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Corona und der Bewusstseinswandel bei Gesundheits-Apps

Gesundheits-Apps, Fitness-Tracker und Corona : Gesundheit und Mitverantwortung

Ein Sankt Augustiner Forscherteam untersucht die Risiken und den möglichen gesellschaftlichen Nutzen von Fitness-Trackern

Remi Maier-Rigaud ist einer, der sich gerne fit hält. Mit seiner Familie spaziert er am liebsten durch den Kottenforst. Und wenn es dann erlaubt und vertretbar ist, spielt der 42-Jährige auch wieder Tischtennis im Verein. Sein linkes Handgelenk bleibt dabei frei, keine Smartwatch, kein ebenso schlaues Armband, das seine Schritte, die Herzfrequenz oder den Kalorienverbrauch durch Bewegung misst.

„Für mich persönlich sind die Dinger nichts. Sie enden häufig in einem Wettbewerb, wer die meisten Jogging-Kilometer und damit vermeintliche »Gesundheitspunkte« geschafft hat“, sagt der Professor für Sozialpolitik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS).

Aber vielleicht werden sie ja bald etwas für ihn – was dann auch mit seiner eigenen Forschung und einer möglichen Veränderung durch die Corona-Krise zu tun hätte. Im vergangenen Jahr hat Maier-Rigaud als Leiter einer Studie der H-BRS und der Uni Köln im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung die sogenannten Fitnesstracker unter die Lupe genommen.

Eine frühere Studie ergab: Bei App-Nutzern
sinkt die Zustimmung zum Solidarprinzip

In einer repräsentativen Umfrage unter 1314 Teilnehmern ab 16 Jahren haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass diese Technik ungesunde Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben könnte. Genauer: Die Untersuchung ergab, dass bei Nutzern dieser digitalen Anwendungen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie das Solidarprinzip der Krankenversicherung ablehnen (das in der Bevölkerung ansonsten mit 74 Prozent eigentlich eine hohe Zustimmung erfährt).

„Offenbar reduziert das zunehmende Wissen und die vermeintliche Kontrolle über individuelle Vitalwerte die Akzeptanz der Menschen für solidarisch finanzierte Gesundheitssysteme“, lautete im Dezember die Schlussfolgerung von Maier-Rigaud aus der Studie.

„Die Einschätzung, dass jeder sein eigenes Wohlergehen maßgeblich beeinflussen kann und letztlich im Griff hat, scheint im Kommen zu sein. Wer sich im Sinne der Selbstoptimierung fit und gesund hält, oder dies zumindest glaubt, möchte eher nicht für die Schwächen anderer mithaften.“

Die Corona-Krise könnte die Wertschätzung
des Solidarprinzips wieder erhöhen

Und genau an dem Punkt könnte es laut dem Wissenschaftler durch die Corona-Krise nun zu einer Veränderung kommen. Die Kontaktbeschränkungen, die soziale Distanzierung und das Tragen von Schutzmasken führten jedermann im Alltag deutlich vor Augen, dass Gesundheitsprävention nicht alleine eine individuelle, sondern in hohem Maße eben auch eine gesellschaftliche Aufgabe sei. Das heißt: Jeder trägt auch für das Wohlergehen der Mitmenschen eine Mitverantwortung.

Nach der Erwartung Maier-Rigauds könnte die Corona-Krise die Wertschätzung für ein solidarisches Gesundheitssystem wieder verstärken – auch und gerade durch digitale Anwendungen, denen nun eine gegenläufige, nämlich solidaritätstiftende Rolle zukommen könnte.

Erste Anzeichen dafür sieht er (da die viel diskutierte Tracing-App ja nun noch nicht auf dem Markt ist) in der Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts (RKI). Letztere erkennt durch eine Kopplung mit Smartwatches und Fitnessarmbändern typische Covid-19-Symptome des Trägers, wie zum Beispiel Fieber. In Kombination mit Informationen über die Postleitzahl der Nutzenden lassen sich damit regionale Infektionsschwerpunkte identifizieren.

512 000 Menschen nutzen eine Datenspende-App,
obwohl sie ihnen keinen individuellen Vorteil bringt

Nach Auskunft des RKI haben seit Anfang April bereits mehr als 512 000 Menschen ihre Daten freiwillig (und anonym) zur Verfügung gestellt. Für Maier-Rigaud ist dies ein Zeichen dafür, dass die Bereitschaft der Bevölkerung, ihre Daten für diese Zwecke zu teilen, hoch zu sein scheint. Zumal mit der Datenerhebung keinerlei Diagnose für den „Datenspender“ verbunden ist (denn die Daten sind kein eigentlicher Test auf Corona).

„Es gibt keine Rückmeldung an diejenigen, die mitmachen“, sagt Maier-Rigaud. „Sie haben keinen direkten individuellen Vorteil davon, sondern rein altruistische Gründe.“ Seine Studie aus Vor-Corona-Zeiten hingegen zeigte nur „moderate Zustimmungswerte“ für eine Weitergabe von Daten an die Krankenkassen: Dies sei demnach nur für 19 Prozent der Bevölkerung infrage gekommen.

Ob diese Tendenzen nun Rückschlüsse auf einen regelrechten Einstellungswandel zulassen, und ob den Fitness- beziehungsweise Gesundheits-Apps dabei wirklich eine positive, solidarisierende Rolle zukommt, möchte Maier-Rigaud bald mit einer neuen Studie überprüfen. Dazu plant er – für nach der Pandemie – eine weitere repräsentative Umfrage mit der gleichen Teilnehmerzahl, gerne auch wieder in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach.

Und ob er selbst die Tracing-App nutzen wird, wenn sie dann bald auf dem Markt ist? „Normalerweise halte ich Abstand von meinem Forschungsgegenstand“, sagt Remi Maier-Rigaud, lacht und ergänzt: „Aber vielleicht mache ich eine Ausnahme. Denn die Pandemie stellt eine Herausforderung dar, die unsere Gesellschaft nur kooperativ meistern kann.“