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Nichts mehr zu retten: Dax-Konzern Wirecard stellt Insolvenzantrag

Nichts mehr zu retten : Dax-Konzern Wirecard stellt Insolvenzantrag

Es war nichts mehr zu retten. Wirecard muss beim Amtsgericht München Insolvenz anmelden. 5800 Beschäftigte bangen um ihre Arbeitsplätze, die Anleger um viel Geld.

Der Wirtschaftskrimi um den Skandalkonzern Wirecard mündet in sein schlimmstmögliches Ende. Der Vorstand habe entschieden, für die Wirecard AG beim Amtsgericht München wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen, teilte der Dax-Konzern aus Aschheim bei München in einer Pflichtmitteilung an die Börse mit. Insolvenzanträge für Tochterfirmen seien in Prüfung. Die Aktie des erst 2002 gegründeten Konzerns wurde nach dieser neuerlichen Hiobsbotschaft zeitweise vom Handel ausgesetzt. Danach notierte sie in einer ersten Reaktion auf die Pleite bei noch 2,50 Euro je Anteilsschein rund 80 Prozent im Minus. Vorige Woche waren es noch rund 100 Euro.

Ein Insolvenzverwalter wird demnächst bestellt und muss dann versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Viel droht das nicht mehr zu sein. Vorige Woche war bei Wirecard ein Bilanzloch von 1,9 Milliarden Euro aufgetaucht, das einem Viertel der Wirecard-Bilanzsumme entspricht. Ex-Chef Markus Braun ist dafaufhin Ende voriger Woche zurückgetreten und kam Anfang dieser Woche dann kurzfristig in Untersuchungshaft. Gegen Zahlung einer Kaution von fünf Millionen Euro ist er wieder auf freiem Fuß. Staatsanwälte ermitteln, weil größere Teile der jahrelang bilanzierten Umsätze frei erfunden sein könnten.

Investments wahrscheinlich nicht mehr zu retten

„Das ist der größte Bilanzskandal Deutschlands“, beschrieb Oliver Roth in einem TV-Interview das nun komplette Debakel. Der Kapitalmarkexperte der Oddo Seydler Bank hält es für „extremst unwahrscheinlich“, dass Wirecard-Anleger noch nennenswerte Anteile ihres Investments retten können. Ende 2018 kurz nach Aufnahme in den Dax war eine Wirecard-Aktie knapp 200 Euro wert. Betroffen ist auch ein Bankenkonsortium, das einen Kredit über zwei Milliarden Euro an den spektakulär gescheiterten Dax-Konzern vergeben hat. Bankkredite sind in der Regel vorrangig besichert. Das heißt, dass sie aus eventuellen Erlösen aus der Insolvenzmasse zuerst bedient werden.

Damit dürften auch von Anlegeranwälten auf den Weg gebrachte Schadenersatzklagen in mutmaßlicher Milliardenhöhe weitgehend gegenstandslos geworden sein. Eine solche Klage betreibt die Tilp-Kanzlei in Baden-Württemberg, die auch bei VW im Zuge des Dieselskandals schon aktiv geworden war. Zu Geschädigten zählen nicht zuletzt auch die 5800 Beschäftigten des Zahlungsdienstleisters. Deren berufliche Existenz steht nun zur Disposition.

Wirecard-Manager sollen die Hauptverantwortlichen sein

Hauptverantwortlich für das Debakel sind für Experten wie Roth an erster Stelle Wirecard-Manager. Gegen den kompletten früheren Vorstand wird ermittelt. Brauns inzwischen von Wirecard fristlos gefeuerter Ex-Vorstandskollege Jan Marsalek wird mutmaßlich per Haftbefehl gesucht und soll auf den Philippinen untergetaucht sein. Er war vor allem auch für das Asien-Geschäft zuständig, wo das Epizentrum aller mutmaßlichen Luftbuchungen und Bilanzmanipulationen liegt.

In zweiter Reihe der Verantwortlichkeiten stehen Wirtschaftsprüfer. Das betrifft vor allem die der Gesellschaft EY, die Wirecard jahrelang eine unbedenkliche Bilanz bescheinigt haben. Erst ein Testat des jüngsten Geschäftsjahrs 2019 hat EY verweigert. Ernste Fragen muss sich zudem die deutsche Finanzaufsicht Bafin gefallen lassen. Sie hatte lange die Sichtweise des Wirecard-Managements gestützt, wonach die Bilanzen in Ordnung seien und das Unternehmen ein Opfer böswilliger Spekulanten. „Die Bafin ist nicht mehr auf Augenhöhe mit den neuen Entwicklungen am Kapitalmarkt“, kritisiert FDP-Chef Christian Lindner. Die britische Wirtschaftszeitung Financial Times hat dagegen seit Anfang 2019 immer wieder über faule Wirecard-Bilanzen berichtet.