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Psychologin blickt aufs Homeschooling

Psychologin blickt aufs Homeschooling : „Nur helfen, wenn es wirklich nötig ist“

Die Professorin für Pädagogische Psychologie sieht Eltern nicht als Ersatzlehrer, sondern als Lernbegleiter.

Homeschooling während der Coronakrise ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Wie es gelingen könnte, erklärt Una Röhr-Sendlmeier, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Uni Bonn, im Gespräch mit Margit Warken-Dieke.

Die meisten Eltern sind keine Lehrer und sollen derzeit doch Teile von deren Aufgaben übernehmen. Wie lernen Väter und Mütter während der Coronakrise zu Hause am besten mit ihren Kindern?

Professorin Una Röhr-Sendlmeier: Richtig, Eltern sind keine Lehrer. Und sollten sich auch nicht so begreifen. Sie sind die Lernbegleiter ihrer Kinder, das ist etwas anderes.

Und das bedeutet was?

Röhr-Sendlmeier: Die Schulen stellen das Lernmaterial und die Aufgaben zur Verfügung. Die Eltern organisieren den Rahmen, also auch einen ruhigen Raum, damit die Kinder gut lernen können. Dazu gehört auch ein strukturierter Tagesablauf, der auch zusammen erarbeitet werden kann, und der sich gerne in einem bunt markierten Stundenplan für die ganze Familie am Kühlschrank wiederfinden kann. Darauf steht, wer wann was macht. Dazu zählen auch die Stunden, die die Eltern für sich zum Arbeiten brauchen und dann wenn möglich nicht gestört werden. Die Lerneinheiten für die Kinder können sich am Stundenplan orientieren; die zeitlichen Einheiten können aber kürzer sein als eine Schulstunde, etwa 30 Minuten. Dazwischen sind Pausen mit Bewegung und Spielen wichtig. Man kann – je nach Alter des Kindes – am Nachmittag noch eine oder zwei Lerneinheiten vorsehen. Wichtig ist, dass die Kinder verstehen, dass wir unsere Kräfte gut einteilen sollten und nach Phasen der Konzentration Phasen der Entspannung nötig sind, dass man also nicht alle Arbeiten bis zum Ende des Tags aufschieben kann.

Wie viele Ausnahmen von den selbst gesetzten Regeln darf es
geben?

Röhr-Sendlmeier: Ausnahmen gelten, wenn das Kind krank ist und auch im Normalfall nicht zur Schule gehen könnte. Ansonsten nicht allzu viele, denn sonst taugen die Regeln ja nichts. Dennoch wäre es schön, wenn die Familien die derzeitige
Situation nicht nur als super-stressig begreifen könnten, sondern unbestritten als schwierige Situation, die aber gemeinsam gemeistert wird. Kinder können derzeit ein Mal mehr lernen, dass sie sich auf ihre Familien verlassen können.

Was gehört noch zum Job eines „Lernbegleiters“?

Röhr-Sendlmeier: Eine der wesentlichen Aufgaben der Eltern besteht darin, den Kindern Folgendes zu vermitteln: „Zu lernen, egal ob in der Schule oder jetzt zu Hause, ist dein Beruf, und es ist wichtig, dass du ihn ernst nimmst.“

Wenn es aber nicht alleine klappt?

Röhr-Sendlmeier: Dann können Eltern den Kindern vorschlagen, sich die betreffende Aufgabe zusammen durchzulesen und zusammen zu überlegen, was nötig ist, um sie zu lösen. Eltern sollen hier nicht als allwissende Autorität auftreten, sondern eine emotional-unterstützende Atmosphäre schaffen – und auf keinen Fall eine strafende. Wenn die Eltern bereits das Bemühen
ihrer Kinder um eine Aufgaben-
lösung wertschätzen, unterstützen sie ihre Motivation, die eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiches Lernen ist.

Es ist also nicht sinnvoll, sich von vornherein neben das Kind zu setzen und die Aufgaben direkt
gemeinsam anzugehen?

Röhr-Sendlmeier: Nein, das ist nicht sinnvoll. Die Eltern sollten nur helfen, wenn es wirklich nötig ist, und ansonsten signalisieren: „Ich habe das Vertrauen, dass du das gut kannst.“ Kinder tauschen sich mit ihren Freunden ja auch aus. Wenn viele Schüler Schwierigkeiten mit einer Aufgabe haben, liegt es vielleicht nicht nur an ihnen. Und wenn die Schüler ihre Fragen bündeln, brauchen die Lehrer nicht auf jede Nachfrage einzeln zu antworten.

Was ist mit der Kontrolle der
Aufgaben?

Röhr-Sendlmeier: Jüngere Kinder wünschen meist ein Überprüfen der Aufgaben von ihren Eltern und begreifen deren freundliche Hilfestellungen, auch Korrekturen, als Zuwendung. Anders ist es bei älteren Schülern. Viele Eltern können bei
ihnen die Richtigkeit der Aufgaben-
lösungen nicht beurteilen. Wenn die Überprüfung der Schularbeiten als Einmischung oder unerwünschte Reglementierung verstanden wird – das zeigen psychologische Studien sehr deutlich –, verlieren die Kinder insgesamt die Lust, sich mit den Lerninhalten auseinanderzusetzen. Es ist auch eine Möglichkeit, einfach mal abzuwarten, was die Lehrer als Feedback geben ...

Aber irgendeine Art der Rückkopplung brauchen die Kinder wahrscheinlich doch?

Röhr-Sendlmeier: Ja, das ist sogar sehr wichtig. Schön ist, wenn die
Eltern ehrliches Interesse an dem haben, was die Kinder gerade lernen, und ihnen das auch zeigen – durch ein Gespräch ohne Druck. Und sich die Aufgaben einmal anzusehen ist ja etwas anderes als starkes Kontrollieren oder strafendes Korrigieren. Eine konstruktive Rückmeldung ist in jedem Fall sinnvoll.

Auch als Begleiter haben die Eltern sehr viel zu tun ...

Röhr-Sendlmeier: Ja, alle haben viel zu tun, auch die Schulen. Denn alle befinden sich in einer Ausnahmesituation fernab der Routinen. Aufgabenstellungen und Rückmeldungen durch die Schulen für die Kinder gelingen im Moment noch sehr unterschiedlich. Einige Pädagogen geben detailliertes Feedback zu bearbeiteten Aufgaben, andere lassen lange nichts von sich hören. Ich bin hier weit entfernt von einer Lehrerschelte. Dennoch: Rückmeldungen der Lehrer haben positiven Einfluss auf die Motivation der Kinder. Damit meine ich nicht ein pauschales „Alles super!“, sondern gerne ein bisschen konkreter: „Bitte schau dir die Zeitenbildung für Präsens und Imperfekt im Französischen noch einmal genauer an.“ Damit werden die Schüler in ihrem Lernprozess unterstützt.

Was können Eltern tun, wenn sie – mit den Lerninhalten oder der Lernsituation – an ihre Grenzen stoßen?

Röhr-Sendlmeier: Sie können sich – hoffentlich – vertrauensvoll an die Schule ihres Kindes wenden. Bei den Lerninhalten sind die Lehrer der richtige Ansprechpartner. Bei einer allgemeinen Überlastung in der derzeitigen Situation können vielleicht die Sozialarbeiter der Schulen Hilfe vermitteln.

Was bedeutet das alles für Kinder aus sogenannten benachteiligten Familien?

Röhr-Sendlmeier: Kinder, die nun mit ihren Problemen alleine gelassen werden, könnten die Verlierer dieser Situation werden. Es wäre gut, wenn Schulen für diese Kinder feste Sprechzeiten einrichten könnten, zu denen sie dort anrufen können. Auch wäre die Vermittlung von Patenschaften durch die Schulen eine gute Sache, damit die Kinder weitere Zuwendung und Interesse erfahren. Gerade für diese Kinder wäre es wichtig, dass die derzeitige Ausnahmesituation nicht zu lange dauert.