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Eon-Chef Teyssen fordert billigeren Strom für alle Bürger

Interview : Eon-Chef Johannes Teyssen fordert billigeren Strom

Eon-Chef Johannes Teyssen fordert das Aus der EEG-Umlage und der Stromsteuer. Vor dem Brexit hat er keine Angst.

Johannes Teyssen ist am Morgen sieben Kilometer gelaufen, wie jeden zweiten Tag. Danach treffen wir den Eon-Chef in seinem Büro in der Essener Zentrale. Das Gespräch führte Antje Höning.

Knallen bei Ihnen Silvester doppelt Korken – auf das neue Jahr und die Innogy-Übernahme?

Teyssen: 2019 war das aufregendste Jahr meiner 30-jährigen Karriere. Mit der Übernahme von Innogy wird Eon zu einem der größten europäischen Versorger. Gemeinsam mit RWE ordnen wir die deutsche Energiebranche neu.

Eon war mal der wertvollste deutsche Konzern und ist jetzt vor allem ein staatlich regulierter Stromnetzkonzern. Ist das nicht langweilig?

Teyssen: Überhaupt nicht. Eon wird nächstes Jahr 20, die darin aufgegangene Veba damit 90, wir haben uns immer wieder neu erfunden. Unsere Strom- und Gasnetze sind das Rückgrat der Energiewende. Wir organisieren die optimale Strombeschaffung für mehr als 50 Millionen Kunden in Europa und bieten diesen Kunden moderne Lösungen wie PV und Ladelösungen für E-Mobility an.

Eon will bis zu 5000 Stellen streichen. Wenn Sie in Essen und Dortmund 1600 Stellen abbauen, wo fallen die übrigen weg?

Teyssen: Das schauen wir uns gerade mit der Mitbestimmung an. In Essen und Dortmund werden nach unserem aktuellen Erkenntnisstand je 800 Stellen wegfallen. Es bleibt bei unserem Ziel, bis 2022 Synergien von 600 bis 800 Millionen Euro zu realisieren und vor diesem Hintergrund bis zu 5000 Stellen abzubauen. Bis zu. Es kann sein, dass wir am Ende mit einem geringeren Abbau auskommen, das würde mich freuen. Synergien lassen sich schließlich auch bei den Sachkosten heben.

Sorgenkind ist der britische Markt. Waren Sie überrascht von den Problemen, die die von Innogy in die Ehe eingebrachte Npower (5300 Mitarbeiter) Ihnen bereitet?

Teyssen: Ursprünglich waren wir davon ausgegangen, dass das britische Vertriebsgeschäft von Innogy mit dem Privatkundengeschäft des britischen Energieunternehmens SSE zusammengelegt wird. Das hat aber leider nicht funktioniert. Der britische Markt ist wegen seiner scharfen Regulierung für alle Unternehmen hart, aber bei Npower sind die Probleme besonders groß. Da es zu unseren geschäftlichen Grundsätzen gehört, auf Dauer keine Verluste hinzunehmen, reagieren wir auf Eon-Art: schnell und konsequent.

Das heißt?

Teyssen: Nun müssen wir den besten unter den schlechten Wegen gehen und Npower komplett restrukturieren. Die Pläne haben wir den Mitarbeitern bereits vorgestellt und sprechen gerade noch mit den Gewerkschaften. Zu den Vorschlägen gehört beispielsweise, dass die Privat- und kleineren Gewerbekunden von Npower künftig von Eon UK auf einer gemeinsamen IT-Plattform betreut werden. Die großen Industrie- und Gewerbekunden von Npower würden weiter separat bedient. Die verbleibenden Aktivitäten von Npower wollen wir im Laufe der nächsten zwei Jahre restrukturieren. Es geht hier schon um radikale Veränderungen.

Was ist mit Eons britischer Tochter? Wollen Sie das britische Geschäft ganz aufgeben?

Teyssen: Nein, wir bleiben in Großbritannien. Aber auch bei unserer britischen Tochter läuft die Optimierung der Standorte, hier bauen wir gerade 500 bis 600 von rund 9000 Stellen ab.

Die Briten haben Boris Johnson mit einer klaren Mehrheit ausgestattet. Was heißt das für Eon?

Teyssen: Es ist gut, dass wir jetzt nicht enteignet werden – genau das hatte Labour-Chef Corbyn ja mit Energiefirmen vor. Nun können wir hoffentlich bald mit der neuen Regierung über nötige Reformen bei der Regulierung reden.

Und der Brexit lässt Sie kalt?

Teyssen: Als Bürger bedauere ich es sehr, dass die Briten die EU verlassen. Eon aber kann mit dem Brexit leben. Wir produzieren auf der Insel für die Insel, anders als etwa bei Autoherstellern gehen unsere Lieferketten nicht über den Kanal. Ich hoffe, dass die EU jetzt Häme unterlässt. Das ist wie bei einer Scheidung: Man sollte nicht hoffen, dass es dem anderen schlecht geht, sondern an die gemeinsamen Kinder denken.

Das heißt?

Teyssen: Es darf kein Bürger über die Scheidung zu Schaden kommen, weil Lieferketten für Medikamente reißen oder Fachkräfte ausgewiesen werden. In solchen Fällen muss man Grenzen offen halten. Auch militärisch ist Europa auf die Briten angewiesen. Europa und die Briten sollten trotz Brexit respektvoll miteinander umgehen.

Die neue Chefin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, will Europa bis 2050 klimaneutral machen. Was halten Sie von dem Plan?

Teyssen: Ich schätze Frau von der Leyen und halte den Plan für sinnstiftend ambitioniert. Politiker sind keine Buchhalter, deren Vorgaben punktgenau erfüllt werden müssen. Sie sollen eine Vision entwickeln und ihr Land mitreißen. Als Kennedy 1961 sagte, in zehn Jahren stehe ein Amerikaner auf dem Mond, gab es die Technik dazu auch noch nicht. Nun hat Europa seinen „Man-on-the-moon“-Moment.

Sie haben leicht reden, seit Eon seine Kraftwerke in Uniper abgespalten hat. Chemie und andere Branchen sehen das aber kritischer …

Teyssen: Klimaneutralität bis 2050 ist extrem herausfordernd, aber technisch grundsätzlich machbar. Wenn wir 2050 bei 95 Prozent CO2-Neutralität landen, wäre das auch großartig. Und wir wissen noch gar nicht, welche Techniken wir in 30 Jahren haben. Man muss sich ehrgeizige Ziele setzen. Das hat der Antarktisforscher Shackleton auch getan, als er seine Mannschaft im Polarmeer rettete.

Das hat die Bundesregierung mit ihrem Klimapaket nicht getan. Schaffen wir die Klimaziele bis 2030, wonach die Emissionen um 55 Prozent sinken sollen?

Teyssen: Da habe ich meine Zweifel. Die Einführung eines Preises für den CO2-Ausstoß und im Gegenzug die Senkung der EEG-Umlage sind ein gutes marktwirtschaftliches Element. Fossile Energienutzungen müssen überall einen Preis bekommen, grüner Strom hingegen muss dafür für die Menschen billiger werden. Der gerade nachverhandelte höhere Einstiegspreis geht in die richtige Richtung. Noch mehr Mut hätten wir auch begrüßt.

Wie verhindert man eine Überforderung des Verbrauchers?

Teyssen: Klimapolitik darf den Verbraucher nicht überfordern, sondern muss ihn mitnehmen. Deshalb sollte die Bundesregierung im Gegenzug die EEG-Umlage und die Stromsteuer streichen. Strom muss für alle billiger werden.

Sollte man früher als 2038 aus der Kohle raus?

Teyssen: Das wird kaum gehen, wir brauchen Kohle und Gas, solange es nicht genug Ökostrom gibt. Bei allem, was wir tun, dürfen wir nie die Versorgungssicherheit außer Acht lassen.

Sollten wir wieder in die Atomkraft einsteigen? Sie belastet das Klima kaum.

Teyssen: Das Thema Atomkraft ist durch, eine Rückkehr würde nur frühere Konflikte in der Gesellschaft neu entfachen. Natürlich hätten wir im Rückblick besser erst Kohlekraftwerke abschalten und durch erneuerbare Energien ersetzen sollen – und erst danach die Atomkraftwerke stilllegen. Klimapolitisch wäre das der sinnvollste Weg gewesen, und bis Fukushima wollten die Mehrheit im Bundestag und die Bundesregierung ihn auch gehen. Danach hat die Politik anders entschieden, nun ist alles auf Abschalten programmiert. Und dabei sollte es jetzt auch bleiben.

Wird Eon hierzulande größter E-Tankstellen-Anbieter?

Teyssen: Wir stellen intelligente Netze, beschaffen den Strom und entwickeln innovative Kundenlösungen. Ich sehe aber nicht, dass wir vorrangig E-Tankstellen im großen Stil betreiben. Die ganze Energiewelt wird dezentral, man lädt vorwiegend zuhause oder bei der Arbeit. Ein Tankstellennetz im klassischen Sinn wird es möglicherweise gar nicht mehr geben, jedenfalls ist das für uns nicht die wichtigste Aufgabe aus Sicht unserer Kunden.

Wann wird Eon klimaneutral?

Teyssen: Wir arbeiten zum Beispiel daran, die Emissionen unserer Verwaltungsgebäude zu senken. Was den Stromvertrieb betrifft: Wir verkaufen 600 Terawattstunden Energie im Jahr. Es gibt aber leider in ganz Europa bei weitem keine 600 Terawattstunden grünen Strom. Und Eon wird nicht ihre Kunden abschalten, um auf dem Papier klimaneutral zu sein.