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Interview mit Isabel Schnabel: „Man glaubt, was zur eigenen Ideologie passt“

Interview mit Isabel Schnabel : „Man glaubt, was zur eigenen Ideologie passt“

Als Teil des fünfköpfigen Gremiums der „Wirtschaftsweisen“ berät die Bonner VWL-Professorin Isabel Schnabel die Bundesregierung. Im GA-Interview mit Lennart Elssner erklärt sie, wie man dabei Ideologie und Wissenschaft auseinanderhält, und warum kritische Studenten zwar wichtig sind – sich aber erst einmal ihr Rüstzeug erarbeiten sollten.

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Sie sind gerade zum zweiten Mal in den Rat der „Wirtschaftsweisen“ berufen worden. Außerdem sind Sie Professorin und Referentin, Sie schreiben Gastbeiträge, geben Interviews und sind Mutter dreier Kinder. Sind Sie ein Workaholic?

Professorin Isabel Schnabel: Vermutlich schon. Was ich mache, macht mir aber eben auch sehr viel Spaß. Das Tolle an meinem Beruf ist, dass er unglaublich abwechslungsreich ist. Als Professorin unterrichte ich, außerdem forsche ich und schreibe wissenschaftliche Beiträge. Schon das ist sehr vielfältig. Und der Bereich der wirtschaftspolitischen Beratung ist dann noch einmal etwas ganz anderes.

Wie sieht die Arbeit als Wirtschaftsweise konkret aus?

Schnabel: Unsere Hauptaufgabe besteht darin, einmal im Jahr ein Gutachten zu erstellen, in dem wir die wirtschaftliche Lage in Deutschland begutachten. Die meisten sind immer erstaunt, wie zeitaufwendig das ist. Wir haben im Jahr allein 40 Sitzungstage, an denen wir miteinander das Jahresgutachten diskutieren. Das sind fast zwei Monate! Und die dort diskutierten Texte müssen ja auch geschrieben und gelesen werden, außerdem gibt man Interviews und hält Vorträge. Und wir treffen uns regelmäßig mit den Ministern, der Kanzlerin oder Herrn Draghi. Das ist einer der interessantesten Teile dieses Amts.

Im Sachverständigenrat treffen Wirtschaftswissenschaftler verschiedener ökonomischer Schulen aufeinander. Streiten Sie viel?

Schnabel: Absolut. Das ist ja auch so angelegt. Ein Mitglied des Rates, das den Gewerkschaften nahesteht, vertritt typischerweise deutlich andere Positionen als die vier anderen und gibt dann zu fast allen wichtigen Themen Minderheitsvoten heraus. Es ist vielleicht sogar ganz wichtig, dass man sieht, dass es ein gewisses Meinungsspektrum gibt. Durch diese Minderheitsvoten werden aber immer die Punkte besonders betont, bei denen wir uns uneinig sind. Es gibt aber auch Bereiche, in denen die Auffassungen übereinstimmen. Das geht dann manchmal unter.

Beeinflusst die Tätigkeit als Wirtschaftsweise Ihre Lehre?

Schnabel: Natürlich. Man lernt ja unheimlich viel, und das fließt in die Lehre ein. Vor allem habe ich jetzt eine viel bessere Faktenkenntnis als früher. Außerdem kann ich mit kritischen Fragen der politisch interessierten Studierenden zu aktuellen wirtschaftspolitischen Entwicklungen heute wesentlich besser umgehen.

Apropos kritische Studenten: In letzter Zeit haben Studenten-organisationen sich vermehrt beschwert, das VWL-Studium lehre zu unreflektiert lediglich den „Mainstream“ der Wissenschaft. Wie sehen Sie das?

Schnabel: Ich bin offen gegenüber Kritik. Und es mag sein, dass diese Kritik in Teilen zutrifft. An vielen Stellen schießt sie aber über das Ziel hinaus. Bei der Bewegung der pluralen Ökonomen ist das Wort „Mainstream“ immer ein Schimpfwort. Eigentlich bezeichnet es aber etwas, das sich im Laufe der Zeit im Wettbewerb der Ideen als die anerkannte Lehre durchgesetzt hat. In der knappen Zeit eines Studiums müssen wir eben zunächst einmal den Standardkanon des Fachs vermitteln. Darauf basierend darf dann gerne kritisiert werden – aber eben auf einem angemessenen Niveau. Häufig wird beispielsweise der mathematische, modellorientierte Ansatz einfach abgelehnt, ohne dass überhaupt verstanden wurde, was da genau gemacht wird. Trotzdem sind mir kritische Studierende im Zweifel lieber als solche, die sich immer nur berieseln lassen.

Die Wirtschaftswissenschaften und speziell VWL gelten als männer-dominiert. Auch bei den „Weisen“ sind Sie die einzige Frau. Studieren zu wenige Frauen Wirtschafts-wissenschaften?

Schnabel: Ich würde mir in der Tat wünschen, dass mehr Frauen VWL studieren. Aber man kann ja nicht erwarten, dass in jedem Studiengang 50 Prozent Studentinnen sind. Es gibt nun einmal Fächer, die Frauen lieber mögen als andere. Ich frage mich aber schon, ob viele Frauen nicht vielleicht eine falsche Vorstellung von dem Fach haben. Viele Leute sind abgeschreckt von der Mathematik; dabei sind die Themen wie Armut, Ungleichheit, Arbeitslosigkeit oder die Finanzkrise eigentlich sehr lebensnah. VWL hat auch eine starke gesellschaftliche Komponente.

Ist VWL wegen dieser gesellschaftlichen Bezüge auch eine politische Wissenschaft?

Schnabel: Auf jeden Fall. Es gibt ja ganze Teildisziplinen wie die politische Ökonomie, die sogar explizit politisch sind. Wissenschaft und politische Entscheidung sind aber stets zu trennen. Man muss versuchen, die Ideologie aus der Wissenschaft herauszuhalten.

In postfaktischen Zeiten leben wir ja mutmaßlich in einer Gesellschaft, die Wissenschaft und deren Erkenntnissen nicht viel Bedeutung zumisst. Sehen Sie ebenfalls eine solche Entwicklung?

Schnabel: Ja, natürlich. Menschen lassen sich zurzeit sehr stark von Stimmungen und angeblichen Fakten beeindrucken. Es besteht überhaupt keine Bereitschaft, diese Fakten zu hinterfragen. Man glaubt, was der eigenen Ideologie in den Kram passt. Das erschwert es ungemein, eine vernünftige Wirtschaftspolitik zu machen, und das ist ein großes Problem.

Wie kann man dem entgegentreten?

Schnabel: Wir müssen wieder lernen, uns mit Fakten auseinanderzusetzen und kritisch zu sein. Das ist aber mühsam und erfordert viel Wissen. Den Studierenden beizubringen, mit Daten umzugehen, spielt deshalb heute eine viel wichtigere Rolle im Studium als früher. Auch bei Journalisten muss man das Bewusstsein für die Daten schärfen. Denn die sind die wichtigsten Multiplikatoren und haben vermutlich einen viel größeren Einfluss als ich als Professorin, weil sie so viele Leute erreichen.