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Daten der Rheinland-Studie sollen Corona erforschen helfen

Rheinland-Studie : Bonner helfen beim Kampf gegen Corona

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen beteiligt sich an der Erforschung von Sars-CoV-2: 5500 Teilnehmer der „Rheinland Studie“ sollen Blutproben abgeben, damit die Experten erkennen können, ob die Probanden bereits von dem Virus betroffen waren – und ob sie möglicherweise Antikörper gegen den Erreger entwickelt haben

Seit vier Jahren untersucht das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in seiner groß und langfristig angelegten „Rheinland Studie“ die Gesundheit tausender Menschen in Bonn. Ziel ist, die Zusammenhänge von Lebensführung, persönlicher Disposition und individuellen Risikofaktoren möglichst genau zu analysieren, um auf diese Weise neue Perspektiven zur Gesundheitsförderung und Vorbeugung schwerer Krankheiten, wie zum Beispiel Alzheimer, zu gewinnen.

Jetzt bringt das DZNE seine Kompetenz auch bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie ein: Rund 5500 bisherige Teilnehmer/innen der Studie sollen nun – und in den kommenden Wochen – Blutproben abgeben, damit die Forscher herausfinden können, ob sie bereits mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert waren und eventuell Antikörper gegen den Erreger entwickelt haben.

Die Untersuchung der Blutproben übernimmt das Labor von Professor Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Berliner Charité. Die Neuroepidemiologin Monique Breteler leitet die Rheinland Studie in Bonn. Über das neue Vorhaben sprach sie mit Margit Warken-Dieke.

Fast 2000 der bisher 5500 Teilnehmer der Rheinland Studie haben bereits eine Einladung zur Blutabgabe bekommen. Wie war die erste Resonanz?

Professorin Monique Breteler: Groß. Und zwar so groß, dass die Website, über die die Teilnehmer selbst ihre Wunschtermine zur Blutabgabe eintragen können, nach den ersten verschickten Einladungsmails kurzzeitig überlastet war. Nach einem halben Tag hatte die Hälfte der Mail-Empfänger bereits einen Termin zur Blutabgabe in unseren Standorten in Duisdorf und Beuel vereinbart. Die Teilnehmer der Rheinland Studie wollen offenbar mitmachen. Zum einen, weil natürlich jeder nicht Getestete gerne wüsste, ob er schon mit dem neuartigen Coronavirus infiziert war oder nicht. Und zum anderen, weil die Menschen gerne dazu beitragen wollen, dass wir Wissenschaftler mehr über das Virus herausfinden können.

Wie sind Sie darauf gekommen, die Rheinland Studie an der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie zu beteiligen?

Breteler: Eigentlich ist unser Vorhaben sehr nah an dem dran, was wir auch sonst machen. Wir forschen, um zu verstehen, wie man gesund bleiben kann und was Erkrankungen auslöst. Normalerweise haben wir da eine Langzeitperspektive, untersuchen die Teilnehmer der Rheinland Studie im Abstand von mehreren Jahren immer wieder, um zu schauen, wer gesund altert und wer nicht. Jetzt bei der Pandemie ist das komplett anders, es läuft alles viel schneller und kurzfristiger, aber die Idee ist eine ähnliche: Wir wollen mit unserer Forschung dazu beitragen herauszufinden, was eigentlich die Infektion und die Erkrankung in den sehr verschiedenen Schweregraden auslöst und eventuell auch, was dagegen schützt. Denn das sind die Fragen, die jetzt anstehen.

„Es ist interessant zu sehen, warum sich einige Menschen, die mit dem Virus in Kontakt kommen, nicht infizieren“

Am Anfang ging es darum, sicherzustellen, dass wir genug Intensivbetten haben, um die Patienten zu versorgen. Dann ging und geht es darum, die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Und jetzt wollen wir versuchen herauszufinden, warum eine Person, die infiziert wird, eine sehr schwere Erkrankung erleidet, im ungünstigsten Fall sogar daran stirbt, und eine andere keine Symptome oder nur sehr milde hat. Auch ist es interessant zu sehen, warum sich einige Menschen, die mit dem Virus in Kontakt kommen, eben nicht infizieren.

Was brauchen Sie, um diese Fragen möglichst bald beantworten zu können?

Breteler: Wir brauchen sehr viele Daten über die Personen, die sich infizieren, erkranken, oder auch nicht erkranken. Und da sind wir mit der Rheinland Studie sehr gut aufgestellt, da müssen wir im Gegensatz zu anderen Forschern nicht mehr bei Null anfangen. Denn über unsere Teilnehmer haben wir bereits viele Daten über Gesundheit, Lebensstil und Immunstatus erhoben. Das Blut der Studienteilnehmer soll nun auf Antikörper gegen das Coronavirus getestet werden. Durch den Abgleich dieser Befunde mit unseren bereits gesammelten Daten über die Probanden erhoffen wir uns neue Erkenntnisse über den Erreger und darüber, wie verschiedene Gesundheitsfaktoren sich auf eine Coronavirus-Infektion auswirken können.

Wie lange beziehungsweise kurz war die Vorbereitungszeit für das recht umfangreiche Vorhaben?

Breteler: In der dritten Märzwoche sind die meisten Mitarbeiter des DZNE ins Homeoffice gegangen. Wir haben dann auch die mehrstündigen Untersuchungen unserer Probanden für die Rheinland Studie eingestellt. Ich hab’ mir dann Gedanken darüber gemacht, was für die weitere Corona-Forschung bald wichtig und nötig werden würde. Für mich als Epidemiologin war zu dem Zeitpunkt schon klar, dass es nach der Diskussion um die Intensivbetten und die sogenannte Verdoppelungszahl und anschließend die Reproduktionszahl bald um die verschiedenen Schweregrade der Erkrankung nach einer Infektion gehen würde. Was – außer den bekannten Risikofaktoren, Alter und Vorerkrankungen – bestimmt, wer schwer betroffen ist, und wer nicht? Als ich im DZNE und innerhalb meines Teams vorschlug, die Daten der Rheinland Studie hinzuzuziehen, um diese imminent wichtigen
Fragen zu beantworten, schlug mir sofort große Begeisterung entgegen und wir begannen umgehend mit den Vorbereitungen für die Umsetzung. Vier Wochen später gingen die ersten Einladungen raus. Wir erhoffen uns Hinweise zur Ursache der Erkrankung und darauf, wie man mit ihr umgehen kann. Je besser wir die Ursachen verstehen, desto besser werden wir hoffentlich in Prävention und Therapie.

„Je besser wir die Ursachen verstehen, desto besser
werden wir hoffentlich in Prävention und Therapie“

Im Blut Ihrer Probanden soll nach Covid-19-Antikörpern gefahndet werden. Bei der Heinsberg-Studie war ein Kritikpunkt, dass Antikörper-Tests unzuverlässig sind, dass sie zum Beispiel auch auf Antikörper gängiger Coronaviren anspringen, also ein Positiv-Ergebnis melden, obwohl spezielle Antikörper gegen Covid-19 gar nicht nachgewiesen wurden. Welches Verfahren wendet Ihre Studie an?

Breteler: Wir gehen mit einem dreistufigen Verfahren vor. Das erste Screening auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 arbeitet mit dem Elisa-Nachweis der Firma Euroimmun. Sind keine Antikörper vorhanden, ist die Untersuchung beendet. Positive Proben werden nach dem ersten Befund in einem Fluoreszenztest bestätigt. Schließlich erfolgt noch eine weitere Bestätigung mit Hilfe eines sogenannten Neutralisationstests. Er schließt aus, dass die vorherigen Tests falsch positiv waren aufgrund eventueller Kreuzreaktionen auf andere Coronaviren.

Wäre die untersuchte Gruppe aus der Rheinland Studie (im Gegensatz zu der aus Heinsberg) so repräsentativ, dass die Ergebnisse eine gewisse bundesweite Relevanz besitzen, also auf die Gesamtbevölkerung mit der üblichen Unsicherheitsmarge hochgerechnet werden können?

Breteler: Repräsentativität wird oftmals falsch verstanden. Unsere Ergebnisse sind sicher repräsentativ für unsere Studienpopulation. Diese kann man aber nicht so ohne Weiteres auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands hochrechnen. Es gibt lokale Hot Spots an Infektionen, wie in Heinsberg, genau wie Regionen mit ganz geringen Infektionszahlen, wie derzeit zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern.

Für wann rechnen Sie mit ersten Ergebnissen?

Breteler: Die wissenschaftlichen Ergebnisse erwarte ich nicht vor Juni/Juli. Es wird noch knapp einen Monat dauern, bis wir alle Blutproben eingesammelt haben. Während dieser Zeit werden die Proben wochenweise in Tausender-Tranchen nach Berlin geschickt und dort analysiert. Mit der eigentlichen Datenauswertung beginnen wir erst anschließend, wenn wir alle Testergebnisse zurückerhalten haben. Aber unsere Teilnehmer bekommen ihre persönlichen Ergebnisse sofort zurückgemeldet. „Sofort“ heißt hier ein bis zwei Wochen nach der Blutabgabe. Neben der Frage, wer bisher schon infiziert war, interessiert uns besonders die Situation, wie sie in einem halben Jahr sein wird. Diejenigen, die nun negativ getestet werden, werden dann nochmal um eine Blutprobe gebeten. Bei der ersten Untersuchung erwarten wir, dass die meisten unserer Teilnehmer noch keine Infektion durchgemacht haben.

„Die wissenschaftlichen Ergebnisse erwarte ich
nicht vor Juni/Juli“

In einem halben Jahr werden wir sehr wahrscheinlich mehr positive Testergebnisse haben und dann noch genauer sagen können, welche Faktoren eher zu einer schweren Erkrankung beitragen und welche zu einem leichten Verlauf. Vielleicht bekommen wir auch schon Hinweise darauf, was zur Resilienz führt, obwohl die Menschen eng mit dem Virus in Kontakt kommen. Schließlich gibt es Familien, in denen ein Mitglied mit dem Virus infiziert ist, die meisten anderen auch, aber ein Mitglied eben nicht. Da ist die Vermutung, dass es relevante Unterschiede bei der sogenannten Hintergrundimmunität, bei Vorerkrankungen oder vielleicht auch beim Verhalten gibt. Das hilft uns präziser herauszufinden, wer sehr gefährdet ist, und wer eigentlich weniger.

Wann werden Sie die Ergebnisse präsentieren?

Breteler: Das wissen wir noch nicht. Wir möchten keine Politik machen, aber doch einen wissenschaftlichen Diskurs ermöglichen. Es gibt ja auch die Möglichkeit, die Ergebnisse vor der Peer Review und der Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal auf einer Plattform für andere Wissenschaftler hochzuladen. Das entscheiden wir, wenn es soweit ist.

Ihr Kooperationspartner ist Christian Drosten, ehemals an der Bonner Uni tätig, jetzt Leiter der Virologie an der Berliner Charité. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem derzeit gefragtesten Virologen Deutschlands?

Breteler: Er teilte unsere Begeisterung und erkannte sofort das Potential der Rheinland Studie, um die wichtigen Fragen in dieser Pandemie zu beantworten. Letztendlich gaben zwei wichtige Kriterien den Ausschlag: Expertise und Labor-Kapazitäten, um die Untersuchungen durchzuführen. Denn wir sprechen hier über eine riesige Anzahl von Proben, die wir in kürzester Zeit nehmen und die dann analysiert werden müssen.

Gab es an der Bonner Uni keine Kapazitäten?

Breteler: Die Bonner Kollegen sind derzeit sehr mit der Heinsberg-Studie beschäftigt, deren Auswertung ja noch weiterläuft.

Wer finanziert die Studie?

Breteler: Das DZNE selbst, wir haben derzeit noch keine Fremdförderung. Es war uns wichtig, so schnell wie möglich mit dieser Forschung anzufangen. Aber wir möchten noch viel intensiver forschen und hoffen sehr, dass wir zukünftig Förderungen erhalten, um das zu ermöglichen.