Die Lyrikerin Uljana Wolf an der Bonner Uni Eine Pendlerin zwischen den Welten

Bonn · Die Berliner (und New Yorker) Dichterin Uljana Wolf ist die diesjährige Inhaberin der Bonner Thomas-Kling-Poetikdozentur an der Universität Bonn. Am 28. Juni können Lyrikfreunde sie auch im Haus der Bildung am Bottlerplatz erleben.

 Die Schriftstellerin Uljana Wolf, geboren 1979 in Ost-Berlin, bricht gerne sprachliche Gewohnheiten auf.

Die Schriftstellerin Uljana Wolf, geboren 1979 in Ost-Berlin, bricht gerne sprachliche Gewohnheiten auf.

Foto: Villa Massimo Alberto Novelli

„Spricht das Gedicht, wenn es in einer Sprache geschrieben ist, nur diese eine Sprache?“, fragt die diesjährige Thomas-Kling-Poetikdozentin Uljana Wolf an der Uni Bonn in ihrer aktuellen Lehrveranstaltung. „Spricht dieses Gedicht in nur dieser einen Sprache, auch wenn sie erfunden sein sollte?“, fährt sie fort. „Und wenn es in mehreren Sprachen geschrieben ist, spricht es dann in vielen? Oder auch nur in dieser einen – der des Gedichts?“

Es sind gerade für die Berliner Lyrikerin Wolf bezeichnende Fragestellungen, mit denen sie derzeit ihre Bonner Germanistikstudenten als Dozentin in zwei Blockseminaren konfrontiert. Man nähere sich dem Thema anhand ausgewählter theoretischer und poetischer Texte sowie praktischer Schreibaufgaben, kündigte die Schriftstellerin und Übersetzerin zu Beginn an.

Uljana Wolf ist die neue Poetikdozentin der Uni Bonn, deren Dozentur an den Dichter Thomas Kling (1957–2005) erinnert. Das Amt wurde 2011 von der Kunststiftung NRW als besondere Form der Literatur- und Autorenförderung eingerichtet und wird jährlich vergeben.

Ihre Gedichte wurden in 15 Sprachen übertragen

Wolf hat ihre Antrittsvorlesung am 13. Mai unter dem Titel „Ferngespräch mit Muttersprache“ gehalten. Wie einst Kling sei Wolf heute dafür bekannt, sprachliche Gewohnheiten aufzubrechen, erklären auf GA-Anfrage die Bonner Professorinnen Sabine Mainberger (Vergleichende Literaturwissenschaft), Kerstin Stüssel (Neuere deutsche Literatur) sowie Privatdozent Thomas Fechner-Smarsly (Skandinavistik) zur Ernennung der 45-Jährigen.

Schon zu Beginn ihrer Karriere hatte Wolf 2006 den renommierten Peter-Huchel-Preis verliehen bekommen. Inzwischen werden ihre Gedichte in 15 Sprachen übertragen: seien es die Bände „Kochanie ich habe Brot gekauft“ (2005) oder „falsche freunde“ (2009) bis zum neusten Werk „muttertask“ (2023).

Wolf verbinde auf besonders spielerische Weise in ihrer Bedeutung auseinanderliegende Wörter über ihre Klangeigenschaften, beschreiben die Bonner Germanisten Wolfs Verbindung zu Kling. Wörter aus anderen Sprachen, insbesondere aus dem Englischen, würden eingeschlossen. Der Wortklang werde Ausgangspunkt für eine Verfremdung, die andererseits leicht als solche erkennbar sei.

Sie gilt als deutsch-polnische Grenzgängerin

„Dieses Arbeitsfeld suche ich mir bewusst selbst“, bestätigte das Wolf selbst kürzlich bei einem Interview im Literaturhaus Berlin. Sie stolpere mit Worten und lande so in einer anderen Sprache, in der die Buchstaben sich dann nur leicht verschieben.

Uljana Wolf, die auch als „deutsch-polnische Grenzgängerin“ der Literatur bezeichnet wird, wurde 1979 in Ost-Berlin geboren und ist schlesischer Abstammung. Sie lebt heute in Berlin und New York. Sie gelte als „eine der bedeutendsten und markantesten Lyrikerinnen ihrer Generation“, erklärt die Uni Bonn stolz.

Die Suche nach der Reibung sprachlicher Kontinentalplatten

„Uljana Wolf fährt mit der Sprache Schlitten“, schreiben die Feuilletons salopp. Sie klopfe eigentlich jeden Satz auf seine ganz nah lauernden semantischen Alternativen ab. Wolfs Gedichte seien immer von ihrer Arbeit als Übersetzerin und Pendlerin zwischen den Welten beeinflusst, sie lauschten auf das „Reiben beim Zusammenstoß sprachlicher Kontinentalplatten“, loben Rezensenten.

Genau das will die Uni Bonn für ihre Lehre nutzen. Die Inhaber der Thomas-Kling-Poetikdozentur bereicherten das Studienprogramm dadurch, dass sie mit jeweils einem Seminar für Bachelor- und Master-Studierende auch direkt Einblick in die literarische Praxis vermittelten, erklären die Professorinnen Mainberger und Stüssel sowie Privatdozent Fechner-Smarsly.

Die Studenten könnten also den eigenen Sprachgewohnheiten, namentlich den akademisch-diskursiven, etwas entgegensetzen und das eigene Sprechen und Schreiben anregen: „Gerade in der Literaturwissenschaft ein wichtiges Element.“

„Sie lotet die Beziehungen zwischen den Sprachen aus“

Wolf komme als eine höchst kreative experimentell Schreibende zu ihnen. „Sie lotet die Beziehungen zwischen den Sprachen aus und besetzt auf spielerische Weise die vom normalen Übersetzen und Sprachen-Können leer gelassenen Zwischenräume.“

Uljana Wolfs neueste Gedichte („muttertask“) lauschten auf die Auflösungserscheinungen der Sprache im Murmeln (englisch „to mutter“), einer schimmernden Vielheit, sagt Fechner-Smarsly, der bei der Antrittsvorlesung die Laudatio übernommen hatte.

„Statt Sprachverlust besingen sie mit Zartheit und Witz die Durchlässigkeit konstruierter Grenzen oder Körper.“ Sie ließen aus Lallphasen neue Fügungen wachsen, sie halluzinierten Lautverwandtschaften. So hinterfrage Wolf auch Muttermythen oder Ursprungssehnsüchte.