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Patientenkolloquium zur Sehkraft: Bonner Uniklinik berät zu Augenerkrankungen

Patientenkolloquium zur Sehkraft : Bonner Uniklinik berät zu Augenerkrankungen

Beim nächsten Patientenkolloquium des Bonner Universitätsklinikums geht es um die Therapie von Augenerkrankungen wie der Altersabhängigen Makula-Degeneration, Netzhautablösungen und Grünem Star.

Den Blick in die Zukunft richten? Das dürfte vielen Menschen zurzeit deutlich schwerer fallen als im Januar 2020. Angesichts der täglichen Daten zu Inzidenzwerten, Neuinfektionen und Todesfällen sowie des Risikos, sich mit Sars-CoV-2 anzustecken und möglicherweise schwer an Covid-19 zu erkranken, rückt nahezu alles andere in den Hintergrund. Erst einmal die nächsten Monate überstehen und dann zusehen, wie es weitergeht. Im Grunde keine schlechte Strategie.

Doch das bedeutet nicht, dass der Körper sich deshalb solange auf Standby schalten ließe. „Es gibt Erkrankungen, die kein Zögern und Abwarten erlauben“, sagt Professor Frank Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn. Eine Ablösung der Netzhaut, ein Glaukom (Grüner Star) oder auch die altersabhängige Makula-Degeneration (AMD) können und müssen behandelt werden, um Erblindung zu vermeiden. Doch das Zeitfenster für eine wirksame Therapie ist aufgrund des Krankheitsverlaufes begrenzt.

„Zulassen, dass es sich einfach schließt, sollte niemand. Und muss dies auch nicht“, wie Holz betont. Der Klinikbetrieb geht wie gewohnt weiter: „Notfälle kommen nach wie vor zu uns, auch Operationen finden statt.“ Das anfängliche Zögern mancher Patienten habe sich inzwischen relativiert. „Ihre Erfahrung ist, dass die Vorsichtsmaßnahmen und Hygienevorschriften hier strikt sind und genauso umgesetzt werden. Unsere Patienten können ihre Therapie ohne Bedenken fortsetzen.“

Das Kolloquium der Bonner Uniklinik findet erneut als Zoom-Konferenz statt

Wie sich komplexe Erkrankungen wie beispielsweise eine AMD behandeln lassen, ist Thema des nächsten Patientenkolloquiums des Universitätsklinikums Bonn (UKB) am Donnerstag, 21. Januar, von 18 bis 20 Uhr – wieder in Form einer öffentlichen Zoom-Konferenz. Professor Holz und die Assistenzärztin Dr. Desiree Millet werden auch darauf eingehen, was jeder – auch jetzt – im Alltag für seine Augen tun kann.

Sehen ist ein essentieller Teil des Lebens, und bei den meisten Menschen funktioniert es zeitlebens auch ganz ordentlich. Dass sich auch bei einem gesunden Menschen mit gutem Sehvermögen zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr die ersten „Verschleißerscheinungen“ an der Hornhaut, an Linse, Netzhaut, Aderhaut und Sehnerv abzuzeichnen beginnen, ist ganz normal.

Aber nicht alles – von fliegenden Mücken über Lichtblitze bis zu verschwommen Linien – lässt sich mit natürlichen Alterungsprozessen erklären. Um ernste Erkrankungen so früh wie möglich erkennen und erfolgreich behandeln zu können, empfehlen Augenärzte eine jährliche Routine-Untersuchung – beginnend zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. „Diabetiker sollten ihr Augenmerk jedoch schon deutlich früher darauf richten,“ fügt Millet hinzu. Denn diese Stoffwechselkrankheit schädigt die Netzhaut.

Das etwa 0,1 Millimeter dünne Nervengewebe kleidet die Hinterseite des Augapfels von innen aus und wandelt das Licht in Nervenimpulse um, die im Gehirn zu Seheindrücken verarbeitet werden. „Diabetische Retinopathie“ kann zu Beeinträchtigungen des Sehvermögens bis zur Erblindung führen. Im Frühstadium (NPDR) verursacht sie Blutungen, Gefäßerweiterungen (Mikroaneurysmen) und Fettablagerungen in den Gefäßen der Netzhaut sowie im umliegenden Gewebe. Im Spätstadium (PDR) werden mehr und mehr Blutgefäße blockiert. Der Körper versucht diese Unterversorgung durch die Bildung neuer Gefäße zu kompensieren. Sie wachsen in den Glaskörper und bluten dort ein, was zu Ablösungen der Netzhaut führt. Die Sehkraft verschlechtert sich schlagartig. Die Diabetische Retinopathie kann auch auf die Makula – die Stelle des schärfsten Sehens – übergehen und dort die Sehzellen zerstören.

Patienten können erste Warnsignale häufig selbst wahrnehmen

Weitaus häufiger jedoch tritt die Makula-Degeneration mit dem Alter auf. Die AMD – ob in der feuchten oder der mit rund 85 Prozent dominierenden, „trockenen“ Form, von der hierzulande 4,5 Millionen Menschen betroffen sind – ist die häufigste Netzhauterkrankung überhaupt. Mit 50 Jahren liegt das Risiko, daran zu erkranken, noch bei zwei, aber mit 75 Jahren schon bei 30 Prozent. „Heilbar ist die AMD bislang nicht“, erklärt Holz. „Doch es gibt Möglichkeiten, sie wirksam zu behandeln und ihren Verlauf zu verlangsamen.

„Erste Warnsignale können Patienten mitunter selbst wahrnehmen. Wenn gerade Linien krumm erscheinen oder sich Verzerrungen und Unschärfen in der Mitte des Sehfeldes abbilden, sollten Betroffene diese Symptome auf keinen Fall ignorieren. Unkomplizierte Selbsttests, wie das Amsler-Gitter, tragen dazu bei, die Funktion der Augen vorab selbst zu überprüfen. Bei Auffälligkeiten sollte unbedingt ein Termin beim Augenarzt der nächste Schritt sein.“

Was geschieht bei der AMD im Inneren des Auges? „Bei der trockenen Form lagern sich vermehrt Stoffwechselprodukte, so genannte Drusen, in der Netzhautmitte ab“, beschreibt es Millet. „Die trockene Makula-Degeneration wird nochmals in eine frühe und eine Spätform unterschieden.“ Frühformen zeigen sich ab 60, späte werden meist ab 70 diagnostiziert.

Als Frühform verläuft die Erkrankung häufig unbemerkt und langsam. Im Spätstadium der trockenen Makula-Degeneration gehen Sinneszellen und deren Ernährungszellen zugrunde. Das zentrale Sehen verschlechtert sich erheblich. Die Spätform kann unbehandelt zum Verlust der zentralen Sehschärfe und zur Ausbildung eines zentralen Gesichtsfeldausfalls (Skotom) führen, was Tätigkeiten wie Lesen und Autofahren unmöglich macht.

AMD führt zwar nicht zur vollständigen Erblindung. Das periphere Gesichtsfeld und die Orientierungsfähigkeit bleiben in der Regel erhalten. Doch die Beeinträchtigungen – auch beim Erkennen von Gesichtern – schränken die Lebensführung der Patientinnen und Patienten zusehends ein.

Die Spätform der AMD wird klinisch in die geographische Atrophie (trocken) und die neovaskuläre Makula-Degeneration (feucht) differenziert. Letztere schreitet deutlich schneller voran, ist aber gerade wegen ihrer speziellen Symptomatik gut und zielgerichtet behandelbar. Bei der feuchten Makuladegeneration sprießen undichte Gefäße in die Netzhaut. Sie schwillt dadurch in der Mitte an, was als „Makula-Ödem“ bezeichnet wird. Zusätzlich kann es aus diesen nicht stabil gebauten Gefäßen bluten, so dass sich die Netzhautmitte in eine bindegewebige Narbe umwandelt und die Sehzellen zugrundegehen.

Gesteuert wird dieser Prozess von dem Botenstoff „Vascular Endothelial Growth Factor” (VEGF). „Hemmt man VEGF mit spezifischen Antikörpern, verhindert das die krankhaften Gefäßwucherungen und Schwellungen“, erläutert Holz. Dazu wird ein Medikament, das eben dies bewirkt, unter sterilen Bedingungen in den Glaskörper des Auges gespritzt. Auch wenn die Vorstellung für den Laien ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, verspüren die Patienten dabei allenfalls einen leichten Druck.

Der Nachteil: Diese Injektionen müssen regelmäßig wiederholt und der Verlauf muss akribisch überwacht werden. Die häufigen Termine können gerade für die älteren Patienten und ihre Angehörigen zur organisatorischem Herausforderung werden. Deshalb sind längere Intervalle zwischen den Injektionen das Ziel bei der Weiterentwicklung der VEGF-Hemmer. Zu diesen neuen Substanzen gehört der Wirkstoff Brolucizumab (Markenname „Beovu“), der im Frühjahr 2020 für Europa zugelassen worden ist.

Bonner UKB entwickelt beständig neue Therapiemöglichkeiten

Ein weiterer Schwerpunkt an der Augenklinik auf dem Campus Venusberg ist die Gentherapie, auf die Holz auch beim Patientenkolloquium eingehen wird. „Wir zählen zusammen mit München und Tübingen zu den drei Zentren bundesweit, die die Gentherapie durchführen und wissenschaftlich begleiten.“ Erstmals zugelassen wurde sie für eine seltenene Form der erblichen Netzhautdegeneration; Anwendungen bei anderen Erkrankungen sind auf dem Weg.

Die Hoffnungen richten sich auf ein Verfahren, genetisches Material direkt in die Netzhaut zu schleusen. Dabei „wird zunächst der Glaskörper entfernt und anschließend das Präparat im Augenhintergrund unter die Makula gespritzt.“ Über ein „Virentaxi“ (Vektor) erreichen die neuen Zellen ihr Ziel. Die Netzhaut nimmt sie auf und sollte dadurch wieder selbst fähig sein, ein bestimmtes Protein zu produzieren, das therapeutisch wirkt. „Dieser Effekt könnte lebenslänglich anhalten und wiederholte Eingriffe ersetzen“, blickt Holz voraus.

Bei der Entwicklung neuer Therapiestrategien zur Behandlung der fortschreitend trockenen Form und entsprechenden Studien ist der Fokus auf das Komplementsystem gerichtet, einen Teil des angeborenen Immunsystems. Sogenannte Komplementwege aktivieren Kaskaden von Enzymen, die letztlich zum Zelltod führen. Dieses System lässt sich medikamentös beeinflussen.

In klinischen Studien wird zurzeit die Blockade bestimmter Komplementfaktoren und deren potenzielle Wirksamkeit untersucht. „Es wird sich zeigen, ob sich so auf molekularer Ebene das Voranschreiten der geographischen Atrophie verlangsamen lässt“, blickt Holz voraus. Aber auch die Behandlung der frühen AMD macht mit neuen Therapieansätzen Fortschritte.

Es gibt aber nach wie vor auch Augenerkrankungen wie die Netzhautablösung mit drohender Erblindung auf dem betreffenden Auge, die ein rasches mikrochirurgisches Eingreifen erfordern. Typisches Symptom sind bewegliche Glaskörpereintrübungen, umgangssprachlich als „fliegende Mücken“ bezeichnet. Verdächtig sind auch Lichtblitze – selbst wenn gar kein Licht da ist.

„Wenn der Glaskörper bei Veränderungen an der Netzhaut zieht, verursacht er dort Risse“, sagt Holz. Durch diese Risse kann Flüssigkeit sickern, was schließlich zur Ablösung und unbehandelt zur Erblindung führt. „Einer der Risikofaktoren ist Kurzsichtigkeit, die allgemein weiter zunimmt.“ Gerade bei Kindern und Jugendlichen: Zeiten am Bildschirm werden immer weiter ausgedehnt, die einseitige Beanspruchung hat Konsequenzen für die Gesundheit der Augen.

Ein Thema, auf das Desiree Millet beim Patientenkolloquium näher eingehen möchte, ist die Rolle der Ernährung. „Um sich die Sehkraft so lange und so gut wie möglich zu erhalten, ist kein besonderer Aufwand erforderlich“, hebt sie hervor. „Es kommt vielmehr darauf an, sich gesund zu ernähren: mediterran mit Fisch und viel Gemüse, vor allem den grünen Sorten. Das wirkt sich positiv auf das kardiovaskuläre System – das Herz und die Blutgefäße – aus. Und was dem ganzen Körper bekommt, bekommt auch den Augen.“

Dies gilt auch für Paprika, Karotten, rote Rüben, Feldsalat und Zitrusfrüchte. „Sie alle enthalten Lutein – das gelbe Makula-Pigment.“ Wohingegen die durch Nikotin verursachten Schäden am Auge vielen gar nicht bekannt sind, beklagt Millet. „Rauchen erhöht das Risiko deutlich, an AMD zu erkranken. Stoffwechselprodukte im Auge werden nicht mehr ausreichend abgebaut, Zellen so nicht mehr ausreichend versorgt und sterben ab.“

Mit Nikotinverzicht und vitaminreicher Kost macht man also schon vieles richtig. Für das Wohlgefühl der Augen – gerade jetzt in der kalten Jahreszeit und für viele auch coronabedingt im Homeoffice – rät Holz abschließend, daheim für ausreichend Luftfeuchtigkeit zu sorgen, regelmäßige Pausen nicht zu vergessen und öfters mal bewusst ins Weite zu schauen. Denn schließlich wird auch dieser Lockdown einmal ein Ende haben.