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Bei „Du bist hier der Chef“-Milch bestimmt der Verbraucher den Preis

Debatte um Milchpreis : „Du bist hier der Chef“-Milch berücksichtigt Wünsche von Verbrauchern

Seit Wochenbeginn gibt es in Supermärkten die „Du bist hier der Chef“-Milch. Verbraucher konnten online unter dubisthierderchef.de abstimmen. Die Frage: Was für eine Milch soll zu welchem Preis in Läden verkauft werden?

Bauer Sven Lorenz ist keiner, der jammern will. Sah es in den vergangenen Monaten oft so aus, als protestierten alle Landwirte gegen mehr Platz für Tiere im Stall, gegen strengere Düngeregeln, gegen die da oben, zeigt Lorenz: Das stimmt nicht. Viele Bauern suchen nach neuen Wegen. Der von Lorenz – 120 Milchkühe, 120 Hektar – ist allerdings besonders.

Lorenz, seit Jahren schon Biobauer, lässt seine Kühe jetzt noch länger auf die Weide, hat diese vergrößert, auch einen Hektar hinzugepachtet. Ab diesem Montag steht das Ergebnis als erstes in Regalen von Rewe, später soll es bei anderen Lebensmittelketten folgen: die Milchmarke „Du bist hier der Chef“. „Das gab es so alles noch nicht“, sagt Lorenz, „Sie sehen schon auf der Verpackung, was anders ist.“ Die ist denkbar schlicht, grün und blau. Auffällig die Aufschrift: „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt“. Das Besondere: Bevor Lorenz und zwölf weitere Kollegen in den vergangenen Wochen ihre Arbeit verändert haben, konnten Verbraucher online unter dubisthierderchef.de abstimmen. Die Frage: Was für eine Milch soll zu welchem Preis in Läden verkauft werden?

Wie bio soll die Milch sein, woraus die Verpackung bestehen, wie gut der Bauer dabei vergütet werden? Knapp 10.000 Kunden haben sich insgesamt bei acht Fragen entschieden. Und je nachdem, was sie anklickten, verschob sich der Preis für die Milch. Nun steht unten auf der Vorderseite der Milchpackung „Unverbindliche Preisempfehlung, von Verbrauchern gewählt: 1,45 Euro.“

Entscheidend für Lorenz auch ein Satz auf der Seite: „Die Bauern erhalten pro Liter 58 Cent“ – mehr als üblich. Im Schnitt bekommen konventionelle Bauern derzeit 31 Cent pro Liter, 44 Cent halten sie aber erst für fair. Die Einkaufsmacht der großen Handelsketten, vor allem der Discounter sei enorm, meint Lorenz. Die einzelnen Landwirte könnten dem wenig entgegensetzen. „Alle zehn Jahre macht die Hälfte aller Milchhöfe in Deutschland dicht“. 60.000 sind es heute noch.

Lorenz hat seinen Hof im nordrhein-westfälischen Vöhl vor zehn Jahren auf Bio umgestellt. Biobauern bekommen immerhin 47 Cent pro Liter Milch, haben aber auch mehr Aufwand. „Der Preis rechnet sich auch bei Bio noch nicht richtig“, sagt Lorenz. Die Umfrage jedoch zeige, dass Kunden bereit seien, mehr zu zahlen, solange sie wüssten, dass beide glücklicher werden – Bauern und Kühe. Die neue Marke ist „eine Chance, einen guten Preis zu bekommen und die Tiere noch artgerechter zu halten“, meint Lorenz.

In seinem Stall riecht es nun nach dem frischem Gras, mit dem er seine Kühe jetzt vor allem füttert. Und wenn es doch mal Kraftfutter gibt, darf es nur aus der Region kommen. Viel öfter als vorher sind die Tiere aber ohnehin draußen. Mindestens vier Monate im Jahr laufen Lorenz Kühe nun vor seinem Hof auf der Weide. Er muss neue Regeln einhalten. Wie seine zwölf Kollegen, die ab jetzt ebenfalls die „Du bist hier der Chef“-Milch liefern, auch.

Einige von ihnen mussten auch ihre Ställe umbauen, um den Tieren noch mehr Platz zu geben als zuvor. Lorenz nicht. Er hat erst vor zwei Jahren einen neuen Stall gebaut. Sie alle aber eint: Sie achten jetzt noch mehr aufs Wohl der Tiere, auf Regionalität, als sie es als Biobauern ohnehin schon gemacht haben – dem Kundenwunsch entsprechend.

Die Idee für die „Du bist hier der Chef“-Milch kommt aus Frankreich

Die Idee kommt ursprünglich aus Frankreich. Unter der Marke: „C’est qui le patron?!“ werden dort bereits gut 35 Produkte etwa bei der großen Supermarktkette Carrefour verkauft. Neben Milch gehören Äpfel und Butter dazu. In Deutschland hat die Idee Nicolas Barthelmé, ein gebürtiger Franzose, von seinem Wohnort aus, dem hessischen Eltville, angeschoben. Er hat die Onlineumfrage ins Leben gerufen. Er hat immer und immer wieder Gespräche geführt, um Mitstreiter zu finden. Und er gewann nicht nur Bauer Lorenz.

Lorenz ist Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft Hessen, ein Zusammenschluss von Bio-Bauern, die in eigener Regie auch die einzige Bio-Molkerei Hessens führen. Der Name: Upländer Bauernmolkerei. Sie holt die Milch von Lorenz und den anderen ab, verarbeitet sie, bevor Rewe sie dann in seine Regale stellt.

400 Rewe-Filialen bieten die Milch an

Die Handelskette startet damit zunächst in 400 Filialen vor allem in Hessen, aber auch in einigen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz. Rewe-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog hält die Milch für „eine wirkliche Bereicherung für den Markt“. Später soll sie auch andernorts angeboten werden.

Und wenn die Kunden nicht zugreifen? Lorenz rechnet damit nicht. Im Moment sieht es so aus, als würden schon in vier Wochen auch andere Handelsketten die Milch verkaufen. Eine fettarme Milch und eine H-Milchvariante sollen folgen.