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Möbelmesse IMM in Köln: Sehnsucht nach Behaglichkeit

Möbelmesse IMM in Köln : Sehnsucht nach Behaglichkeit

Die eigenen vier Wände werden zum Rückzugsort. In unsicheren Zeiten, in denen sich die weltpolitische Lage immer schneller dreht, stehen die Zeichen auf der internationalen Möbelmesse IMM in Köln auf Behaglichkeit.

Der Rückzug ins Private nimmt weiter zu. Ihre 270 000 Quadratmeter Stellfläche werden so zum Panoptikum einer Gegenwelt, in der Gemütlichkeit das höchste Gut ist. 150 000 Besucher werden bis Sonntag erwartet. 1360 Aussteller aus 50 Ländern stellen ihre Neuheiten auf 270 000 Quadratmetern vor. An den ersten vier Tagen ist die Messe für Fachbesucher reserviert. Ab Freitag macht sie ihre Türen auch für die Allgemeinheit auf.

Ein weiterer Trend, der sich fortsetzt, ist der sogenannte „Mid-Century-Style“, der sich an das Zeitgefühl der Fünfziger Jahre anlehnt. Dunkle, edle Hölzer und Leder in modernen, schlichten Formen prägen diesen Stil. Er unterstreicht ein Lebensgefühl, das an übersichtlichere Zeiten erinnert, in denen Konrad Adenauer Politik machte und Frank Sinatra sich auf Schwarz-Weiß-Filmen in die Herzen der Zuschauer sang.

So entdeckt etwa die Firma Schönbuch, die sich auf Designmöbel versteht, folgerichtig die gute, alte Bar wieder und zeigt ihren von Stardesigner Christian Haas entworfenen Barschrank, der von innen beleuchtet und in 42 verschiedenen Farben ab 2500 Euro zu haben ist. „Das Thema Bar und Trinkkultur ist wieder im kommen“, sagt Inhaber Michael Reß. Das biedere Möbelstück legt in modernem Design den Muff alter Zeiten ab. Man habe ihm eine wohnliche, weibliche Form verpasst.

Der Trendexpertin Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie zufolge ist derzeit ein eher uneinheitlicher Wohnstil mit ausgesuchten Möbeln und Wohnaccessoires angesagt. Gefragt seien zudem Stücke im alpinen Stil und mit Nostalgie-Charakter. Von der neuen Sehnsucht nach Behaglichkeit kann die Möbelbranche deutlich profitieren. Seit drei Jahren wächst das Geschäft mit Wohnungseinrichtungen. Die Branche verzeichnete 2016 in Deutschland ein Umsatzplus von 3,5 Prozent. Hiesige Hersteller machen eine Umsatz von 18 Milliarden Euro im Jahr. Nach China und den USA rangiert Deutschland damit auf Platz Drei. „Wir gehen mit viel Optimismus in das neue Jahr“, sagt Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Deutschen Möbelindustrie. „Die Stimmung in der Branche ist ausgezeichnet.“

Dazu trägt ein weiterer Trend bei, der in deutschen Haushalten Einzug hält. Die Küche wird immer mehr zum Wohnzimmer. Offene Inselküchen gewinnen an Popularität. Das zeigt sich auch in Köln. Mit der weltweit größten Möbelmesse geht in diesem Jahr ebenfalls die Küchenmesse LivingKitchen an den Start, die alle zwei Jahre Bestandteil der IMM ist. Der Raum um den Herd ersetzt das Lagerfeuer frühzeitlicher Vorfahren.

Es sei ein Ort, den man herzeigen wolle, meint Stefan Waldenmaier, Geschäftsführer des Herstellers Leicht, der ein Umsatzplus von elf Prozent verzeichnet. „Die Küche ist zum neuen Statussymbol geworden“, sagt er. Deshalb werde es immer wichtiger, dass sich das Küchendesign bis in die Anschlussräume fortsetze. Eine hochwertige und ungewöhnliche Optik spiele eine zunehmende Rolle. Der Hersteller Leicht setzt dieses Jahr etwa auf den Look von Spritzbeton.

Die mäßig gestreuten Innovationen der IMM konzentrieren sich denn auch merklich auf den Küchenbereich. Der Hersteller Nolte demonstriert mit einer Keramikplatte, in der sich unsichtbar für das Auge Induktionsplatten verstecken, eine Weltneuheit. Der Herd wird zugleich zur Arbeitsplatte.

Ein Tischbeamer von Sony wirft Rezepte und Einkaufslisten auf den Tisch und lässt sich per Gestensteuerung auch mit Tomatensoße an den Händen bedienen, ohne das Gerät anfassen zu müssen. Der Spezialist für Haushaltsgeräte Neff bringt das Sous-Vide-Kochen, also das Garen im Vakuum bei niedrigen Temperaturen, in die Privatküchen. Seine Vakuumschublade und ein Sous-Vide-Ofen lassen sich ohne viel Aufwand nachrüsten.

Auf die Verlagerung des Lebens in die Küche reagiert auch Sofahersteller Cor und stellt ein Ecksofa für den Esstisch vor, dass statt auf hartes Holz auf weiche Sitzkissen setzt. Die bayerische Sitzecke erlangt damit ein modernes Revival. Laut Inhaber Leo Lübke setzen die Kunden zwar auf Gemütlichkeit, nicht aber auf Altbackenes – und das gelte auch für ältere Semester. „Wir haben uns deshalb dem modernen Lebensgefühl verschrieben und machen Möbel für die Mick Jaggers dieser Welt“, so Lübke.

Ein weiterer Trend der vergangenen Jahre setzt sich mit dem Thema Smart Home fort, das Wohnen in intelligenten Häusern und Wohnungen. Die Initiative „let's be smart“, der sich 36 verschiedene Hersteller wie Küchenhersteller Nolte, der Armaturenhersteller Grohe und der Anbieter für Haushaltsgeräte Miele angeschlossen haben, demonstriert das vernetzte Wohnen.

Die Eingangstür erkennt den Hausherrn und öffnet sich von selbst. Türen und Fenster registrieren einen Einbruchsversuch und schließen automatisch die Rollläden. Der Abfallkalender der Stadt oder Gemeinde synchronisiert sich mit der Haussteuerung, welche per Nachricht auf dem Mobiltelefon oder farblich leuchtenden Bausteinen im Vorgarten signalisiert, wann welche Mülltonne vor die Tür gestellt werden muss. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung zeigt sich eine Mehrheit von 65 Prozent der Deutschen aufgeschlossen gegenüber einem immer intelligenter werdenden Zuhause. Für die Skeptiker würden zu hohe Kosten und ein Verlust der Privatsphäre dagegensprechen.

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