Die Pubertät der Keichousaurier Starke Knochen und der Geschlechtsakt

Bonn · Wie ein Tier geschlechtsreif wird, ist naturgemäß schwer festzustellen, wenn es seit 240 Millionen Jahren ausgestorben ist. Bonner Forscher haben es trotzdem versucht.

 Ich seh dir in die Augen, Kleines: Die Keichousaurier l(i)ebten in den Meeren vor Südwestchina.

Ich seh dir in die Augen, Kleines: Die Keichousaurier l(i)ebten in den Meeren vor Südwestchina.

Foto: Takumi

Eins der vielen Probleme mit dem Sex ist, dass er per definitionem zum Leben gehört. Die sexuelle Entwicklung längst ausgestorbener Tiere zu untersuchen, ist also nicht einfach für jene Forscher, die sich für sie interessieren. Ein internationales Team von Wissenschaftlern aus China, Deutschland und Japan hat jetzt trotzdem einen Erfolg erzielt.

Die Experten haben neue Erkenntnisse zur Pubertät des Keichousaurus, eines kleinen, lebendgebärenden Meeresreptils, das vor rund 240 Millionen Jahren im heutigen China lebte. Die Uni Bonn war an der Untersuchung maßgeblich beteiligt.

Hirschgeweih, Pfauenfedern, Löwenmähne: Dass im Tierreich die männlichen Exemplare oft wesentlich aufgebrezelter daherkommen als die weiblichen, heißt „Sexual­dimorphismus“ (deutlich verschiedene körperliche Merkmale zwischen den Geschlechtern). Er tritt in der Regel auf, sobald die Tiere ihr Erwachsenenalter erreicht haben, und liefert den Experten dann wichtige Informationen für das Verständnis von Wachstum und Fortpflanzung.

Bei einigen Arten, insbesondere bei Reptilien, ist es jedoch schwierig, den Beginn der Geschlechtsreife zu erkennen. Unterschiede zwischen den Geschlechtern zeigen sich hier meist nur in der Färbung oder Körpergröße. Beides ist an Fossilien naturgemäß schwierig nachzuweisen.

Vom Keichousaurus wurden besonders viele Fossilien ausgegraben

Vom Keichousaurus allerdings wurde in südwestchinesischen Sedimenten der Trias-Zeit eine besonders große Menge von Fossilien ausgegraben, auch solche mit sichtbarem Geschlechtsdimorphismus: Die Männchen wurden deutlich größer als die Saurierinnen und hatten deutlich robustere Oberarmknochen, die zudem einen dreieckigen Querschnitt hatten (keinen rund-ovalen wie bei den Weibchen).

Das in den Fossilien abgelagerte Knochengewebe lieferte den Forschenden nun wichtige Erkenntnisse über die körperliche und sexuelle Entwicklung der Echsen vor, während und nach der Pubertät. Die Analysen der Knochenkompaktheit und der Wachstumsrate belegen zunächst ein schnelles Wachstum der kleinen Saurier.

Solche Unterschiede in der Wachstumsgeschwindigkeit und der erreichten Körpergröße sind Strategien der Geschlechter für das Überleben und den Paarungserfolg: So fanden Weibchen des Keichousaurus offensichtlich größere Männchen attraktiver als kleinere.

Nach Abschluss der Pubertät ließ sich an den Fossilien beobachten, dass die Dichte der Saurierknochen zunahm. Die Forscher deuten das als verlangsamtes Körperwachstum, und zwar bei beiden Geschlechtern. Ein möglicher Grund: Der Körper steckte seine Energie jetzt nicht mehr ins Wachstum, sondern in die Fortpflanzung.

Echte Saurierkerle hatten wahrscheinlich Vorteile beim Sex

An den Mittelschäften der männlichen Oberarmknochen zeigte sich zudem, dass die Ansatzstellen der Muskeln dort größer wurden: Das deutet auf robustere Vorderbeine der Männchen hin – was wiederum darauf schließen lässt, dass die Männchen Revierkämpfe ausfechten mussten.

Vielleicht hatten echte Saurierkerle auch Vorteile beim Sex: Starke Vorderbeine sind praktisch beim Paarungsvorgang. Beeinflusst wurden diese Veränderungen der Oberarmknochen wahrscheinlich durch zwei Faktoren, nämlich eine Veränderung des Hormonhaushalts während der Saurier-Pubertät und körperliche Druckreize von außen.

Die Studie wurde finanziert durch die chinesische Nationalstiftung für Naturwissenschaft, das Chinese Scholarship Council, den Grundlagenforschungsfonds der Zentralchinesischen Hochschulen und das Umweltamt (Department of Natural Resources) der Provinz Anhui.

Der Fachartikel Qiang Li et al.: Puberty in a Mesozoic reptile. Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2023.05.073