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Corona-Hilfen helfen nicht immer: Troisdorfer Unternehmerin kämpft gegen die Krise

Corona-Hilfen helfen nicht immer : Troisdorfer Unternehmerin kämpft gegen die Krise

Nicht für alle Branchen sind Corona-Zuschüsse geeignet. Die Inhaberin des Sprachtrainingszentrums Englisch nach Maß erzählt, warum Dienstleister in eine Lücke fallen.

Der Corona-Lockdown ist fürs Erste vorüber, doch für viele Unternehmen ist das Schlimmste noch längst nicht vorbei. „Wir haben wahnsinnige Umsatzeinbußen gehabt, aber Zumachen war auch keine Option“, erzählt Patricia Hinsen-Rind, Inhaberin des Sprachtrainingszentrums Englisch nach Maß in Troisdorf. Die Soforthilfe vom Bund und dem Land NRW hat ihr zunächst geholfen, doch nun geht es an die Abrechnung, und da stellt sich heraus: Der Geschäftsrückgang war nicht drastisch genug, sodass Hinsen-Rind jetzt die 15.000 Euro zurückzahlen muss.

Im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg haben in den vergangenen Monaten fast 24.000 kleine und mittelständische Unternehmen Soforthilfen in Höhe von knapp 244 Millionen Euro erhalten, darunter auch die Firma von Hinsen-Rind. Antragsberechtigt waren Unternehmen, die im April und Mai mindestens 60 Prozent Umsatzverluste hatten, im Durchschnitt. Pech für die Troisdorferin, dass der Rückgang im einen Monat bei gut 58 Prozent lag, im anderen bei gut 57 Prozent.

Online-Unterricht statt Präsenzkurse

Ihr Problem: Sie konnte nicht für alle Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen, da die Sprachkurse zunächst weiterliefen, und zwar online. Das haben die Lernenden im Lockdown eifrig genutzt, doch dann kamen kaum noch Anschlussverträge herein. „Unsere Kunden sind selbst Unternehmen, die ihre Mitarbeiter zu Englischkursen schicken.“ Viele sind Autozulieferer beziehungsweise aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Wenn es dort wirtschaftlich schlechter läuft, werden auch keine Sprachkurse mehr gebucht.

Ein Grund, warum Hinsen-Rind von den Soforthilfen nicht profitieren kann, ist, dass Personalkosten nicht eingerechnet werden, ebenso nicht der Unternehmerlohn. Für Personalkosten gebe es das Kurzarbeitergeld zur Abfederung, argumentiert der Staat. „Anders als bei der verarbeitenden Industrie liegen meine Hauptkosten aber beim Personal“, erklärt Hinsen-Rind. Sechs Festangestellte hat sie, die braucht sie für die Kundenbetreuung und im Vertrieb. „Wir müssen ja auch neue Kunden gewinnen.“

Sprachtrainer auf Hartz-IV verwiesen

„Und wer denkt an unsere 50 freiberuflichen Sprachtrainer? Die haben gut verdient, können aber auch nicht in Kurzarbeit gehen. Die verweist man jetzt auf Hartz IV“, berichtet sie.

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat erst einmal die Rückmeldungen für die Soforthilfe gestoppt, in NRW betrifft das nach Angaben seines Ministeriums rund 426.000 Hilfeempfänger, auf die im April und Mai insgesamt 4,5 Milliarden Euro verteilt wurden. Rückmeldung heißt, dass nun die tatsächlichen Einbußen gemeldet und gegebenenfalls Geld zurückgezahlt werden muss.

In Berlin nehmen zwei Schauspielerinnen im Juli an einer Demonstration der Veranstaltungsbranche teil, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. Foto: dpa/Jörg Carstensen

NRW hat dem Bund die Probleme mit dem Abrechnungsverfahren beschrieben und wartet nun auf eine Reaktion aus Berlin. „Als besonders belastend wirken sich für eine Reihe von Betrieben die Personalkosten aus, die nicht vom Kurzarbeitergeld abgedeckt werden, wie auch die Abrechnung von gestundeten Zahlungen“, erklärt Pinkwart.

Das dicke Ende dürfte noch kommen

Noch hat die Pleitewelle nicht begonnen. Das liegt nach Angaben des statistischen Landesamtes in Düsseldorf eben an den Wirtschaftshilfen des Staates, aber auch an dem Umstand, dass die Pflicht für Unternehmen, bei Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anzumelden, bis zum 30. September ausgesetzt wurde. Das hat dazu geführt, dass die Zahl der Insolvenzeröffnungen bei den Amtsgerichten sogar im Mai rückläufig gegenüber dem Vorjahresmonat war (siehe Infokasten). Das dicke Ende dürfte aber danach kommen, meint IHK-Sprecher Michael Pieck, wenn sich bei den Corona-Hilfen nicht noch etwas ändert.

Derzeit nehmen viele Unternehmen die Überbrückungshilfen in Anspruch, die Bund und das Land NRW im Anschluss an die Soforthilfen gewähren, sie laufen von Juni bis August. Aber auch hier braucht Hinsen-Rind gar nicht erst einen Antrag auf Unterstützung stellen, wie ihre Steuerberaterin ihr erklärt hat, denn die Zuschüsse werden unter denselben Voraussetzungen wie bei dem ersten Hilfspaket gestellt: Die Umsatzausfälle müssen im April und Mai bei mindestens 60 Prozent gelegen haben.

Die Betreiberin von Englisch nach Maß sagt: „Ich stehe vor den Scherben einer über 25 Jahre aufgebauten Existenz und die Regierung zieht mir den letzten Boden unter den Füßen weg.“