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Start-up der Uni Bonn: „Murmuras" ermöglicht Forschung am Smartphone

Start-up der Uni Bonn : Was Smartphones über unsere Gefühle preisgeben

Wie wir unsere Smartphones nutzen, kann einiges über unser Wohlbefinden aussagen. Diese Potenzial hat das Start-up „Murmuras“ der Universität Bonn erkannt und ermöglicht Forschungsprojekte mithilfe von Handydaten – etwa über Depressionen oder Schlafstörungen.

Noch sind die Wände des kleinen Büros weiß und leer. Der Umzug ins Innovations- und Gründungszentrum an der Godesberger Allee ist erst wenige Wochen her. Hier, wo einige der kreativsten Existenzgründer aus der Stadt zusammenkommen, sitzt nunmehr auch das Start-up „Murmuras“ der Universität Bonn, das von Qais Kasem, Ionut Andone, Konrad Blaszkiewicz und Alexander Markowetz gegründet wurde. Gemeinsam hat das Team eine Software entwickelt, die es Wissenschaftlern ermöglicht, menschliches Verhalten anhand von Handydaten zu untersuchen.

„Unsere Smartphones liefern uns Unmengen an Daten“, sagt Wirtschaftswissenschaftler Kasem. Mussten Forscher für Studien bislang etwa auf Fragebögen, Interviews, Beobachtungen oder Feldstudien zurückgreifen, so ist mit dem Ansatz von „Murmuras“ nunmehr lediglich eine App auf den Smartphones der Probanden erforderlich. „Das Telefon ist meistens ja sowieso dabei“, betont Informatiker Andone.

Einmal auf den Handys der Studienteilnehmer installiert, erfasst die App Daten in Echtzeit und beantwortet zum Beispiel Fragen wie: Wie viel Zeit verbringen die Studienteilnehmer täglich am Handy? Wie lange nutzen sie einzelne Apps? Wie viele Schritte legen sie pro Tag zurück?

Über eine Online-Plattform können Wissenschaftler diese Daten auswerten, analysieren und in Beziehung zueinander setzen. So könnten etwa Psychologen erfassen, wie intensiv Probanden ihre Handys tagsüber nutzen und inwiefern dies in einem Zusammenhang mit Depressionen stehen könnte. Registriert die Anwendung an einem Tag zum Beispiel eine auffällig hohe Nutzung des Kurznachrichtendienstes WhatsApp, so kann sie eine Push-Mitteilung erzeugen: „Wie ist Ihre Gefühlslage?“

„Murmuras“ erhielt Preis des Wirtschaftsministeriums

„Wir drehen die gesamte Forschung auf links“, sagt Alexander Markowetz. Der Ansatz scheint Potenzial zu haben. Weil das Start-up neue Forschungsmöglichkeiten eröffnet, hat „Murmuras“ kürzlich im Wettbewerb „Digitale Innovation” des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ein Preisgeld in Höhe von 7000 Euro gewonnen.

Eingesetzt wird die Software aktuell etwa an der Universität Vechta, um zu untersuchen, wie oft Studierende und Senioren interagieren. Dort gebe es bereits Tandempartner, erklärt Andone. Nun wollen die Forscher herausfinden, wie oft und auf welche Art und Weise diese miteinander kommunizieren. Auch Schlafforscher der Universität Salzburg verwenden das Angebot von „Murmuras“. Dort untersucht eine Studie, inwiefern Smartphones unsere Schlafqualität beeinflussen.

Ein Vorteil der Datenerfassung mithilfe einer App sei, dass diese objektive Antworten auf Hypothesen und Forschungsfragen gebe, betont Kasem. „Vorher mussten wir Probanden fragen: »Wie nutzen Sie ihr Smartphone?«, und erhielten darauf nicht immer realistische Antworten.“ In der empirischen Sozialforschung ist dies ein altbekanntes Problem.

Teilweise geben Studienteilnehmer verzerrte Antworten aus sozialer Erwünschtheit, teilweise weil sie sich schlichtweg falsch einschätzen oder – um beim Beispiel der Handynutzung zu bleiben – nicht wissen, wie häufig sie das Telefon tatsächlich entsperren. All diese Effekte kann die Software des Bonner Start-ups umgehen. Denn: „Jetzt können wir Daten erfassen, die es vorher einfach nicht gab“, sagt Andone. Nämlich, wie wir unsere Smartphones tatsächlich nutzen – und zwar, ohne dass diese Werte durch äußere Einflüsse oder Fehleinschätzungen verzerrt werden können.

Die Gründung des Start-ups geht indessen zurück auf die „Menthal“-App der Universität Bonn, die Andone, Blaszkiewicz und Markowetz im Jahr 2014 veröffentlichten. An dem Projekt, das Nutzern ebenfalls Feedback zu ihrer Handynutzung gibt, haben den Angaben zufolge bislang mehr als 700.000 Probanden teilgenommen.

„Natürlich nutzen wir unsere Software auch selbst“, sagt Andone. „Die Ergebnisse sind dramatisch“, ergänzt er mit einem Lachen. Er habe für sich persönlich längst festgestellt, dass er generell zu viel Zeit an Bildschirmen verbringe – sei es am Handy oder am Computer. Ähnliches berichtet Kasem: „Ich muss definitiv meinen Smartphone-Konsum reduzieren.“ Es sei erschreckend, dass sich der Durchschnittsbürger drei bis fünf Stunden täglich mit dem Handy beschäftige. „Wir sind 16 Stunden am Tag wach. Wie können wir davon so viel Zeit mit dem Smartphone verbringen?“, fragt der 35-Jährige.