Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef Maler und Lackierer wollen nicht nach Bonn

RHEIN-SIEG-KREIS · Die jungen Männer und Frauen tragen teils noch ihre farbverschmierte Arbeitskluft - und große Transparente, die sie demonstrativ vor den Mitgliedern des Kreis-Bildungsausschusses ausgerollt haben. "Maler müssen im RSK bleiben" steht darauf, "Keine 2 Stunden Fahrt" und sogar "Ausbildung in der Region gefährdet".

Grafik: ga

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Auf diese Weise protestierten Malerbetriebe und deren Azubis am Dienstag gegen die geplante Teil-Neustrukturierung der Berufskollegs.

Die sieht unter anderem vor, dass die Maler und Lackierer, die bisher am Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef unterrichtet werden, ab Sommer 2014 nach Bonn zum dortigen Heinrich-Hertz-Europakolleg fahren sollen. Das lehnen die Handwerker rigoros ab. Eine Einigung gab es im Ausschuss nicht, das Thema wurde ins neue Jahr vertagt. Eine Übersicht der unterschiedlichen Positionen:

Bezirksregierung

Die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung begründet die geplante Neustrukturierung vor allem damit, dass die durch die duale Ausbildung geprägten Berufe zunehmend profiliert und spezialisiert werden müssen, mit Blick auf den Fachkräftemangel, aber auch die anstehende Inklusion.

Ausbildungsberufe, bei denen die Klassenmindestgröße von 16 Schülern dauerhaft unterschritten wird, sowie eng verwandte Fachrichtungen sollen zusammengelegt werden. Hartmut Müller, bei der Bezirksregierung Köln zuständig für die Berufskollegs, verteidigte im Ausschuss das neue Konzept. Die Beteiligten hätten das Vorhaben mehr als ein Jahr lang diskutiert. Zur Kritik der Maler und Lackierer, die Azubis hätten nach Bonn zu lange Anfahrtswege, sagte er : "Man kann Auszubildenden zumuten, morgens über den Rhein zur Schule zu fahren."

Handwerkskammer

Für Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher geht es vor allem darum, die Gewerke in der Region zu halten, die von Abwanderung gefährdet sind. Der wichtigste Vorteil der neuen Regelung sei, dass die Handwerksbetriebe künftig nur noch jeweils einen Ansprechpartner hätten. Radermacher hob außerdem hervor, dass durch die Zentralisierung Synergien erzielt werden könnten. "Das ist notwendig, um weiterhin diese hohe Qualität in der Ausbildung anbieten zu können", so Radermacher. Der Chef der Kreishandwerkerschaft räumte ein, dass es "viel Überredungskraft" gekostet habe, die Innungen zur Zustimmung zu bringen.

IHK

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg hat das geplante Beschulungskonzept als "für die Region überwiegend positiv" zur Kenntnis genommen, mit der Einschränkung, dass es für einzelne linksrheinische Ausbildungsbetriebe keine zufriedenstellende Lösung gebe.

Gewerkschaft

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Köln Bonn hat erklärt, dem Vorhaben "trotz vereinzelt kritischer Stimmen, die an ihn herangetragen worden seien", positiv gegenüberzustehen.

Berufskollegs

Das neue Konzept ist unter Zusammenarbeit der Schulaufsicht, der Träger, also der Stadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreis, sowie der Leiter der drei Berufskollegs entstanden, beruht also auch auf deren Einschätzungen und Empfehlungen und wird von ihnen grundsätzlich gutgeheißen. Gleichwohl hat sich vor allem am Carl-Reuther-Berufskolleg in Hennef Widerstand formiert. Die Schulbereichsleiter für Farb- und Holztechnik und Metalltechnik, Dietrich Pohl und Peter Kramer, haben in einem Papier Argumente für den Verbleib des Bildungsganges Maler/Lackierer in Hennef zusammengefasst und an die Bezirksregierung herangetragen.

Der Schulbereich Farbtechnik gehöre seit Jahrzehnten zu den innovativsten am Kolleg, seine didaktischen und pädagogischen Konzepte genössen bundesweit Anerkennung. Zudem falle das Gewerk der Maler und Lackierer mit derzeit 112 Lehrlingen keineswegs unter die unterfrequentierten Ausbildungsberufe, eine Abwanderung in die Städte sei also nicht zu befürchten. Pohl kritisierte im Gespräch mit dem GA vor allem mangelnde Transparenz des Verfahrens: "Da wurde im stillen Kämmerlein etwas geplant, das nun plötzlich präsentiert wird."

Betriebe und Azubis

Von den fünf betroffenen Handwerksinnungen haben vier der Umstrukturierung zugestimmt. Dagegen votieren die Maler und Lackierer. Die 112 Auszubildenden dieses Gewerks, die in Hennef zur Berufsschule gehen, sollen künftig über den Rhein in den Bonner Norden fahren.

Das lehnen die Malerbetriebe in einer gemeinsamen Erklärung "vehement ab" und nehmen vor allem auf den Rhein als "natürliche Grenze" Bezug, die es "dringend erforderlich" mache, dass beide Schulstandorte erhalten bleiben. Die Verkehrssituation komme als Gegenargument hinzu: "Hierdurch wird Zeit und Kapital unnütz verschwendet."

Gerade die kurzen Wege gäben den Betrieben die Möglichkeit, gut mit der Berufsschule zu kooperieren. Auf einen noch längeren Weg versucht sich Benjamin Bergner gerade einzustellen. Der 22-Jährige beginnt im Januar seine Ausbildung zum Maler und Lackierer bei der Firma Trömpert in Much. "Von meinem Wohnort in Kerzenhöhnchen werde ich bis Bonn fast drei Stunden unterwegs sein", berichtet er. "Das bedeutet, dass ich um vier Uhr nachts aufstehen muss."

Bergner hält die Neustrukturierung für eine "ziemliche Sauerei": "Viele Lehrlinge sehen das so wie ich. Da kann man schon die Lust verlieren."

Malermeister Ludwig Kenfenheuer aus Much ist vor allem die gute Zusammenarbeit mit der Berufsschule in Hennef wichtig: "Ich habe selbst schon dort gelernt, die Kooperation funktioniert super", sagte er. "Ich würde es sehr bedauern, wenn jetzt alles nach Bonn ginge."

In der Ausschusssitzung waren nicht nur Maler, sondern auch Vertreter des Elektro-Gewerkes anwesend und protestierten. Ihre Innung hat dem Vorschlag zwar zugestimmt. Geschäftsführer Wolfgang Schmeil bestätigt jedoch, dass es "einzelne Betriebe und Azubis" gebe, die "Bedenken haben". "Für uns kam der Vorschlag schon überraschend, und wir hätten von uns aus nicht so gehandelt", sagte Schmeil dem GA. Ebenso wie die Maler hätten auch die Elektroniker ohnehin keine Abwanderung nach Köln zu befürchten gehabt, da die Auszubildendenzahlen stabil seien.

Heiko Busch, Geschäftsführer der Elektro Busch GmbH, bildet derzeit elf junge Leute aus und sieht der geplanten Neuerung skeptisch entgegen: "Unsere größte Befürchtung ist, dass wir nicht mehr sicher planen können", sagte er dem GA. Bisher seien die Azubis jeweils jahrgangsweise drei bis vier Wochen am Stück in der Berufsschule.

Nun sollen seinen Informationen nach die Schüler nicht mehr in Blöcken, sondern ein- bis zweimal pro Woche unterrichtet werden. "Meine Kollegen und ich erwarten ein Chaos", sagte Busch, "da steht dann jeden Tag ein anderer Lehrling auf der Baustelle."

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