Bonner Studie über Klimawandelleugner Nicht jeden plagt ein schlechtes Gewissen

Weshalb leugnen Menschen den Klimawandel? Eine Hypothese lautet: Um bei klimaschädlichem Handeln kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Bonner Forscher haben das jetzt in einer Studie überprüft. Ergebnis: Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Dass die Ahrflut stattgefunden hat, lässt sich nicht ableugnen. Manche Leute allerdings leugnen durchaus ab, dass Ereignisse wie sie am menschengemachten Klimawandel liegen.

Dass die Ahrflut stattgefunden hat, lässt sich nicht ableugnen. Manche Leute allerdings leugnen durchaus ab, dass Ereignisse wie sie am menschengemachten Klimawandel liegen.

Foto: Volker Lannert

Dass die Erwärmung des Weltklimas a) stattfindet, b) am Menschen liegt und c) gefährlich ist – darüber kann es außerhalb gewisser Kreise doch eigentlich keine Diskussion mehr geben, oder? Und wenn eine/r sagt, das alles sei überhaupt nicht so – warum tut er das? Bonner Forscher hatten dazu eine Hypothese, haben sie überprüft – und fanden heraus, dass sie nicht stimmt. Zumindest ergab das der Versuch, den sie unternahmen.

Sich „die Fakten zurechtzubiegen“, muss nicht (immer) irgendeiner Bösartigkeit entspringen. Manchmal ist sie auch einfach eine simple Schutzfunktion des Gehirns. Schließlich möchte keiner jedes Mal ein schlechtes Gewissen bekommen müssen, wenn er ins Auto oder ins Flugzeug steigt, die Heizung oder die Lampen aufdreht.

Ist „interessensgesteuertes Denken“ am Werk?

Die bereits sichtbaren Folgen des Klimawandels (etwa Starkregenereignisse wie die Ahrflut) also auf andere Ursachen zurückzuführen; für die Zukunft anzunehmen, dass „alles schon nicht so schlimm werden wird“ oder gleich das ganze Problem für nicht existent zu erklären, ist vielleicht einfach eine absichtliche Selbsttäuschung. So glauben zumindest manche Forscher.

„Der Fachbegriff lautet »motivated reasoning«“, sagt Professor Florian Zimmermann, Ökonom an der Universität Bonn und Forschungsdirektor am ebenfalls in Bonn angesiedelten „Institut zur Zukunft der Arbeit“ (IZA). Dieses Motivated reasoning (etwa: interessengesteuertes Denken) hilft uns, unser Verhalten zu rechtfertigen.

Wer gerne fliegt, muss sich einreden: „Ein einzelner Flug macht keinen Unterschied“

Wer gerne mehrfach pro Jahr in den Urlaub fliegt, kann sich beispielsweise einreden, dass „das Flugzeug auch ohne ihn abheben würde“; dass „ein einziger Flug keinen Unterschied macht“; oder eben, „dass ohnehin nicht bewiesen ist, dass es den menschengemachten Klimawandel überhaupt gibt“. Kurz: Wir wollen nicht denken müssen, eine Klima-Sau zu sein, und dengeln uns die Welt zurecht, bis sie uns passt.

So zumindest die Hypothese. Doch Wissenschaft bedeutet, auch (und vor allem) die eigenen Annahmen regelmäßig anhand belastbarer Messergebnisse zu überprüfen. Das haben Forscher der Universität und des „Institute on Behavior and Inequality“ (briq) jetzt getan, das inzwischen im IZA aufgegangen ist. Sie kamen zu Ergebnissen, die sie selbst überraschten.

Es ging um die Frage: 20 Dollar fürs Klima spenden – oder das Geld selber behalten

Zimmermann und sein Kollege Dr. Lasse Stötzer unternahmen eine Serie von Online-Experimenten mit 4000 repräsentativ ausgewählten Erwachsenen aus den USA; finanziert wurde der Versuch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die Teilnehmenden wurden per Zufall zwei verschiedenen Gruppen zugewiesen. In der ersten Gruppe wurde lediglich gefragt, auf welche Organisationen von Klimaschützern eine potenzielle Spende von 20 Dollar verteilt werden solle. In der zweiten Gruppe war es den Probanden hingegen auch möglich, das Geld einfach selbst zu behalten.

Fast die Hälfte der Gruppenmitglieder entschied sich dafür und bekam das Geld anschließend ausbezahlt. Wer Geld nicht spende, sondern für sich behalte, müsse „das vor sich rechtfertigen“, sagt Zimmermann. „Man kann das beispielsweise tun, indem man den Klimawandel in Abrede stellt.“ Die Forscher wollten also wissen, ob die Dollar-Einkassierer ihre Entscheidung nachträglich rechtfertigten, indem sie den Klimawandel leugneten.

Mehr Klimawandelleugner in der Einkassierer-Gruppe? Ergebnis: Nichts dergleichen!

Weil die Gruppen nach dem Zufallsprinzip gebildet waren, müssten Klimawandelleugner und -nichtleugner theoretisch in beiden Gruppen gleich verteilt gewesen sein. Bei der Befragung nach dem Versuch (so nahmen die Forscher an) hätte in der Einkassierer-Gruppe der Anteil der erklärten Klimawandelleugner jedoch größer sein müssen als in der anderen – wegen des zum Dollar-Einsacken psychologisch notwendigen In-die-Tasche-Lügens.

Aber: Nichts dergleichen. „Diesen Effekt konnten wir nicht beobachten“, sagt Zimmermann und erklärt, dass sich das Ergebnis noch in zwei weiteren Experimenten bestätigte. „Wir finden in unserer Studie keine Hinweise, dass die weit verbreiteten Fehlwahrnehmungen zum Klimawandel auf diese Art von Selbsttäuschung zurückzuführen sind.“

Neue Hypothese: Manchen geht’s gar nicht ums Klima, sondern ums Dazugehören

Auf den ersten Blick ist das für die Politik eine gute Nachricht. Es könnte bedeuten, dass sich auch Leugner des Klimawandels durchaus erreichen lassen – man muss sie halt möglichst gut und umfassend informieren. Würden sie sich die Realität hingegen tatsächlich aus Eigeninteresse zurechtbiegen, wäre das kaum möglich.

Zimmermann hat jedoch einen anderen möglichen Grund für das Ergebnis ausgemacht. „In unseren Daten gibt es Anhaltspunkte für eine Variante von »motivated reasoning«, nämlich dass die Leugnung der menschgemachten Erderwärmung zur Identität bestimmter Gruppen gehört“, sagt er. Ihr interessensgesteuertes Denken geht also möglicherweise gar nicht dahin, ein gutes Gewissen zu haben – sondern dahin, sich von anderen gesellschaftlichen Gruppen zu unterscheiden und sich der eigenen anzupassen.

Sprich: Diese Leute sagen, dass es den Klimawandel nicht gibt, weil das in ihren Kreisen einfach dazugehört. Was die Forschung zum Thema erklärt, ist ihnen vermutlich völlig egal.

Publikation: Lasse S. Stoetzer, Florian Zimmermann: A Representative Survey Experiment of Motivated Climate Change Denial. Erschienen in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“; Online-Zugriff hier.

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