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VRS-Bilanz für 2020: Verkehrverbund Rhein-Sieg mit Millionenverlusten

Bilanz für das Corona-Jahr : VRS verzeichnet Einbußen in Millionenhöhe

Weniger Fahrgäste, Einbußen in Millionenhöhe und düstere Prognosen für 2022: Der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) zieht nach einem Jahr Corona-Pandemie eine durchwachsene Bilanz mit Einnahmeverlusten von über 130 Millionen Euro. Bessert sich die Lage nicht, droht eine Verschlankung des Angebots im ÖPNV.

Dass 2020 aufgrund der Corona-Pandemie keine Sternstunde für den ÖPNV gewesen sein konnte, war zu erwarten. „Wir haben hier Zahlen, die wir lieber nicht sehen wollen und von denen wir gehofft haben, sie nicht zeigen zu müssen“, sagte VRS-Geschäftsführer Michael Vogel am Dienstag bei der Vorstellung der Jahresbilanz. Auch dass die Aussichten für das laufende Jahr und selbst für 2022 auch nicht sonderlich rosig sind, deutete die Spitze des Verkehrsverbundes an. Dennoch blicken Vogel und sein Partner in der Geschäftsführung, Dr. Norbert Reinkober, hoffnungsvoll in die Zukunft. Dabei setzen sie auf angepasste Tarife und das ein oder andere Ass im Ärmel.

Bus und Bahn haben sich in den vergangenen Jahren großer Beliebtheit in der Region erfreut. Für das Jahr 2019 konnte in puncto Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln noch ein Plus von 1,8 Prozent verzeichnet werden, damals stiegen die Zahlen im Vergleich zu 2018 um 7,1 Millionen auf 566 Millionen Fahrten. Das machte sich auch bei den dadurch erwirtschafteten Einnahmen bemerkbar, die auf 693,89 Millionen Euro kletterten. Doch mit dem Jahreswechsel kam Corona, kam der erste Lockdown. 

VRS und Corona: Die größten Einbußen bei den Bartarifen

„Bis 2019 sind wir von Fahrgastrekord zu Fahrgastrekord gefahren“, so Vogel. „Ab März 2020 brachen die Zahlen ein.“ Im Sommer habe sich die Lage wieder etwas entspannt, ab November dann erneut ein Einbruch der Fahrgastzahlen. Seitdem sei das Level konstant niedrig. Die größten Einbußen habe der Verkehrsverbund bei den Bartarifen und den Zeitkarten, berichtete Vogel. Bei den Zeitkarten habe man 67.500 Kunden weniger gehabt als 2019, was einem Rückgang von rund acht Prozent entsprechen würde. Die Verkäufe von Handytickets seien um 23,68 Prozent gefallen und kämen 2020 auf 29,85 Millionen Euro Einnahmen. Stabiltät gebe es im Sektor Ausbildungsverkehr. Hier habe es sogar einen leichten Zuwachs von knapp einem halben Prozent, sprich fast einer Millionen Euro Umsatz, gegeben.

Unterm Strich bilanzierte die VRS-Spitze für das vergangene Jahr ein Minus von 131,68 Millionen Euro im Vergleich zu 2019 und kommt so auf Einnahmen von 562,21 Euro. 2020 habe ein Rettungsschirm von Bund und Land Verluste ausgleichen können, für 2021 sei dass ebenso der Fall, so Michael Vogel. Aber: „Wir gehen nicht davon aus, dass es 2022 einen neuen Rettungsschirm gibt“, muss der VRS-Geschäftsführer anfügen. „Die Verhandlungen waren schon für dieses Jahr zäh.“

Ausbleibende finanzielle Hilfen von staatlicher Seite für eine Zeit nach der Pandemie sind nicht die einzige Sorge des Verkehrsbundes. Er hoffe auf die Erholung der Fahrgastzahlen, sagte Vogel zwar, doch durch die Entwicklungen in der „neuen Arbeitswelt“ rechne man mit etwa 15 Prozent weniger Umsatz für 2022. Die „neue Arbeitswelt“, damit ist die Entwicklung im Bereich Homeoffice gemeint. Laut einer aktuellen Marktforschung des VRS, die im Zuge der Bilanzvorstellung präsentiert wurde, gehen die Befragten von einer Verfestigung der Strukturen mit der Möglichkeit des Homeoffice aus.

Die Folgen dauerhaft niedriger Umsätze für die Verkehrsbetriebe könnten erhebliche Auswirkungen auf den Verbraucher haben. Denn belastet würden durch die fehlende Nutzerfinanzierung die kommunalen Haushalte, so Vogel. Wenn die Kommunen die Kosten bei einer verstärkten Finanzierung durch die öffentliche Hand nicht tragen könnten, müsse das Angebot des ÖPNV reduziert werden. „Ein Worst-Case-Szenario, das wir um jeden Preis verhindern wollen“, erklärte Vogel. Bislang gebe es aber noch keine konkreten Pläne für eine Angebotsreduktion, antwortete Vogel auf Nachfrage des General-Anzeigers.

Um den Auswirkungen der Pandemie und dem gesellschaftlichen Wandel entgegenzutreten, sucht man im VRS nach neuen Wegen. Vogel: „Wir können nicht im Tal der Tränen verharren und müssen uns überlegen, welche Reaktionen erforderlich sind.“ Angedacht seien laut dem VRS-Chef beispielweise neue Ticketlösungen für die Arbeitsrealität mit Homeoffice, Schnupper-Abos sowie überarbeitete Kulanzregeln zur Erstattung im Falle von Abopausen. Des Weiteren soll das NRW-weit geltende E-Ticket am 1. Dezember an den Start gehen.

Rückgewinnung von Kunden sei schwierig

Dennoch werde die Rückgewinnung von Kunden erstmal schwierig bleiben, solange die Corona-Verordnung empfiehlt, den ÖPNV zu meiden. „Wir haben einen Imageschaden erlitten“, sagt Vogel. „Nachdem wir vor Corona als Heilsbringer im Klimawandel galten, wurden wir brutal gegen die Wand gefahren als Infektionstreiber.“ Das sei ein bedauerlicher Schaden, weil er laut dem VRS-Geschäftsführer nicht evidenzbasiert sei. Vogel verwies dafür auf eine nicht unumstrittene Studie des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen, nach der die Infektionsgefahr im ÖPNV nicht höher als im Individualverkehr sei. „Es wird dauern, das Vertrauen wieder aufzubauen.“

Um das zu erreichen, will der VRS zukünftig mit Tools wie zum Beispiel einer verbesserten Auslastungsanzeige für Züge, Busse und Bahnen punkten, mit der Fahrgäste sehen können, wie voll ihr Verkehrsmittel sein wird, erklärte Dr. Norbert Reinkober. Zudem soll die Videoüberwachung ausgebaut werden.