Bonner Studenten erarbeiten ein Beethoven-Buch : Der Maestro und der Ziegenbock

U wie „Urtheil Goethes“, F wie „Fässerweise Erfolg“: Bonner Germanistikstudenten haben zum Jubiläumsjahr 2020 ein ABC zu Ludwig van Beethoven herausgegeben

Nur ein einziges Mal sind die beiden einander begegnet: im Juli 1812, in Teplitz, dem ältesten Heilbad Böhmens, 100 Kilometer nordwestlich von Prag. Nicht, dass Ludwig van Beethoven und Johann Wolfgang von Goethe sich besonders viel zu sagen gehabt hätten – tatsächlich trennte sie weit mehr als ein Altersunterschied von 20 Jahren.

„Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt, allein er ist leider eine ganz unbändige Persönlichkeit“, schrieb Goethe am 2. September an seinen Freund Carl Friedrich Zelter. „Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, dass ihn sein Gehör verlässt, das vielleicht dem musicalischen Teil seines Wesens weniger als dem geselligen schadet.“

Zu finden ist dieses „Urtheil Goethes“ im „Beethoven-ABC“ – einem zum 250. Geburtstag des Komponisten erschienenen Buch mit 118 Seiten, illustriert mit 24 farbigen sowie 15 schwarz-weißen Abbildungen und herausgegeben von Lisa Höcker. Sie gehört – wie Miriam Germer, Kimay Anna Holtzwarth, Monika Klandt, Jan-Oliver Nickel, Anna Rüther und Justine Strube – zum Kreis von sieben Studierenden, die den Band während des Wintersemesters 2018/19 konzipiert haben.

Im Beethovenhaus saßen die Studenten am historischen Kirschholz-Tisch

Die Mitglieder eines Praxismoduls am Institut für Germanistik unter Leitung des Lehrbeauftragten Mario Leis haben dabei auch mit Originalzeugnissen aus dem Stadt- und dem Universitätsarchiv gearbeitet. Das Ergebnis ist eine ebenso unkompliziert lesbare wie inhaltlich vielschichtige Sammlung.

Die Editoren haben auch in der Bibliothek des Beethoven-Hauses recherchiert und dort am Quartett-Tisch gesessen – einem kostbaren Möbel aus Kirschholz mit Bronzebeschlägen, das noch aus dem 18. Jahrhundert stammt (siehe Kasten).

Vier durch Federdruck aufrichtbare Notenpulte sowie ausziehbare Schubladen mit Schreibeinlagen waren eigens für das im 19. Jahrhundert beliebte hausmusikalische Quartettspiel gemacht worden. Auch Beethoven soll daran teilgenommen haben.

„Oh ihr Menschen, wie unrecht thut ihr mir!“

Ein geselliger junger Mann, ein gern gesehener Gast? Das will auf den ersten Blick so gar nicht zu dem dunkel-brütenden Geist passen, der im „Heiligenstädter Testament“ vom 6. Oktober 1802 seinen Brüdern Karl und Johann die beginnende Taubheit bekennt, seine Todesgedanken und den „heroischen“ Entschluss, für die Kunst am Leben zu bleiben.

„Oh ihr Menschen, die ihr mich feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir!“, schreibt Beethoven. „Ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet. Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens. Selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt.“

Über dieses Nonplusultra hinaus, das in keinem Beethoven-Kompendium fehlen sollte, ist das Team über Briefe, Zeitungsartikel,  Taufregister und zeitgenössische  Berichte hinaus auch den Spuren in der Familiengeschichte gefolgt.

Beethovens Großvater war ebenfalls Musiker – und Weinhändler

Das Kapitel „Fässerweise Erfolg“ zeichnet Aufstieg und Niedergang des Großvaters nach, der ebenfalls Ludwig hieß und Musiker war: 1712 in Antwerpen geboren und seit 1732 in Bonn ansässig, wurde er 1761 zum „kurfürstlichen Hofcapellmeister“ ernannt und betrieb – wie andere angesehene Bonner Bürger seiner Zeit auch – nebenher kleine Weingeschäfte.

Das mag der Börse gut getan haben, dem Familienleben indes weniger: Die Ehefrau musste „wegen dem Trunke ins Closter gethan werden“ und Ludwigs Sohn Johann schuf mit der gleichen Neigung die trüben Verhältnisse, in denen später seine Söhne aufwachsen mussten.

Die Anekdote „Ziegenhaare eines Meisters“ beschließt den Band. So wurde seinerzeit der Wunsch einer Dame nach einer Locke des Komponisten mit einem Büschel aus dem Bart eines Ziegenbocks befriedigt, das dem grauen kräftigen Haar Beethovens doch recht ähnlich gesehen haben soll. Der Schwindel flog natürlich auf und war dem Maestro so peinlich, dass er schließlich selbst zur Schere griff.

Beethoven-ABC. Verlag für Kultur und Wissenschaft, 118 S., 18, Euro