Neue Studie am Uniklinikum Bonn Das Rheuma-Medikament, das vielleicht gegen Hirntumore helfen könnte

Bonn · Ein Forschungsteam am Uniklinikum Bonn erprobt eine Therapiemöglichkeit gegen einen besonders aggressiven Hirntumor: Die Experten wollen testen, ob ein eigentlich gegen Rheuma entwickelter Wirkstoff Hoffnung beim Kampf gegen das Glioblastom verheißt.

Das Bonner Forschungsteam (von links): Anna-Laura Potthoff, Hartmut Vatter, Ulrich Herrlinger und Matthias Schneider.

Das Bonner Forschungsteam (von links): Anna-Laura Potthoff, Hartmut Vatter, Ulrich Herrlinger und Matthias Schneider.

Foto: Universitätsklinikum Bonn (UKB) / R. Müller

Es ist der häufigste und aggressivste Hirntumor bei Erwachsenen – und noch immer ist er schlecht behandelbar: das Glioblastom. „Ein hirneigener Tumor, der sich aus den Gliazellen, dem Stützgewebe des Gehirns, entwickelt“, schreibt die Deutsche Hirntumorhilfe.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fällt er unter den schlimmsten der vier Tumorgrade. Grad eins ist ein langsam wachsender gutartiger Tumor; zu Grad vier gehören schnell wachsende, besonders bösartige Auswüchse. Mehr als 4700 Personen in Deutschland erkranken im Jahr an einem Glioblastom, und nur fünf bis zehn Prozent der Betroffenen überleben nach der Diagnose länger als fünf Jahre.

Der Tumor ist aggressiv und die Therapiemöglichkeiten sind begrenzt – daran wollen die Ärzte des Universitätsklinikums Bonn (UKB) etwas ändern.

In Experimenten hemmte der Wirkstoff die Kommunikation der Tumorzellen

Ulrich Herrlinger (Direktor der Klinik für Neuroonkologie und Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Neurologie des UKB) und Matthias Schneider (Oberarzt der dortigen Klinik für Neurochirurgie) haben eine Therapiestudie begonnen, die nun in die zweite Phase geht. In ihr wollen sie erproben, ob das Medikament Meclofenamat, das ursprünglich zur Rheuma-Terapie entwickelt wurde, bei Patientinnen und Patienten mit der bösartigen Hirntumorerkrankung wirkt.

Was die Behandlung von Glioblastomen so schwierig macht, erklärt Herrlinger: „Glioblastome wachsen sehr infiltrativ – das bedeutet, sie wachsen in gesundes Gewebe hinein und verdrängen es –, sodass sie nicht durch eine Operation komplett entfernt werden können. Glioblastome entwickeln schnell Resistenzen gegen die üblichen Therapiemaßnahmen. Ein Mechanismus, der die Widerstandsfähigkeit gegenüber Chemo- und Bestrahlungstherapie erhöht, besteht darin, dass sich die Tumorzellen zu einem Netzwerk zusammenschließen.“

Laut den Wissenschaftlern habe das Medikament bei Laborexperimenten die Kommunikation zwischen Glioblastomzellen gehemmt: Die Tumorzellen werden dadurch voneinander isoliert und reagieren empfindlicher auf die Behandlung mit Chemotherapeutika.

„Auch in der höchsten gewählten Dosis wurden keine relevanten Nebenwirkungen festgestellt“

„In der Phase I haben wir zunächst die Durchführbarkeit der Kombination aus Meclofenamat und der Standard-Chemotherapie erprobt und konnten die optimale Dosis für die Einnahme von Meclofenamat bestimmen. Auch in der höchsten gewählten Dosis wurden keine relevanten Nebenwirkungen festgestellt. Nun wollen wir in der Phase II erste Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit dieser Kombinationstherapie im klinischen Einsatz ermitteln“, erklärt Herrlinger.

Dafür suchen die Mediziner deutschlandweit 60 Menschen, die an ihrer Studie teilnehmen möchten: Die Personen müssen volljährig sein und an einem Rezidiv eines „MGMT-Promotor methylierten Glioblastoms“ leiden.

Die Studie wird in zwei Gruppen durchgeführt: Die eine Hälfte wird mit dem etablierten Chemotherapeutikum Temozolomid behandelt, während die andere Hälfte eine Kombinationstherapie aus Temozolomid und Meclofenamat erhält.

Das Bundesforschungsministerium fördert die Studie mit fast zwei Millionen Euro

„Sollten sich positive Anzeichen für eine Wirksamkeit dieser neuen Kombinationstherapie ergeben, wäre dies ein erster Hinweis darauf, dass eine Therapie, die sich gegen die Kommunikation im Tumornetzwerk richtet, nicht nur im Labor, sondern auch in der klinischen Anwendung Erfolg haben könnte“, sagt Schneider.

Betroffene, die an der Studie interessiert sind oder teilnehmen möchten, können sich telefonisch unter ☏ 0228/287 31189 oder ☏ 0228/287 19887 melden oder eine Mail an Studienzentrum.neuroonkologie@ukbonn.de schreiben.

Sollte die Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit fast zwei Millionen Euro gefördert wird, in der zweiten Phase erfolgreich sein, ist eine dritte mit mehr als hundert Patientinnen und Patienten geplant.

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