Arbeitslosigkeit im bundesweiten Vergleich ist relativ niedrig geblieben, trotz Corona.

Schaut man genauer hin, zeigen sich aber Verwerfungen. Ob es die hohe kommunale Verschuldung ist, die Abwanderung beziehungsweise die geringe Zuwanderung aus der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen, die hohen Gewerbesteuerhebesätze oder die geringe Zahl der Baugenehmigungen: Bei all diesen Indikatoren hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln große Probleme in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis ausgemacht.

In einem Regionalranking, das die 401 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland miteinander verglich, landete Bonn im vergangenen Jahr auf Platz 95, also gerade noch im oberen Viertel, während der Rhein-Sieg-Kreis auf Platz 232 im unteren Mittelfeld landete. Machten dem Kreis vor allem die Wirtschaftsstruktur und der Arbeitsmarkt zu schaffen, ragte in Bonn die mangelnde Lebensqualität hervor, eine Kategorie, die sich aus Indikatoren wie etwa Straftaten (Rang 349 von 401), Baugenehmigungen (Rang 283), private Überschuldung (Rang 165), Ärztedichte (Rang 5) und Wanderungssaldo der 30- bis 50-Jährigen (Rang 378) zusammensetzt.

Erschreckend: Geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen

Als „erschreckend“ bezeichnete Hartmann die geringe Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben – Bonn landete damit 2019 auf Rang 374, hier gingen 51,3 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, im Rhein-Sieg-Kreis waren es laut der IW-Studie 56,1 Prozent. IW-Geschäftsführer Hubertus Bardt, der die Studie bei der Konferenz auf Einladung Hartmanns vorstellte, konnte keine umfassende Erklärung für diese niedrige Beteiligungsrate liefern. Einen Grund sah er aber in fehlenden Kinderbetreuungsplätzen. Dabei dürfte eins zum anderen kommen: Das Fehlen von Wohnraum für Familien beziehungsweise die hohen Immobilienpreise dürften ihren Anteil daran haben, dass gerade die Jüngeren wegziehen.

Insgesamt beschrieb Bardt das Bild der Region als „sehr heterogen“. „Unsere große Chance ist, dass wir bei den wissensbasierten Dienstleistungen stark sind“, was für den Aufschwung nach dem Ende der Pandemie wichtig sei, so Bardt, der für die Konferenz auch einen Vergleich der einzelnen Kommunen in der Region im Verhältnis zu den 396 NRW-Kommunen erstellt hatte.  

Mit 14 Prozent trägt die Industrie zur Wertschöpfung in der Region bei, die auch Dank der Kunststoffbranche die Krise bisher erstaunlich gut überstanden hat, wie Stephan Wimmers, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) berichtete. Auch die meisten Dienstleistungsunternehmen hätten das vergangene Jahr recht gut gemeistert.  Einzelhandel, Gastgewerbe und die Verkehrsbranche hätten dagegen große Probleme zu bewältigen. „Wir haben ein Jahrzehnt der Baustellen vor uns“, erklärte Wimmers mit Blick auf die zahlreichen Sanierungsprojekte, die die Mobilität der Logistikbranche stark behindern werden, aber auch für die Berufspendler weitere Belastungen mit sich bringen werden.

70 Ladenlokale in Troisdorf stehen leer

Laut Jannis Vassiliou, dem Vorsitzenden des Einzelhandelsverbandes Bonn/Rhein-Sieg/Euskirchen, hat das Ladensterben infolge von Corona längst begonnen. Allein in Troisdorf stünden 70 Geschäftslokale leer. Mehr als 1000 Einzelhandelsgeschäfte in seinem Bezirk seien gefährdet. Er forderte eine Entlastung bei der Gewerbesteuer und Zahlungserleichterungen bei Steuern und Gebühren.

Die Corona-Pandemie kann aus Sicht von Vassiliou allerdings auch eine Chance sein. „Ein integriertes Online-Offline-Angebot ist dringender denn je. Man muss diese Angebote so verschmelzen, dass sie nicht mehr voneinander zu trennen sind.“ In seiner Vision wird das stationäre Innenstadtgeschäft zum Showroom, wo der Kunde die Ware ausprobieren kann und direkt am Terminal bestellt. Die Auslieferung erfolgt dann zum gewünschten Zeitpunkt. „Wir werden aber auch die weitere Filialisierung sehen“, sagte Vassiliou.