Stanford-Professorin Charlotte Fonrobert kommt nach Bonn „Gewalt dient niemals der Gerechtigkeit“

Bonn · Die Stanford-Religionswissenschaftlerin Charlotte Fonrobert hält drei Vorträge in Bonn. Einen davon am 18. Juni im Münster über die jüdische Diaspora.

Stanford-Professorin Charlotte Elisheva Fonrobert spricht in Bonn.

Stanford-Professorin Charlotte Elisheva Fonrobert spricht in Bonn.

Foto: Uni Bonn

Die Uni Bonn lädt für Dienstag, 18. Juni, ab 17 Uhr zu einer spannenden Auftaktveranstaltung der diesjährigen Annemarie-Schimmel-Lectures in das Bonner Münster ein. Auf den Spuren der verstorbenen Bonner Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel präsentiert die Vorlesungsreihe einem breiten Publikum jeweils die weltweit führenden Köpfe der Komparativen Theologie (die vom Austausch der Theologien lebt) mit ihrer aktuellen Forschung. Dieses Jahr kommt Charlotte Elisheva Fonrobert, Professorin für Jüdische Studien und Religionswissenschaften an der Stanford University, für drei Vorlesungen nach Bonn.

Die Autorin des preisgekrönten Buchs „Menstrual Purity: Rabbinic and Christian Reconstructions of Biblical Gender” wird zuerst über die jüdische Diaspora als Heimat in der Fremde sprechen. Im Anschluss kommt sie mit der ehemaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen, ins Gespräch. Auf GA-Anfrage zum Veranstaltungsthema antwortet Professorin Fonrobert: In jüdischem Denken habe es schon immer die Verfechter von Diaspora als nachhaltigstem Modell jüdischer Kollektivität gegeben. Im Gegensatz dazu forderten die Befürworter des Nationalstaats eine Kontrolle von Territorium als eine unabkömmliche Bedingung für jüdische Kontinuität ein. Fonrobert argumentiert gegen diese Polarität von „raumlosen Diasporisten“ und territorialen Nationalisten. Sie erklärt, „dass jüdische Diaspora sich immer schon vor Ort verwurzelt hat und dass Nachbarschaft zu einem wesentlichen Diasporamodell jüdischer Kontinuität wird“.

Auf die GA-Frage, inwiefern sie Religionen gerade aktuell als wichtige Impulsgeberinnen in einer von Ausgrenzung und Gewalt beherrschten Welt sehe, antwortet Charlotte Fonrobert: „Ich möchte nicht für alle Religionen sprechen, denn die verschiedenen Kulturphänomene, die wir als Religionen bezeichnen, haben an jeweils eigenen Orten und an verschiedenen Zeitpunkten sehr verschiedene politische Standorte.“ Das heiße, wenn eine Menschengruppe, die diese oder jene Riten praktiziere oder diesen oder jenen Glauben halte, sich bedroht fühle und aktuell als Minderheit oder unterlegene Gruppe bedroht sei, werde es schwierig, die sogar besten Impulse gegen Gewalt und Ausgrenzung zu aktivieren. „Im Verteidigungsmodus ist es schwierig, eine Vereinigung der Menschheit zu befürworten“, bedauert die Stanford-Professorin.

Gerechtigkeit als zentrales Anliegen von Christen und Juden

Nichtsdestotrotz betont sie, dass ein zentrales Anliegen der Bücher, die Christen als Altes Testament oder Hebräische Bibel bezeichneten und Juden als Torah, die Gerechtigkeit sei. Und Fonrobert zitiert die beiden gemeinsame Aufforderung: „dem, was gerecht ist, sollst du nachjagen“. Man möge also auf dem Recht und der Gerechtigkeit bestehen. Und zwar nicht nur die Propheten, von denen man es ohnehin erwarte. Biblisches Recht bestehe immer wieder darauf, „dass du das Recht der Fremden und der Waisen nicht beugen sollst noch der Witwe ihre Kleidung pfänden sollst.“ Dies sei es, was die jüdische Tradition genauso wie die christliche und islamische Tradition beseele, „auch wenn wir immer wieder daran versagen“. Wenn jeder sich dies in den jeweiligen eigenen religiösen Traditionen vergegenwärtige, dann könne jeder diesen Impuls auch weitergeben. „Gewalt dient niemals der Gerechtigkeit“, betont die Professorin.

Auftaktvorlesung: 18. Juni, 17 Uhr, mit anschließendem Empfang im Bonner Münster, Münsterplatz, Einlass ab 16.30 Uhr. Um Anmeldung wird per E-Mail gebeten an lwiesenh@uni-bonn.de. Die zwei weiteren Vorträge: 25. Juni und 2. Juli, jeweils 17 Uhr, Festsaal der Universität Bonn, Themen: Jüdische Nachbarschaften beziehungsweise Jüdische Konstellationen der Grenze. Auch hier wird um Anmeldung per E-Mail gebeten.