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Folgen der Corona-Krise: Absturz am Arbeitsmarkt in nur sechs Wochen

Folgen der Corona-Krise : Absturz am Arbeitsmarkt in nur sechs Wochen

Noch nie ist die Zahl der Arbeitslosen in einem April gestiegen. Jetzt ist es so weit: Sie nahm deutlich um über 300.000 gegenüber dem Vormonat zu. Und die Unternehmen meldeten für mehr als zehn Millionen Beschäftigte Kurzarbeit an. Erschreckende Zahlen, die aber für die Zeit nach der Krise wenig aussagen.

Peter Altmaier (CDU) muss die gerade veröffentlichten dramatischen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zur Entwicklung der Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahlen schon gekannt haben, als er am Mittwoch seine Regierungsprognose bekannt gab. Denn die Äußerungen des Wirtschaftsministers waren an vielen Stellen fast identisch mit dem, was BA-Chef Detlef Scheele an disem Donnerstagmorgen zu sagen hatte: Die Kurzarbeit sei „in noch nie dagewesener Form“ gestiegen, der Arbeitsmarkt „stark unter Druck“ durch „die tiefste Rezession der Nachkriegszeit“ – Scheele und Altmaier müssen ihre Statements vorher miteinander abgestimmt haben.

Tatsächlich sind die April-Zahlen zur Arbeitsmarktentwicklung angsteinflößend: Erstmals überhaupt seit Beginn der Statistik verzeichnete die Arbeitsagentur in einem April einen Anstieg der Arbeitslosenzahl. Normalerweise belebt sich der Arbeitsmarkt in diesem Frühlingsmonat. Doch wegen der Corona-Krise nahm die Arbeitslosenzahl gegenüber März erheblich um 308.000 auf 2,644 Millionen zu. Gegenüber April 2019 gab es sogar einen Anstieg um 415.000.

Die Unternehmen reagierten damit für viele Ökonomen unerwartet schnell. Denn die Corona-Krise war erst Mitte März ausgebrochen. Sie währt damit noch gerade einmal sechs Wochen. Dennoch gab es trotz des Angebots des staatlichen Kurzarbeitergeldes bereits einen so starken Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Er dürfte sich in den Mai-Daten der Bundesagentur fortsetzen. Denn die Kontaktbeschränkungen und Geschäftsschließungen dauern noch mindestens bis zum 10. Mai an, wie Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) am Donnerstagmorgen erklärte. Viele Unternehmen, vor allem in den besonders betroffenen Branchen des Gastgewerbes, des Tourismus und der Großveranstaltungen, stehen bereits vor der Insolvenz, trotz aller Hilfsprogramme der Regierung.

Dasselbe gilt für Solo-Selbstständige und mittelständische Firmen, für die die Soforthilfe des Staates fürs Überleben nicht ausreichte. Im Durchschnitt des Gesamtjahres erwartete Altmaier in seiner Konjunkturprognose einen Anstieg der Erwerbslosenzahl von 350.000. Angesichts der nun veröffentlichten BA-Zahlen allein für den Monat April ist schwer vorstellbar, dass diese Prognose für das Gesamtjahr noch zu halten ist.

Auch die enorme Zahl von 10,1 Millionen Menschen, für die Unternehmen Kurzarbeit angemeldet haben, hat Volkswirte von Banken und Forschungsinstituten überrascht, die mit drei bis sieben Millionen gerechnet hatten. Zehn Millionen – das sind etwa ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Der bisherige Rekordwert der Bundesagentur für dieses arbeitsmarktpolitische Instrument stammt aus dem Mai 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Damals waren 1,44 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Im gesamten Krisenjahr 2009 waren 3,3 Millionen Anzeigen für Kurzarbeit bei der Bundesagentur eingegangen.

Die Kurzarbeit dient dazu, Arbeitnehmer mit staatlicher Hilfe im Job zu halten und Entlassungen zu vermeiden. Sie wird aus Beiträgen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern für die Arbeitslosenversicherung finanziert. Das Kurzarbeitergeld können Unternehmen bei der BA für ihre Beschäftigten beantragen. Es beträgt nach einer unlängst beschlossenen Erhöhung 80 Prozent des letzten Nettogehalts eines kinderlosen Beschäftigten. Wer mindestens ein Kind hat, bekommt 87 Prozent ausgezahlt. Bisher hatte das Kurzarbeitergeld 60 und 67 Prozent des Verdienstausfalls ausgeglichen.

International gilt das Kurzarbeitergeld als vorbildlich, weil es in der Finanzkrise 2009 das entscheidende Instrument dafür war, dass Hunderttausende ihren Job nicht verloren und weiterhin ein Einkommen oberhalb des Arbeitslosengeldes erzielten. Es wird mittlerweile von vielen Ländern kopiert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will das Kurzarbeitergeld in der gesamten EU etablieren und plant dafür einen neuen 100-Milliarden-Finanztopf.

Dass trotz des Kurzarbeitergeldes über 300.000 Menschen im April arbeitslos wurden, muss aber ein Alarmsignal sein. Denn vor allem für Selbstständige und kleinere Firmen ist das Instrument oft keine Alternative, weil sie ihren Betrieb in der Krise aus Kostengründen aufgeben müssen.

War der Arbeitsmarkt bisher in glänzender Verfassung, hat sich das Bild mit der Corona-Krise nun schlagartig gewandelt: Plötzlich müssen viele Menschen wieder Angst um ihre Jobs und ihre berufliche Zukunft haben. Die Nachfrage nach Arbeitskräften sei regelrecht eingebrochen, berichtete BA-Chef Scheele. Im April 2020 waren nur noch 626.000 unbesetzte Stellen bei den Arbeitsagenturen gemeldet, 169.000 weniger als noch vor einem Jahr.

Die Krise wird dauerhaft Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen, weil sie Entwicklungen beschleunigen dürfte, die ohnehin schon in Gang waren: die Digitalisierung der Arbeit etwa oder der Umbau hin zu einer CO2-neutralen Wirtschaft. Wer vor dieser Krise schon als gefährdet gegolten hatte, wird es wegen der Krise nun umso mehr sein: Ungelernte oder gering Qualifizierte, Migranten mit Sprachproblemen, Ältere mit Jobs in veralteten Industriesparten. Für alle anderen aber gibt es immerhin einen tröstenden Gedanken: die Gewissheit, dass auch nach dieser Krise die demografische Entwicklung mit noch größerer Geschwindigkeit fortschreitet. Fachkräfte in zukunftsgerichteten Branchen werden gefragt sein wie nie, wenn diese Krise endlich überwunden ist.