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Wirtschaftsentwicklung in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis: Verpasste Chancen in einer „tollen Stadt“

Wirtschaftsentwicklung in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis : Verpasste Chancen in einer „tollen Stadt“

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Wolfgang Grießl, zieht eine positive Bilanz seiner Amtszeit. Beim Thema Beethoven sieht er eine "Riesenchance verpasst“.

Wenn der scheidende Präsident der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Wolfgang Grießl darüber spricht, wie sich die Region in den vergangenen Jahren entwickelt hat, dann gilt sein erster Gedanke Beethoven. „Wir haben eine Riesenchance verpasst“, ärgert er sich auch heute noch über die geplatzten Pläne für ein Beethoven-Festspielhaus in der Stadt.

Er sei sich sicher, dass in Kürze niemand mehr über die exorbitant gestiegenen Kosten der Elbphilharmonie in Hamburg sprechen werde. „Es wird ein neues Wahrzeichen für die Stadt“, ist Grießl fest überzeugt. Eine ähnliche Entwicklung zu nehmen, habe Bonn „versemmelt“. Grießl gehört mit seiner im November 2011 gestarteten Spendenaktion „5000 x 5000 für Beethoven“ zu den maßgeblichen Unterstützern der Festspielhaus-Idee.

Der IT-Unternehmer hat sich entschieden, nicht erneut als IHK-Präsident zu kandidieren. Er bleibt im Amt, bis die neu gewählte IHK-Vollversammlung am 14. Februar das erste Mal tagt und dann ein neues Präsidium bestimmt. Der 67-Jährige ist seit 2002 in verschiedenen Gremien der IHK tätig und seit 2011 Präsident. Im Februar 2012 wurde er als IHK-Präsident wiedergewählt, nachdem es zunächst gar nicht wieder antreten wollte, weil er bei der Wahl zur Vollversammlung zu wenig Stimmen bekommen hatte.

Unter dem Strich ist Grießl aber positiv gestimmt: „Bonn ist eine tolle Stadt.“ Das merke er immer besonders, wenn er mit den anderen IHK-Präsidenten Deutschlands tage: Gutes Wirtschaftswachstum, Zuzugsregion, hoch gebildete Bevölkerung. „Wir leben hier auf einer Insel der Glückseligen.“ Die Region müsse ihre Chancen allerdings auch wahrnehmen.

Er empfiehlt Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis, die Zusammenarbeit zu verstärken, beispielsweise bei der Entwicklung von Gewerbegebieten, aber auch beim Nahverkehr, Schulen und dem Einkaufen. Da Bonn keinen Platz für die Industriebetriebe habe, die sich vergrößern wollen, sei die Kooperation mit dem Rhein-Sieg-Kreis sinnvoll, um die Firmen in der Region zu halten.

Bei der Innenstadtentwicklung Bonns sei die Lage jetzt sicherlich besser als bei seinem Amtsantritt. Das liege vor allem daran, dass am Bahnhof endlich Bewegung in die Projekte Südüberbauung und Nordfeld bekommen sei. Auch der Friedensplatz habe sich durch den Neubau des Sparkassengebäudes positiv entwickelt. Nur die ausbleibende Entwicklung am Viktoriakarree betrachtet er mit Sorge. Auch Städte wie Sankt Augustin und Rheinbach hätten eine tolle Entwicklung genommen.

Dass etliche junge Menschen, die beruflich in die Region kommen, lieber in Köln leben, kommentiert er nüchtern: „Bonn muss aufpassen, dass es für junge Menschen attraktiv bleibt.“ Es gelte, die Veranstalter des KunstRasens zu pflegen. Und das neue Schwimmbad sei auch noch nicht gebaut. Angesichts der Bürgerinitiative für den Erhalt des Kurfüstenbades fürchte er noch Widerstände. Köln gelte heute als sexy, das sei in seiner Jugendzeit ganz anders gewesen. „Wir vermarkten uns nicht gut genug.“ Er merke bereits, wenn er 100 Kilometer entfernt sei, dass die Stärken der Region unbekannt seien: „Die denken alle, bei uns sind die Lichter aus.“

Noch ist keine Person bekannt, die sich als Grießls Nachfolger zur Wahl stellen will. „Es werden derzeit natürlich Gespräche geführt.“ Das Anforderungsprofil: Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin (was er sich wünscht) müsse als Stimme der Wirtschaft „Gegenwind aushalten“ können, Positionen auch durchsetzen, gleichzeitig immer gesprächsbereit bleiben.

Als wesentliche Zukunftsaufgabe sieht er eine Milderung der Verkehrsprobleme an, wo er aber gleichzeitig wenig Hoffnung für eine Wende zum Besseren hat. Auch die Schaffung von bezahlbaren Wohnraum sei wichtig. „Wenn hier in der Region 1000 bis 2000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze im Jahr neu entstehen, darf das nicht nur die Zahl der Pendler erhöhen.“