Bonner Literaturwettbewerb zum Grundgesetz Auf den Schultern von Riesen

Bonn · „Der Souverän Volk ist gefragt“ hieß der Wettbewerb des Literaturhauses Bonn zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes. Hier veröffentlichen wir den siegreichen Beitrag in voller Länge.

 Begeistert von der Sprache unserer Verfassung: Die Bonnerin Annika Hartmann (46) hat den Wettbewerb des Literaturhauses Bonn gewonnen.

Begeistert von der Sprache unserer Verfassung: Die Bonnerin Annika Hartmann (46) hat den Wettbewerb des Literaturhauses Bonn gewonnen.

Foto: Thomas Kliemann

„Das beste Grundgesetz!“, schreit Jan und balanciert dabei mit dem Grundgesetz in der Hand auf der Mauer über dem Alten Zoll. Simon und ich sitzen daneben und haben beide eine Flasche Kölsch in der Hand. Es ist Freitagnachmittag und wir sind glücklich. Gerade haben wir die letzte Stunde unserer „Einführung in die Politikwissenschaft“ gehabt, wir haben alle gut bestanden und es fühlt sich wunderbar an.

Kennengelernt haben wir uns in einer feuchten, schimmeligen Garage hinter dem Politischen Seminar in der Lennéstraße. Hier findet unser Propädeutikum statt. Jan, der aus einem Akademiker-Haushalt kommt, dessen Eltern politisch aktiv sind und der jetzt schon argumentiert wie ein Abgeordneter. Simon, der das Abi nur knapp bestanden hat und Politik studiert, weil es keinen NC darauf gibt. Und ich, die sich nie für Politik interessiert hat, und das Studienfach eigentlich nur gewählt hat, weil sie denkt, dass sie das doch können muss.

So unterschiedlich wir sind, Hemd­träger, Autofan und Turnschuhmädchen, wir verstehen uns vom ersten Moment an großartig. Wir gehen mittags zusammen in die Mensa, nachmittags in den Hofgarten und abends auf Studentenpartys. Je mehr wir über Politik, politische Theorie und die politische Geschichte Deutschlands lernen, desto begeisterter sind wir. Unser Professor verknüpft seine Erzählungen mit Bonner Anekdoten, und weil wir nie Lust haben, aus Büchern zu lernen, klappern wir die Schauplätze der Geschichte ab. Wir fahren auf den Petersberg, wo die berühmte Teppich-Szene mit Konrad Adenauer stattgefunden hat. Wir besuchen das Museum Koenig, weil es der einzige Ort sein soll, an dem eine Verfassung unter den Augen einer Giraffe unterzeichnet wurde. Wir machen uns auf den Weg nach Rhöndorf ins Konrad-Adenauer-Haus und gehen in die „Bonner Republik“ essen.

„Standing on the shoulders of giants“, so fühlt sich das an, und wir wollen Teil des Ganzen sein. Wir fangen an, uns zu engagieren, alle in eine andere Richtung. Politisch sind wir alle, aber nie einer Meinung. Wir sitzen abends in unseren WG-Küchen und diskutieren, wir lernen viel voneinander. Unsere Hausarbeiten schreiben wir zusammen, beziehungsweise füreinander. Selten in der Bücherei am Hofgarten, in der wir es nur wenige Minuten zusammen aushalten, dann unsere Laptops stehen lassen und Kaffee trinken gehen. Aber abends, beim Rotwein, weil die Zeit läuft, da wird gearbeitet. Konrad Adenauers Westbindung, Willy Brandt und der Kniefall, und natürlich das Grund­gesetz, immer wieder das Grund­gesetz. Unsere Gesetzestexte, die wir uns um die Ecke bei der Bundeszentrale für politische Bildung besorgt haben, sind vielfach markiert, wir können die Paragrafen auswendig. Was ist die freiheitlich demokratische Grundordnung? Wie sind die Grundrechte geschützt? Wie ist Deutschland in der EU verankert? Wir sind begeistert von den klaren Formulierungen, von der Umfänglichkeit der Werte: Wir sind stolz auf unsere Verfassung. Sie ist das, was uns, bei aller Verschiedenheit, verbindet.

Sie beschreibt die Dinge, in denen wir uns einig sind. Natürlich ist die Würde des Menschen unantastbar. Wer kann denn das in Frage stellen? Und dass wir drei vor dem Gesetz gleich sind, egal, welches Geschlecht wir haben oder an was wir glauben, das ist doch auch klar. Schließlich sitzen wir hier alle zusammen. Unsere Meinung äußern wir frei, und wir sind davon überzeugt, dass das alle dürfen sollen.

Die Begeisterung, die im ersten Semester bei uns geweckt wurde, hält das ganze Studium lang. Wir besuchen die gleichen Vorlesungen und halten Referate zusammen, wir lesen unsere Arbeiten gegenseitig Korrektur und bringen uns durch die Abschlussprüfungen. Wir kümmern uns umeinander, wenn es mal schwierig ist, trocknen Tränen bei Liebeskummer und überstehen einige Krisen. Und wir sprechen weiter über Politik, wie immer nicht einer Meinung. Aber sehr oft finden wir am Ende zusammen, mit vollem Respekt vor den Hintergründen und dem Wissen des Anderen. Ein Respekt, der bestimmt auch mit den Werten zu tun hat, die uns bei aller Unterschiedlichkeit verbinden.

Das Grundgesetz von damals steht immer noch in meinem Regal. Und ich nehme es manchmal heraus, um meinen Kindern etwas zu zeigen oder für mich etwas nachzuschauen. Wir sind alle drei keine Politiker geworden, trotz unserer Begeisterung für Politik. Unsere Jobs, unsere Familien, unsere Leben haben sich eingefordert. Aber wir sind alle drei Freunde geblieben. Und wenn wir jetzt bei einem Wein zusammensitzen, dann fühlen wir sie wieder, die Schultern der Riesen. Und denken: „Schon irgendwie das beste Grundgesetz.“

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