1. News
  2. Wirtschaft
  3. Überregional

15.000 Anträge: Große Nachfrage nach Cannabis auf Rezept in Deutschland

15.000 Anträge : Große Nachfrage nach Cannabis auf Rezept in Deutschland

Seit Cannabis als Arznei erlaubt ist, ist der Ansturm groß. Die meisten Anträge für die Droge auf Rezept kommen aus Bayern und NRW. Die Fachwelt streitet aber noch darüber, ob Cannabis ein sinnvolles Arzneimittel ist.

Kekse, Tee, Joint – einst war Cannabis nur ein illegales Rauschmittel. Seit März 2017 kann die grüne Pflanze auch auf Rezept bezogen werden. Und der Ansturm ist groß: Bundesweit hat seitdem allein die Barmer Krankenkasse 14.986 Anträge auf eine Cannabis-Therapie erhalten, rund 68 Prozent wurden genehmigt. Allein von 2018 auf 2019 ist die Zahl der Anträge um 16 Prozent auf 6094 gestiegen. In Nordrhein-Westfalen nahm die Zahl der Anträge gar um 26 Prozent auf 1195 zu. Das geht aus einer unveröffentlichten Studie der Barmer hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Die meisten Anträge kommen seit 2017 aus Bayern, obwohl die Kasse dort nur gut halb so viele Versicherte hat wie in Nordrhein-Westfalen. 75 Prozent der Anträge wurden genehmigt. Aus NRW kamen seither 2871 Anträge (Platz zwei im Ländervergleich), 61 Prozent wurden genehmigt. „Die vielen Verschreibungen in Bayern erklären sich zum Teil daraus, dass die Cannabis-Forschung schon in den 90er Jahren einen Schwerpunkt an der Uni München hatte. Bis heute gibt es in Bayern viele Experten mit besonderem schmerztherapeutischen Schwerpunkt“, sagt Ursula Marschall, Schmerzmedizinerin bei der Barmer. Entsprechend erfahren sind die Ärzte dort bei der Formulierung der Anträge. Viele scheitern nämlich anderswo wegen formaler Fehler. Andere Gründe für die Ablehnung: Es stehen geeignete Alternativen zur Verfügung oder Cannabis ist für das Leiden, das der Antragsteller hat, gar nicht geeignet.

Vor allem ältere Patienten fordern das Mittel ein. Nur 27,7 Prozent der Verordnungen entfalle n auf Patienten, die jünger als 50 Jahre sind. „Wir hatten erwartet, dass vor allem Alt-68er der Verschreibung von Cannabis positiv gegenüberstehen. Die 50- bis 59-Jährigen stellen mit 30 Prozent der Cannabis-Patienten auch eine große Gruppe“, so Marschall. Doch Cannabis wird in vielen Altersgruppen verordnet: 21 Prozent entfallen auf die 60- bis 69-Jährigen und 13 Prozent auf die 70- bis 80-Jährigen.

Zu den Anwendungsgebieten gehören Übelkeit bei Chemotherapien, Schmerzen oder Spastiken bei Multipler Sklerose. „Cannabis hilft besonders gut bei speziellen Nervenschmerzen, die oft stärker sind als Krebsschmerzen“, erläutert Marschall. Ärzte können Cannabis-Blüten und Extrake aus Cannabis verordnen. Man müsse die Gefahr, körperlich und psychisch abhängig zu werden, diskutieren, fordert die Barmer-Expertin. Cannabis kann starke Nebenwirkungen auslösen wie Halluzinationen, Panikattacken oder Psychosen. „Es ist wichtig, dass die Can nabis-Verordnung eingebettet wird in ein therapeutisches Konzept.“

Interessant ist, in welcher Form Patienten die Arznei wünschen beziehungsweise Ärzte sie verordnen: Die Zahl der verordneten Packungen für unverarbeitete Cannabis-Blüten ist seit März 2017 bundesweit um rund 630 Prozent gestiegen, so die Barmer. Bei Kapseln und Spray fiel der Anstieg deutlich geringer aus. „Überraschend groß ist die Nachfrage nach Cannabis-Blüten, hier kann es auch schon mal zu Lieferengpässen kommen“, sagt Marschall.

 Cannabis wurde bislang aus dem Ausland importiert. Die neue Cannabisagentur im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll den Anbau zu medizinischen Zwecken in Deutschland steuern und kontrollieren. Der Eigenanbau bleibt verboten.

Die Behandlung ist teuer. Die Barmer gab im vergangenen Jahr 17,2 Millionen Euro für Cannabis-Verordnungen aus (nach 13 Millionen im Vorjahr). „In Einzelfällen können es bei Cannabis 130.000 Euro pro Patient und Jahr sein“, erläutert Marschall. 35 Prozent der Patienten erhalten demnach Cannabis nur ein Quartal lang. 15 Prozent bekommen es aber auch schon mehr als zwei Jahre.

Vor allem streitet die Fachwelt darüber, ob Cannabis ein Rauschmittel oder eine sinnvolle Arznei ist. Das Mittel wurde zugelassen, obwohl keine Wirksamkeit (Evidenz) durch klinische Studien belegt sei, kritisiert die Barmer.