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Myrle Dziak-Mahler ist 100 Tage im Amt: Kanzlerin der Alanus Hochschule glaubt an „Schwarmintelligenz“

Myrle Dziak-Mahler ist 100 Tage im Amt : Kanzlerin der Alanus Hochschule glaubt an „Schwarmintelligenz“

100 Tage im Amt: Die Kanzlerin der Alanus Hochschule, Myrle Dziak-Mahler, sieht Veränderung als Normalfall. Für die Bildungsexpertin sind die Zeiten vorbei, in denen der oder die einzelne sagt, wo es langgeht. Sie setzt auf Partizipation – auch, um Ideen für Studium und Lehre für die Zeit nach Corona zu entwickeln.

Sie waren Lehrerin, Lehrerausbilderin und Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerinnenbildung der Universität zu Köln. Nun sind Sie seit 100 Tagen Kanzlerin der Alanus Hochschule. Sie lieben die Veränderung, oder?

Myrle Dziak-Mahler: Auf der einen Seite schon, auf der anderen Seite nicht. Ich war über zehn Jahre lang Lehrerin, dann 16 Jahre an der Uni Köln und bin jetzt an der Alanus. Ich bin also eigentlich das Gegenteil von einem Job-Hopper. Auch bin ich seit über 30 Jahren mit dem gleichen Mann verheiratet, mag also durchaus die Konstanz. Aber mich interessiert sehr die Entwicklung – als Lehrerin und Dozentin die Entwicklung von Menschen; aber auch die von Organisationen. Da bin ich wiederum sehr veränderungsaffin.

Welchen Auslöser gab es für Sie, sich von der Uni Köln weg und zur Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft hin zu entwickeln?

Dziak-Mahler: Es war das Wegfallen eingespielter Routinen durch Corona. Alles war anders im Job, und da war mein Kopf frei für etwas ganz Neues. Und da ich mit 57 Jahren nicht mehr so viele berufliche Wechsel vor mir habe, war es jetzt der richtige Zeitpunkt.

Wie will und soll sich die Organisation „Alanus Hochschule“ denn entwickeln, um in Pandemie-Zeiten und danach zukunftsfähig zu bleiben?

Dziak-Mahler: Wir müssen uns einlassen auf die gesamtgesellschaftliche Situation, dass Veränderung der Normalfall sein wird. Es ist ja bereits so, dass sich unsere Gesellschaft durch die Zunahme der Digitalisierung ständig verändert, und das in einem schnellen Tempo. Das ist für unsere Köpfe schwierig nach­zuvollziehen, hat aber für Hochschulen konkrete Folgen.

Welche denn?

Dziak-Mahler: Zum Beispiel: Ich habe keine einfache Antwort auf die Frage, worin sich Alanus verändern muss. Vielmehr müssen wir lernen, uns agil anzupassen an das, was gesellschaftlich notwendig ist und an das, was unsere Absolventinnen und Absolventen an Kompetenzen in der Arbeitswelt und als gestaltende Bürger benötigen.

Welche Kompetenzen sind das?

Dziak-Mahler: Für mich sind es vier. „Futures literacy“, „change literacy“, „digital literacy“ und „computer literacy“.

Das klingt erstmal gar nicht so griffig. Könnten Sie das erklären?

Dziak-Mahler: Der Begriff „literacy“ beinhaltet sowohl Kompetenz als auch Handlungsfähigkeit. Futures literacy wurde von der Unesco beschrieben und meint, dass der Mensch in der Lage ist, Zukünfte zu entwerfen, also Vorstellungen und Visionen zu generieren. Bezogen auf Alanus könnte das so aussehen: Wir überlegen, wie die Hochschule zukünftig sein soll (im Sinne einer positiven Vision), und welche Schritte wir heute bereits unternehmen müssen, um die Vision zu erreichen. Change literacy meint (wie oben erwähnt), die Veränderung als Normalfall zu sehen und gelassen damit umgehen zu können. Es geht darum, auch auf unsicherem Terrain weiterhin Entscheidungen treffen zu können. Computer literacy heißt so viel wie: „Man muss die Maschine von innen verstehen, sonst ist man ihr ausgeliefert“. Digital literacy umfasst den Umgang mit Wissen im Netz – wie unterscheidet man zum Beispiel zwischen Fake News und richtigen Nachrichten?

Wie finden diese Kompetenzen Eingang bei der Kunsthochschule Alanus? Ist das etwa Inhalt des Curriculums bei den bildenden Künsten?

Dziak-Mahler: Nein, nicht direkt bei den bildenden Künsten. Aber es ist Inhalt des Studium Generale, das die Studiengänge der bildenden und darstellenden Künste und der wissenschaftlichen Fächer flankiert und das jeder Alanus-Student mitbekommt.

Sie sprachen eben von einer mög­lichen Vision für die Hochschule. Wie könnten sie aussehen, und was ist Ihr Anteil daran?

Dziak-Mahler: Die Vision ist keine, die ich beschreiben könnte, indem ich sage: „So und so wird die Hochschule in der Zukunft sein“. Die Vision ist, dass wir gemeinsam mit den Studierenden eine Vorstellung entwickeln, wie Alanus nach Corona aussehen könnte. Wir stellen uns alle die Frage, wie viel künftig in Präsenz, wie viel digital laufen wird. Was sicher ist: Wir werden keine zweite Fernuni Hagen. Und meinen Job sehe ich darin, Wege, Methoden und Formate zur Verfügung zu stellen, Partizipation zu ermöglichen, um diese Vision gemeinsam und auf Augenhöhe zu entwickeln.

An welche Methoden denken Sie?

Dziak-Mahler: Zum Beispiel an eine „Zukunftswerkstatt“. Da schaut man sich die großen gesellschaftlichen Trends an und fragt: Was haben die mit uns zu tun? Und was leiten wir daraus ab? Das zu organisieren und zu ermöglichen sind meine Aufgaben. Ich glaube, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der einzelne sagt: So soll es sein, so wird es gemacht. Ich glaube an die Schwarm­intelligenz.

Sie sind für fünf Jahre gewählt. Was sind Ihre Erfolgsmaßstäbe für Ihre Amtszeit?

Dziak-Mahler: Es wird eine erfolgreiche Amtszeit, wenn es uns bis dahin gelungen ist, eine Hochschule zu sein, die im Blick hat, wie zukunftsfähige und wirksame Bildung an einer Kunsthochschule aussieht.