Kampf gegen Diebstahl Digitaler Ladendetektiv aus Bonn soll vor Dieben schützen

Bonn · Kaum ein Geschäft ist so diebstahlsanfällig wie ein Supermarkt. Während Modeboutiquen oder Elektromärkte ihre Waren mit Chips und Lichtschranken sichern, ist das Lebensmittel-geschäft bis heute nahezu gänzlich analog.

Durch die Obst- und Gemüseabteilung der Supermärkte finden Diebe oft auch den Weg hinaus – an den Kassen vorbei.

Durch die Obst- und Gemüseabteilung der Supermärkte finden Diebe oft auch den Weg hinaus – an den Kassen vorbei.

Foto: AFP

Eine Schwachstelle, die einzelnen Filialen jährlich Verluste im fünfstelligen Bereich bescheren kann.

Auch die Gestaltung der Märkte macht es Kriminellen einfach, Artikel sogar in großer Zahl zu stehlen: Oftmals müssen Kunden nicht einmal an der Kasse vorbei, um den Laden zu verlassen. Denn viele Supermärkte setzen auf das Konzept eines offenen Eingangsbereichs. Die Kunden sollen sich dort wohl fühlen – und dadurch mehr kaufen. „Deswegen möchte man dort keine Schranken haben“, erklärt Philipp Müller, der gemeinsam mit drei Freunden das Unternehmen Cartwatch gegründet hat.

Die vier Bonner haben eine künstliche Intelligenz entwickelt, die es Dieben auch ohne physische Hindernisse schwer machen soll. Mittels eines Kamerasystems erkennt das Programm automatisch volle Einkaufswagen, die den Laden durch den Eingang wieder verlassen. So kann es rechtzeitig Alarm schlagen und der Dieb gefasst werden. Und auch im Kassenbereich ist das System nützlich: Dort verhindert die Software, dass Produkte am Kassenband vorbeigeschmuggelt werden.

Technologie des "Deep Learning"

„Das Potenzial von künstlicher Intelligenz ist riesig“, sagt Müller. Schon im Studium hat der 27-Jährige sich viel damit beschäftigt. Besonders fasziniert sind er und seine Mitgründer – allesamt Absolventen der Bonner Universität – von der Technologie des „Deep Learning“. Dabei lernen Computer eigene Entscheidungen zu treffen, ohne zunächst Rücksprache mit einem Menschen halten zu müssen. Dieses Konzept machen sich Müller und seine Kollegen zunutze.

Indem ihre Software die Kameraaufnahmen selbst analysiert, nimmt sie Ladendetektiven einen Großteil der Arbeit ab. Diese können sich dann ganz auf die Fälle konzentrieren, die das Programm als problematisch markiert. Denn die Software, sagt Müller, sei bei der Auswertung des Videomaterials mittlerweile genauso zuverlässig wie ein Mensch.

Nachdem die jungen Gründer auf die Diebstahl-Anfälligkeit von Supermärkten aufmerksam gemacht wurden, dauerte es daher nicht lange, bis ihre Geschäftsidee entstand. Bis zur Marktreife war es für die jungen Unternehmer dennoch ein weiter Weg. Bereits vor rund einem Jahr haben Müller und seine Kollegen die Arbeit an ihrem Projekt begonnen. Denn eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, ist zeitaufwendig. Bevor sie eigene Entscheidungen treffen kann, muss sie manuell mit einer Vielzahl von Informationen gefüttert werden.

"Es funktioniert wie bei einem kleinen Kind"

Dafür kann das Cartwatch-System heute nicht nur die zuvor eingeübten Situationen bewerten, sondern das Gelernte auch auf neue Fälle übertragen. „Es funktioniert wie bei einem kleinen Kind“, erklärt Müller. „Anfangs muss man alles erst einmal erklären, aber nach einer Weile kann es das erworbene Wissen dann auch auf unbekannte Situationen anwenden.“

Die Idee der Bonner Absolventen gefiel auch dem Bundeswirtschaftsministerium: So erhielten die Gründer ein Stipendium, das ihnen mit Sachmitteln und Coaching durch die Bonner Universität die Weiterentwicklung ihrer Software ermöglichen soll. Ein „Big Brother“ will das junge Unternehmen dabei nicht sein: Deshalb werden etwa die Gesichter der Kunden standardmäßig verpixelt.

Für Müller ist es bereits sein zweites Start-up. Beim ersten Mal – mit einem ganz anderen Produkt – ist es schiefgegangen. „Wir haben damals am Markt vorbei entwickelt“, sagt Müller heute. Dieses Mal will er sein Unternehmen daher von Beginn an näher am Kunden ausrichten. Und das scheint zu funktionieren: Einen ersten Vertrag mit einer internationalen Lebensmittelkette hat das junge Unternehmen bereits abgeschlossen.

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