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Modehändler in Bonn: 70 Prozent der Ware bleibt übrig

70 Prozent der Ware bleiben übrig

Bei Bonner Modehändlern liegen die Nerven blank

Was geschieht mit der Winterware, wenn der Textilhandel die Kleidung im Corona-Lockdown nicht verkaufen konnte? FOTO: Meike Böschemeyer / MEIKE BOESCHEMEYER

Bonn Einzelhändler in Bonn und der Region wissen nicht, wie sie mit den unverkauften Artikeln im Lockdown umgehen sollen. Die Lager sind zum Teil zu klein. Aber nicht nur deshalb liegen bei vielen die Nerven blank.

 Der Einzelhandel leidet besonders unter dem zweiten Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Da die meisten Läden mehrere Monate lang schließen mussten, verkauften Inhaber bei Weitem nicht so viel Ware wie in den vergangenen Jahren. Dies bringt die Händler nicht nur in finanzielle Not. Sie müssen sich auch mit der Frage beschäftigen, was mit der nicht verkauften Ware geschieht.

„Wir liegen bei circa 20 Prozent Minus im Zeitraum August bis Mitte Februar“, berichtet Thomas Kronefeld, Inhaber der TK Fashion Group, die 21 Modefilialen in NRW umfasst. Er betreibt die Boutiquen „Lieblingsplatz“ in Bonn und anderen Städten der Region sowie fünf „Liebeskind“-Geschäfte. „Wenn wir lediglich den stationären Einzelhandel sehen, liegen wir sogar bei einem Umsatzminus von nahezu 50 Prozent“, sagt Kronefeld. Selbst die Einnahmen durch Online-Verkäufe sowie click-and-collect-Angebote würden lediglich die monatlichen Fixkosten decken.

Partnerschaftliche Lösungen

Gegen Ende März müsse die Winterware abbezahlt werden: „Wenn die Läden dann weiterhin geschlossen bleiben, wird es sehr eng für uns und die gesamte Modebranche“, befürchtet Kronefeld. Dabei konnten mit den Lieferanten zum Teil bereits neue Zahlungsziele und Rabatte verhandelt werden. Während des ersten Lockdowns  im März 2020 hatte Kronefeld „sehr partnerschaftliche Lösungen mit den Lieferanten“ ausgemacht, bei denen Wareneingänge verschoben wurden, sodass sich die Warenmenge insgesamt reduzierte. „Im aktuellen Zeitraum liegen die Nerven sowohl auf der Händler- als auch auf der Lieferantenseite blank“, sagt der Geschäftsführer.

Hinzu kommt der Unmut gegenüber den von der Politik versprochenen Fördergeldern. „Es hat sehr lange gedauert bis wir einen Antrag stellen konnten. Nun können wir Fördermittel beantragen, doch wie die Berechnung der Altware erfolgt, ist nicht geklärt“, so Kronefeld. Deshalb wisse er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, was mit den übriggebliebenen Herbst- und Winterartikeln geschehen wird. Anfang März kommt die Frühjahrsware in die Geschäfte, sodass die alten Kleidungsstücke aussortiert werden müssen. „Wir werden die Ware aus den Läden nehmen und sie erst einmal einlagern. Aber was damit passiert, können wir nicht genau sagen“, so Kronefeld. Platz in den Warenlagern der TK Fashion Group gebe es zurzeit noch genug.  

Inhaberin bleibt auf der Hälfte der Kleidung sitzen

Anders ist die Situation in dem inhabergeführten Geschäft „La Créole“, das nachhaltige Mode in Bonn anbietet. „Wir müssen schauen, wie viel Ware sich in den kommenden Wochen noch verkauft und ob dann noch genug Platz in unserem Lager ist“, berichtet die Inhaberin Katja Schetting. Das kleine Lager im Geschäft habe bisher immer ausgereicht, doch in diesem Jahr wird Schetting Teile der Kleidungsstücke gegebenenfalls zuhause einlagern müssen. Diesen Herbst und Winter habe sie lediglich ein Viertel bis ein Drittel ihrer Waren verkauft und bleibe dementsprechend auf weit über der Hälfte ihrer Kleidungsstücke sitzen.

Ähnliches berichtet Kronefeld: „Wir haben noch 28 Prozent unserer Herbst- und Winterware übrig, also etwa 70 Prozent mehr, als wir in den vergangenen Jahren Ende Februar übrig hatten. Das ist natürlich sehr schmerzhaft.“ Sieben bis zehn Prozent der nicht verkauften Mode seien sogenannte Durchlaufartikel wie zum Beispiel schwarze Hosen oder dunkle Pullover, die in der kommenden Saison noch verkauft werden können. Die meisten Kleidungsstücke seien allerdings der Mode unterworfen: „Was machen wir mit einer Culotte-Hose, wenn sie im nächsten Jahr total out ist?“, fragt sich Kronefeld. In Schettings Geschäft sind der Schnitt und das Design der Mode langlebiger, sodass sie die Hoffnung hat, die übrigen Artikel im nächsten Winter verkaufen zu können. „Natürlich mit Abschlägen“, sagt die Inhaberin. Eine Vernichtung der Ware wolle sie jedoch in jedem Fall verhindern.

Planung der nächsten Lieferungen schwierig

Schwierig bleibt für die Modegeschäfte außerdem die Planung der nächsten Lieferungen. Schon jetzt müsste Schetting normalerweise die Ware für den kommenden Herbst bestellen, doch sie wisse noch nicht genau, wie sie für die Zukunft planen sollte: „Ich werde vermutlich minimale Bestellungen abgeben und hoffen, dass man im Herbst noch kurzfristig nachbestellen kann.“ Gleichzeitig wolle sie natürlich auch, dass ihre Lieferanten, mit denen sie zum Teil schon seit 40 Jahren zusammenarbeitet, überleben.

„Es ist alles sehr ungewiss“, fasst Schetting zusammen. Sie wünscht sich eine langfristige Perspektive für den Einzelhandel  und hofft, dass sie ihr Geschäft am 7. März – bis dahin ist der  Lockdown erstmal terminiert – wieder öffnen darf. „Es gibt ja auch die Option, den Einzelhandel mit Terminen zu ermöglichen. Die Kundinnen könnten dann einen Termin ausmachen und für eine halbe Stunde oder eine Stunde hier vorbeikommen“, sagt Schetting.

Kronefeld hofft ebenfalls auf die Öffnung seiner Filialen Anfang März und bleibt in der aktuellen Planung eher verhalten: „Wir sind optimistisch, dass es keine dritte Schließungswelle mehr gibt, aber wer kann das garantieren. Bei starker Nachfrage müssen wir kurzfristig in Italien Ware nachkaufen.“ 

Reaktion

Perspektiven schaffen

Der Einzelhandelsverband Bonn/Rhein-Sieg/Euskirchen wünscht sich bessere Perspektiven für die Ladenbesitzer in der Region. „Die Politik macht den Einzelhandel und die Innenstädte kaputt“, kritisiert Jannis Vassiliou, Vorsitzender des Verbandes. Er habe den NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet dazu aufgefordert, die Öffnung der Geschäfte wie bei den Friseuren für den 1. März zu planen. „Der Handel war nie ein Hotspot“, so Vassiliou. Zudem müssten die finanziellen Hilfsmittel schneller bei den Verkäufern ankommen.