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Wesseling: Shell schließt Raffinerie - Änderungen für Tankstellen

Geplante Schließung von Raffinerie : Hat die Veränderung bei Shell in Wesseling Folgen für die Tankstellen?

Noch versorgen 14 Rohölraffinerien in Deutschland Autofahrer, Fluggesellschaften, Schifffahrt und Industrie mit Kraftstoffen. Was passiert, wenn Shell die Mineralölproduktion in Wesseling ab 2025 wie geplant einstellt? Wir haben nachgefragt.

In nicht einmal vier Jahren will der britisch-niederländische Öl- und Gaskonzern Shell aus der Mineralölverarbeitung in Wesseling aussteigen, rund acht Millionen Tonnen Jahresproduktion würden dann wegfallen, das macht eine Million Tonnen weniger CO2, die in die Luft geblasen werden. Shell sieht den Schritt als wichtiges Signal, dass es ihm mit der Klimaneutralität bis 2050 ernst ist. Die Pläne stehen aber unter dem Vorbehalt, dass die Gesellschaft beziehungsweise die Kunden mitmachen. Wenn die Deutschen also nicht langsam Abschied vom Verbrennungsmotor nehmen oder weiter mit Heizöl ihre Häuser wärmen, dann könnte der Ausstieg aus der Ölproduktion langsamer vonstatten gehen.

Auch wenn in Wesseling ab 2025 kein Mineralöl mehr verarbeitet werden soll, geht in Deutschland noch lange nicht das Licht aus. So betreibt Shell in unmittelbarer Nähe das Raffineriewerk Godorf, das jährlich rund neun Millionen Tonnen Rohöl destilliert. Darüber hinaus gibt es hierzulande zwölf weitere Raffinerien, an zwei von ihnen hält Shell mehr als 30 Prozent der Anteile: Das sind die Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) und PCK im brandenburgischen Schwedt. Damit entfällt auf Shell etwa ein Viertel der Gesamtjahreskapazität der Mineralölproduktion, die bei 105 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr lag, wie aus einer Statistik des Mineralölwirtschaftsverbandes hervorgeht.

Ein starkes Handelsnetzwerk und Raffineriebeteiligungen

Shell will nach dem Ausstieg aus der Rohölverarbeitung in Wesseling die Produktion in Godorf zum Ausgleich nicht hochfahren. Trotzdem wird es vorerst weiter seine rund 2000 Tankstellen in Deutschland beliefern müssen. Auf Anfrage heißt es beim Konzern, zum künftigen Netzverbund gehöre die Shell-Raffinerie Pernis in Rotterdam. „Andere Supply-Punkte wären MiRO sowie weitere Raffinerien,  bei denen wir gegebenenfalls Produkte hinzukaufen würden“, erklärt ein Sprecher. Auch global könne man sich auf ein starkes Handelsnetzwerk verlassen, ferner sei die Belieferung über die RMR-Pipeline denkbar. Diese Rohrleitung, die bei Venlo über die Grenze kommt und bis Frankfurt/Main und weiter bis Ludwigshafen läuft, ist ebenfalls zu 63 Prozent in der Hand von Shell.

 Deutsche Reduktionsziele bei den Treibhausgasen bis 2030.
Deutsche Reduktionsziele bei den Treibhausgasen bis 2030. Foto: Sabrina Stamp, GA Grafik/Sabrina Stamp

Nicht nur die Aktivisten von Greenpeace oder „Fridays for Future“ machen Druck auf Shell, BP, Total und Co. Gerade erst hat die scheidende Regierungskoalition im Bund die Novelle zum Klimaschutzgesetz verabschiedet, nachdem das Bundesverfassungsgericht die Unverbindlichkeit der offiziellen Klimaziele nach 2030 gerügt hatte. Nun hat die Politik diese verschärft: Die erforderliche Reduktion der Treibhausgasemissionen ist Sektor für Sektor genau aufgeführt, einschließlich der Zwischenschritte. Innerhalb von zehn Jahren müssen die Industrie und der Verkehr ihren CO2-Ausstoß halbieren, in der Energiewirtschaft darf sogar nur noch ein gutes Drittel der Menge von 2020 emittiert werden (siehe Grafik).

„Wollen unseren Marktanteil am Energiesystem halten“

Dennoch macht Shell nicht tabula rasa. Seine Gesamtölproduktion will das Unternehmen bis 2030 gerade einmal um ein bis zwei Prozent pro Jahre reduzieren. Gleichzeitig baut es die Produktion von grünem Wasserstoff, der klimaneutral mithilfe von erneuerbarem Strom hergestellt wird, sowie die Entwicklung von Biokraftstoffen und synthetischem Flugbenzin, das ebenfalls klimaneutral ist, aus.

Auch die Produktion und der Handel mit erneuerbaren Energien sollen schrittweise zu einem wichtigen Geschäftsfeld ausgebaut werden, zu dem auch die Errichtung von Ladesäulen für E-Autos gehört. So will Shell bis 2030 weltweit 50 Millionen Haushalte mit erneuerbarem Strom beliefern und mehr als 2,5 Millionen E-Ladepunkte aufstellen. „Wir wollen unseren Marktanteil am Energiesystem in Deutschland halten“, sagte der Chef von Shell Deutschland, Fabian Ziegler, vergangene Woche.

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