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Interview mit Siemens-Chef Joe Kaeser: „Die AfD schadet unseren Exportinteressen“

Interview mit Siemens-Chef Joe Kaeser : „Die AfD schadet unseren Exportinteressen“

Seit August 2013 ist Joe Kaeser Siemens-Chef. Im Gespräch äußert er sich zu Abschottungstendenzen in Deutschland und seinen Kontakten nach China und in die USA. Kaeser kritisiert die AfD und plädiert für ein weltoffenes Deutschland

Siemens-Chef Joe Kaeser plädiert für mehr Verantwortung der Unternehmen bei der Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter. Mit Kaeser sprachen Kristina Dunz und Antje Höning.

Herr Kaeser, die große Koalition hat sich auf staatliche Leistungen für eine Grundrente für Niedrigverdiener geeinigt. Warum kümmern sich die Unternehmen nicht mehr darum, dass Beschäftigten nach 35 Arbeitsjahren Altersarmut erspart bleibt? Ist der Mindestlohn von weniger als zehn Euro pro Stunde zu niedrig?

Joe Kaeser: Wer ein natürliches Verhältnis zu Moral und Würde hat, dem leuchtet ein, dass Menschen nach einem langen Arbeitsleben ein würdiges Auskommen im Alter haben sollen. Ein pauschaler Mindestlohn garantiert aber noch keine Absicherung. In München reichen vielleicht auch nicht 14 Euro pro Stunde, weil die Stadt sehr teuer ist. In manchen Regionen könnten dagegen zehn oder zwölf Euro ganz ordentlich sein.

Was müssen die Arbeitgeber dann ändern, damit ihre Mitarbeiter für die Rente vorsorgen können?

Kaeser: Der Generationsvertrag ist wegen der demografischen Entwicklung nicht mehr in Takt. Die gesetzliche Rente wird wegen der Alterung der Gesellschaft eine riesige Herausforderung werden. Wir müssen zu Zeiten der Erwerbstätigkeit neue Wege in der Vermögensbildung geben.

Welche?

Kaeser: Bis 70 Jahre arbeiten – das wird keine Partei freiwillig beschließen. Die Rente kürzen - ist genauso problematisch für Politiker, die wiedergewählt werden wollen. Also müssen die Unternehmen eine neue Verantwortung übernehmen - und auch die Mitarbeiter sollten ihren Beitrag leisten.

Wie?

Kaeser: Ganz wichtig ist: Wir müssen die Beschäftigten mehr am Erfolg des Unternehmens beteiligen. Bei börsennotierten Unternehmen geht das mit Aktien. Bei uns haben 300 000  von 385 000 Beschäftigten Siemens-Aktien. Nach drei Jahren Haltezeit der Aktien bekommen sie eine Aktie gratis. Das ist attraktiv. Die Vermögensbildung muss investiver werden. Die Betriebsrenten müssen ausgebaut werden.

Sie sind nah an den Präsidenten der USA und Chinas. Manche sagen, zu nah. Donald Trump haben sie auf Twitter kritisiert, aber sind Sie zu nett zu China?

Kaeser: Wenn man Kritik äußert, muss die Motivation sein, ein Verhalten zu ändern. Das kann man in unterschiedlicher Lautstärke machen. Ich hatte einen Tweet abgesetzt, dass es mich betrübt, wenn das wichtigste politische Amt der Welt das Gesicht von Rassismus und Ausgrenzung wird. Aber auch in den Gesprächen mit China machen wir klar, was unsere Werte sind. Die Kulturen sind nur unterschiedlich. Wir müssen der chinesischen Regierung keinen Tweet schreiben, dort versteht man Kritik auch ohne offene Briefe.

Das sieht man in Hongkong anders, hier will China Freiheit und Demokratie beschneiden.

Kaeser: In unseren Gesprächen  haben wir deutlich gemacht, dass es wichtig ist, eine friedliche Lösung zu finden und die Volksrepublik zu seiner Verpflichtung stehen muss: „Zwei Systeme, ein Land“. Menschen dürfen nicht ausgegrenzt oder verfolgt werden, weil sie ihre Meinung friedlich kundtun.

 Das Ausland schaut mit Sorge auf Deutschland wegen des Erstarkens der AfD. Wie sehen Sie deren Erfolge im Osten?

Kaeser: Die AfD ist eine demokratisch zugelassene Partei, und wir müssen damit umgehen, dass Menschen sie wählen. Ich wähle die AfD nicht und werde sie auch nie wählen. In der Partei sind rechtsnationale Elemente, das jagt mir Schauer über den Rücken. Man muss mit sachlicher Aufklärung gegenhalten. Das versuche ich immer wieder.

Wie das?

Kaeser: Ein Beispiel: Als wir unser Werk in Görlitz schließen wollten, hatten wir zu einer Versammlung Vertreter aller Parteien eingeladen - außer der AfD. Als das kritisiert wurde, habe ich klar gemacht: Von den 90 Turbinen, die in Görlitz zuletzt gebaut wurden, wurde nur eine einzige nach Deutschland verkauft. Das heißt, etwa 90% der Arbeitsplätze in Görlitz hängen vom Export ab.  Eine Partei, die Deutschland abschotten will und andere Kulturen ausgrenzt, schadet unserem Ansehen und unseren Exportinteressen in der Welt und gefährdet damit Arbeitsplätze in unserem Land.  Deshalb ist aus meiner Sicht die beste Alternative für Deutschland unsere Exportkraft und eine faire Offenheit gegenüber der ganzen Welt.

Auch in den NRW-Werken hat die Siemens-Belegschaft große Sorgen. Sie wollen die Energiesparte als Siemens Energy abspalten, die in Mülheim Turbinen und in Duisburg Generatoren herstellt.

Kaeser: In jeder Arbeits-Stunde macht Siemens etwa 50 Millionen Euro Umsatz und gibt über 380000 Menschen Arbeit. Mein Ziel ist es, dass dieser riesige Konzern auch in der nächsten Generation noch erfolgreich sein kann. In allen unseren Geschäftsfeldern vollziehen sich  transformatorische Veränderungen, zum Beispiel durch die Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz. Deshalb müssen wir uns verändern. Wer nur den Status quo sichern will, wird nicht überleben. Der große Erfolg aus der Verselbständigung unserer Gesundheitstechnik Siemens Healthineers beweist, dass der Weg richtig ist.

Bleibt es beim Börsengang 2021 und Ihrer Sperrminorität?

Kaeser: Ja. Der Börsengang ist für Herbst 2021 geplant. Wir werden weniger als 50 Prozent und mehr als 25 Prozent im ersten Schritt halten. Danach wollen wir Siemens Energy Zug um Zug vollständig in die Selbstständigkeit entlassen.  Wann das soweit sein wird, ist heute noch offen.

Was machen Sie 2021, wenn Ihr Vertrag ausläuft bei Siemens?

Kaeser:  Da wird mir schon was einfallen, keine Bange.

Lust aufs Weitermachen hätten Sie schon?

Kaeser: Ich habe den Aufsichtsrat gebeten, eine geordnete Nachfolge zu organisieren und dazu einen Vorschlag gemacht. Die vergangenen zwei Chef-Wechsel waren ziemlich ungeordnet, das kann Siemens besser. Wir sind heute sehr stark. Jetzt teilt sich der Konzern. Das ist eine starke emotionale Belastung für die Siemens-Familie und die Tradition. Aber Tradition ist in die Vergangenheit gerichtet. Man sollte ihr mit Respekt begegnen. Die Zukunft aber ist gestaltbar. Deshalb müssen wir sie verantwortlich und umsichtig gestalten. Dazu gehört neben einer tragfähigen Strategie auch ein starkes Management Team. Deshalb ist eine geordnete Führungsentwicklung unverzichtbar.