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Gründen trotz Krise: Wie drei Bonner in der Corona-Krise Unternehmen gründeten

Gründen trotz Krise : Wie drei Bonner in der Corona-Krise Unternehmen gründeten

Wie risikobereit Unternehmer wirklich sein müssen, hätten drei Bonner Gründer vor Beginn der Corona-Krise nicht geahnt. Warum sie sich ihre Pläne nicht haben durchkreuzen lassen, erzählen eine Second-Hand-Mode-Verkäuferin, eine Medienproduzentin und ein Marketing-Experte.

Ein Unternehmen gründen? Jetzt? Und ausgerechnet Einzelhandel? Die Bonnerin Lea Manns ist in den vergangenen Wochen auf viel Unverständnis gestoßen. „Ich musste mich oft dafür rechtfertigen, dass ich meinen Plan zur Existenzgründung trotz der Corona-Krise durchziehe“, sagt die 31-Jährige. Dazu kamen zum Teil lange Wartezeiten bei Ämtern: Auf ihre Steuernummer wartete die Unternehmerin noch kurz vor der Eröffnung. Und trotzdem: Seit dem 1. August verkauft Manns in ihrem Laden „Holiday Vintage“ in der Bonner Altstadt Mode aus den 1970er bis 90er Jahren  – vom Rucksack in Neonfarben bis zur Trainingsjacke aus den 80ern.

Die gelernte Bürokauffrau und Frisörin sieht in der Krise auch eine Chance. „Das Interesse an einem nachhaltigen Lebensstil ist gestiegen“, hat Manns beobachtet. Deshalb hofft sie auf Kunden für ihre Einzelstücke aus vergangenen Zeiten vor dem Billig-Boom der Textilfilialisten.

Wie Manns haben sich viele Gründer in der Region von der Pandemie kaum beirren lassen. „Während des Lockdowns war es eher ruhig, aber direkt danach gab es bei uns wieder zahlreiche Anfragen zur Selbstständigkeit“, sagt Regina Rosenstock, Gesamtbereichsleiterin Unternehmensförderung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg. Das Interesse an Förderprogrammen sei nach wie vor groß. Seit April habe die Kammer mehr als 60 Beratungsgespräche geführt und den Weg in die Selbstständigkeit mit rund 25 Anträgen auf Fördermittel unterstützt.

Viele Gründer hätten ihre Geschäftsplanungen lange vor der Corona-Virus-Krise begonnen, sagt Rosenstock. Aber die IHK bemerke auch die aktuell schlechtere Arbeitsmarktlage. „Es könnte sein, dass sich  in Zukunft wieder mehr Menschen als Alternative zur Arbeitslosigkeit selbstständig machen“, vermutet die Expertin.

Software-Gründer Niko Bender Foto: Benjamin Westhoff

Der Bonner Niko Bender hat seinen Job bewusst gekündigt, schon deutlich vor der Krise. Nach 15 Jahren als Marketingleiter wollte er seinen eigenen Weg einschlagen. Die Geschäftsidee: das aus den USA stammende „account based marketing“. Ein Computerprogramm soll  helfen, genau die Geschäftskunden herauszusuchen und anzusprechen, für die eine Dienstleistung oder ein Produkt auch wirklich interessant ist. Für seine Firma „truffle.one“ hat der 42-jährige Informatiker eine eigene Software programmieren lassen, die gerade gleichzeitig mit dem Auftreten des Corona-Virus in Europa im Februar/März dieses Jahres marktreif war. „Etwas kalte Füße habe ich damals schon bekommen“, räumt Bender ein, „und jetzt sind sie gerade einmal lauwarm“. Vor allem zu Beginn der Krise hätten viele Unternehmen ihre Marketingbudgets radikal gekürzt, eine wichtige Internetmesse in München sei ausgefallen. Der Gründer musste seinen Businessplan erst einmal zeitlich umstellen. „Es dauert halt alles etwas länger“, sagt er. Sich selber ein Gehalt zu zahlen oder den ersten Mitarbeiter einzustellen, das werde nach hinten verschoben. Von seiner Geschäftsidee bleibt Bender überzeugt: Durch seine Berufserfahrung sieht er sich in der Branche gut vernetzt. Und in der Digitalwirtschaft sei man ohnehin an Kontakte über Online-Medien gewohnt  – immerhin ein Vorteil in Corona-Zeiten.

Diese Erfahrung hat auch Simon Hecht, Programmmanager beim Digital Hub in Bonn, gemacht. Das Gründerzentrum kümmert sich vor allem um die Förderung von Start-ups aus dem Technologiesektor. Eigentlich sitzen an den Schreibtischen des „Co-Working-Spaces“ am Bonner Bogen junge Gründer, die sich in den Räumen austauschen und gegenseitig unterstützen sollen. Während des Lockdowns herrschte dort gähnende Leere. Heute seien wegen der Abstands- und Hygieneregeln deutlich weniger Jungunternehmer vor Ort, sagt Hecht. Absprachen und Workshops habe man ins Netz verlagert.

Dem Tatendrang der Bonner Gründer hat das offenbar nicht geschadet. Es gebe nicht weniger Bewerbungen für die Gründerförderung des Digital Hub als vor Corona, sagt Hecht. Und den aktuell dort tätigen Jungunternehmern habe es oft geholfen, sich während der Krise bei weniger Ablenkung des Alltagsgeschäfts ganz auf die Weiterentwicklung ihres Produkts oder ihrer Dienstleistung zu konzentrieren. „Die meisten sind noch in der Anfangsphase ihrer Selbstständigkeit und können ihr Konzept daher flexibel den veränderten Rahmenbedingungen anpassen“, sagt Hecht. Da der Finanzbedarf bei Technologiefirmen anfangs überschaubar sei, litten die Gründer kaum unter in der Krise zögerlicheren Geldgebern.

Das sieht bei fortgeschrittenen Gründungen anders aus: Nach einer aktuellen Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom brauchen 70 Prozent der deutschen Internet-Startups in den kommenden zwei Jahren frisches Geld – im Schnitt 3,3 Millionen Euro. Das Problem dabei: „Durch die Corona-Krise sehen viele eine deutlich gesunkene Chance für eine erfolgreiche Finanzierung“, so der Verband. Jeder fünfte Internetgründer habe sogar von der Überlegung gesprochen, Deutschland zu verlassen, „weil es hier zu wenig Kapital gibt“.

Auch in der Krise flossen die Hilfen für Gründer erst mit Verspätung. Für eine Förderung dürfen sich Unternehmen nicht schon vor Corona in „wirtschaftlichen Schwierigkeiten“ befunden haben. Gleichzeitig verdient kaum ein Gründer in der Anfangsphase Geld. Erst eine Änderung der EU-Rahmenbedingungen für staatliche Corona-Hilfen im Juli hat es möglich gemacht, dass für Startups die drei Jahre und älter sind wie für Neugründungen Ausnahmeregeln gelten.

Auch die Bonnerin Claudia Zenkert  ist noch mit der Finanzierung ihrer geplanten Unternehmensgründung beschäftigt. Da sie auch auf private Unterstützer setzen kann, sieht sie ihr Vorhaben jedoch optimistisch. Gemeinsam mit einer Geschäftspartnerin steht sie kurz vor der Anmeldung ihres Mediendienstleisters „SeeTree“. Auch Zenkert startet ihr Business in Krisenzeiten wohlüberlegt und mit reichlich Branchenerfahrung. Die Molekularbiologin hat jahrelang bei einer Produktionsfirma für Dokumentarfilme gearbeitet. Ihr Schwerpunkt sind Wissenschaftsthemen, die in Zeiten der Pandemie einen neuen Auftrieb erfahren haben.

Zenkert will mit ihrem Unternehmen nicht mehr nur Fernsehsender ansprechen, sondern plant für ihre Themen eine multimediale Vermarktung von Online-Plattformen wie Youtube bis zur Museumspädagogik. „Die Branche ist in Bewegung, wir wollen eine Brücke zwischen klassischen Medienkonzerne und modernen Kanälen bauen“, sagt die 38-Jährige. Wenn nach der Krise die Aufträge für die derzeit eingefrorenen Projekte wieder laufen, wollen die zwei Bonnerinnen dabei sein: „Der Produktionsstau wird bis 2021 anhalten“, glaubt Zenkert, die auch im internationalen Mediengeschäft Erfahrungen und Kontakte gesammelt hat. Danach würden neue Inhalte gebraucht auch wenn es jetzt erst einmal „sehr viele Wiederholungen im Fernsehen geben wird“.

Eine Neugründung hatte Zenkert ursprünglich nicht geplant. Eigentlich wollten sie und ihre Geschäftspartnerin die Firma ihres Arbeitgebers übernehmen. Doch die Verhandlungen scheiterten. „Irgendwann hat dann unser Steuerberater gefragt: Warum gründet ihr nicht einfach selbst?“, sagt Zenkert. Danach habe die Geschäftsidee immer mehr Kontur gewonnen, bis sie jetzt kurz vor der Umsetzung steht. Das Corona-Virus habe den Gründerinnen dabei durchaus ein paar schlaflose Nächte beschert. Doch am Ende kam Zenkert zu dem Schluss, dass gerade für Gründer eine Umbruchsituation auch Chancen eröffnet: „Vielleicht ist die jetzige Zeit sogar besonders gut für unseren Start.“