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Gastbeitrag von Bonner Investor: Frank Thelen: „Die Situation als Weckruf verstehen“

Gastbeitrag von Bonner Investor : Frank Thelen: „Die Situation als Weckruf verstehen“

Was kommt nach der Corona-Krise? Wird sie unsere Welt verändern oder verfallen wir wieder in den alten Trott? Fragen, die viele von uns umtreiben. Der GA bittet in lockerer Folge Gastautoren, sich dem Thema zu nähern. Der Bonner Investor Frank Thelen macht den Anfang.

Neben den offensichtlichen, gesundheitlichen Herausforderungen werden langsam auch die Bedenken um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise lauter. Die Schutzschirme der Bundesregierung sind ein gutes und wichtiges Signal, aber je nach Ausmaß und Dauer der Maßnahmen werden sie nicht jedes Unternehmen retten können. Einige waren vielleicht schon vorher angeschlagen, andere können die Umsatzeinbuße durch Schließungen langfristig nicht ausgleichen. Auch über die gesellschaftlichen Folgen lassen sich aktuell kaum Vorhersagen treffen, da dies eine so noch nie dagewesene Situation ist.

Uns alle beschäftigt aktuell die Frage, wann und wie es weitergeht. Wann werden die Einschränkungen gelockert? Wann werden wir die Wirtschaft wieder hochfahren? Wann werden wir unser Land aus dem künstlichen Koma aufwecken? Ich möchte aktuell nicht in der Haut unserer Spitzenpolitiker stecken. Die Entscheidungen, die hier momentan auf Basis unzureichender Daten und Faktenlage getroffen werden müssen und die unvorhersehbare Auswirkungen haben können, sind extrem komplex. Es ist keine einfache Zeit für Deutschland, Europa und die ganze Welt.

Dennoch gibt es einige wichtige Lektionen, die speziell wir Deutschen aus dieser Zeit mitnehmen können und sollten.

Starthilfe für die Digitalisierung:

Deutschland hat die Digitalisierung bislang weitestgehend verschlafen. Zahlreiche Unternehmen bekommen hierfür aktuell die Quittung. Ganze Teams müssen ins Homeoffice, Arbeitsprozesse müssen abrupt digitalisiert werden, Mitarbeiter müssen sich von heute auf morgen an die digitalen Tools gewöhnen. Unternehmen, die ihre Prozesse schon vor Corona digitalisiert haben, haben nun einen klaren Vorteil. Aber Digitalisierung ist nicht nur zu Pandemie-Zeiten ein wertvolles Asset: Die Technologien entwickeln sich stetig weiter, und wer sein Unternehmen jetzt nicht zu 100 Prozent digitalisiert, wird zukünftig den Anschluss verlieren. Software ist schon heute in der Lage, viele Arbeitsprozesse schneller, günstiger und zuverlässiger zu übernehmen – und sie wird zukünftig immer mehr Aufgaben übernehmen können. Unternehmen, die sich dies nicht zunutze machen, werden abgehängt.

Wir sollten die aktuelle Situation also als Weckruf verstehen und nutzen, um Deutschland für die digitale Zukunft fit zu machen. Unser größtes Problem war sehr lange: „Good is the biggest enemy of great”. Es ging uns einfach zu gut, deshalb sind wir träge geworden. Die aktuelle Situation zwingt uns dazu, uns zu bewegen, und das ist gut so. Ich sehe hier eine große Chance, dass Deutschland nach Corona ein digitaleres und somit ein zukunftsfähigeres Land ist.

Daten sind nicht pauschal böse:

Dazu gehört auch, dass wir unsere Einstellung zum Umgang mit Daten überdenken müssen. Daten sind wichtig, um zukünftige Pandemien und andere globale Herausforderungen schneller und besser in den Griff zu bekommen. Aktuell wird viel über eine mögliche Corona-App diskutiert, die dabei unterstützen soll, die Verbreitung nachzuvollziehen und Infektionsketten zu stoppen. Einige sehen ihre Privatsphäre gefährdet und sprechen sich pauschal gegen eine solche App aus, offenbar, ohne sich damit wirklich auseinandergesetzt zu haben.

Denn wer sich die Technik hinter der europäischen PEPP-PT-Plattform anschaut, der wird feststellen, dass die Daten nur anonymisiert und verschlüsselt auf einem Zentralserver gespeichert werden. Die oberste Ebene bildet ein P2P-Netzwerk und läuft somit nur auf unseren Smartphones ab. Selbst wenn sich eine zentrale Instanz Zugriff auf den Zentralserver verschaffen würde, könnte sie mit den anonymisierten Daten also nichts anfangen. Sie sind schlichtweg technisch nicht zurückzuverfolgen. Das lässt sich mathematisch sicherstellen, und es ärgert mich, dass Deutschland in vielen Punkten verlernt hat, auf Basis von Fakten Entscheidungen und Einschätzungen zu treffen und stattdessen eine emotionale Debatte um Datenschutz entsteht.

Eine solche App hätte die Ausbreitung des Coronavirus drastisch eindämmen können und sie könnte uns allen eine sehr viel schnellere Rückkehr zur Normalität ermöglichen. Das Allgemeinwohl sollte an dieser Stelle über den unberechtigten Ängsten einzelner stehen. Ich hoffe, dass wir aus der Notwendigkeit der aktuellen Situation heraus unsere Einstellung zum Thema Daten reflektieren und lernen, wieder sachliche, faktenbasierte Diskussionen zu führen.

Weckruf für die Politik:

Vor der Corona-Krise herrschte in der Politik weitestgehend Stillstand. Aus Angst vor dem Verlust von Wahlstimmen traute sich kaum eine Partei mehr, mutige, progressive Entscheidungen zu treffen. Die große Koalition hatte sich festgefahren, und über jeden noch so kleinen Schritt in die eine oder andere Richtung wurde meist monatelang debattiert. Nun ist die Politik gezwungen, auf Tagesbasis schnelle, mutige und teilweise sehr progressive Entscheidungen zu treffen.

Unsere Politiker stehen in der Verantwortung, unser Land aus dieser Krise herauszuführen. Dies ist keinesfalls eine leichte Aufgabe, aber sie zeigt: Wenn es drauf ankommt, kann unsere Politik sich noch bewegen. In den letzten Wochen ließ sich eine Agilität beobachten, die ich in den vergangenen Jahren sehr vermisst habe. Ich hoffe daher, dass wir nicht nur als ein digitaleres, sondern auch ein agileres Deutschland aus dieser Krise herauskommen. Wenn wir das schaffen, steht unserem Land eine vielversprechendere Zukunft bevor.