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Mehr als 1500 Bewerber noch ohne Lehrstelle: So findet man seinen Wunschberuf

Mehr als 1500 Bewerber noch ohne Lehrstelle : So findet man seinen Wunschberuf

Karim Said aus Bonn-Oberkassel hat seine Azubi-Stelle über ein Langzeitpraktikum bekommen. An diesem Samstag fängt seine Lehrzeit offiziell an. Er berichtet von seinen Erfahrungen.

Karim Said hatte ganz klare Vorstellungen von seinem Beruf: Anlagenmechaniker oder Kfz-Mechatroniker wollte er lernen. Der 20-Jährige aus Bonn-Oberkassel ging dann ziemlich strategisch vor: „Ich habe auf dem Internetportal der Arbeitsagentur nach Berufen gesucht. Ich suchte etwas, das ich gut kann“, berichtet er. Zwei Tage schickte er mehrere Bewerbungen raus, das war’s: Matthias Frischke gefiel der Bewerber sofort. Er hat einen Meisterbetrieb für Heizung und Sanitär, der seit zwölf Jahren ausbildet und viel Erfahrung mit Lehrlingen gesammelt hat.

Von fünf Lehrlingen hielt nur einer durch

„Bei meinen drei neuen Auszubildenden habe ich sofort gemerkt: Die haben Ambitionen“, sagt Frischke, der auch schon viele Enttäuschungen erlebt hat. „2019 sind fünf Lehrlinge gestartet, von denen nur einer durchgehalten hat.“ Die einen melden sich zu häufig krank, die anderen kommen zu spät oder gar nicht zur Arbeit oder erscheinen nicht in der Berufsschule. „Manche hängen auch ständig am Handy.“ Er müsse sich auf die Auszubildenden verlassen können, gerade wenn sie Termine mit Monteuren auf Baustellen haben, erklärt Frischke, dessen Betrieb in Dollendorf ist.

Im Gebiet der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg waren im Juli noch 1712 gemeldete Berufsausbildungsstellen unbesetzt, 1529 Bewerber hatten noch keine Stelle gefunden. 3217 Bewerber, zu denen nun auch Said gehört, haben hingegen einen Lehrstellenvertrag unterschrieben.

Die Arbeitsagentur (AA) spielte eine Vermittlerrolle: Frischke meldet seine Lehrstellenangebote immer der Arbeitsagentur, das laufe besser als über eine eigene Stellenanzeige, sagt er. Said hat bei Frischke dann erst ein bezahltes Praktikum gemacht, dessen Vergütung  zu 60 Prozent von der Arbeitsagentur bezuschusst wurde (mindestens 243 Euro). „Praktika von ein bis zwei Wochen sind zu kurz“, findet Frischke, „da können sich beide Seiten nicht abtasten“. Bei Said dauerte die sogenannte Einstiegsqualifizierung im Betrieb sieben Monate.

Langzeitpraktikum statt Berufskolleg

AA-Sprecher Lars Normann berichtet, dass die Langzeitpraktika auch eine Alternative während des Corona-Lockdowns waren, als der Präsenzunterricht an den Berufskollegs ruhte. Überhaupt habe die Pandemie den Endspurt am Ausbildungsmarkt in diesem Jahr um sechs bis acht Wochen verschoben, heißt es bei der Regionaldirektion der Arbeitsagentur in Düsseldorf. So hätten die Abschlussprüfungen an den Schulen später stattgefunden.

Corona hat auch dafür gesorgt, dass die Vorstellungsgespräche immer häufiger als Videochat laufen. Regionaldirektor Torsten Withake rät, digitale Bewerbungen genauso sorgfältig vorzubereiten wie Begegnungen im realen Raum: „Tippfehler, zu große Datenanhänge oder schlechtes Licht beim Videovorstellungsgespräch sind No-Gos.“

Noch gut Chancen auf eine Lehrstelle

„Grundsätzlich gibt es in allen Branchen, bis auf wenige Ausnahmen, noch viele gute Möglichkeiten für einen Ausbildungsplatz“, sagt Ralf Steinhauer, Leiter der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Bonn. In NRW gibt es die meisten gemeldeten Bewerbungsstellen im Verkauf, gefolgt von Arzt- und Praxishilfe und dem Handel. Immerhin: Auch bei den Bewerbern stehen Verkauf, Arzt- und Praxishilfe ganz oben auf der Beliebtheitsliste.

Derzeit bereitet die Agentur eine digitale Ausbildungsmesse vor für junge Menschen, die am 30. September noch keinen Ausbildungsplatz bekommen haben beziehungsweise für die Unternehmen, die noch Azubis suchen.

Für Said beginnt an diesem Samstag offiziell die Ausbildung, dreieinhalb Jahre warten auf ihn, wenn das Langzeitpraktikum nicht angerechnet wird. Frischke zeigt sich überzeugt: „Karim wird durchhalten.“