Bonner Pflegerinnen und Pfleger bilden sich weiter : Pendeln zwischen Station und Hörsaal

Das Universitätsklinikum Bonn unterstützt seine Pflegerinnen und Pfleger, wenn sie sich weiterbilden wollen

An die Zeiten, als Krankenschwestern weiße Hauben und gestärkte Schürzen trugen und den „Herrn Professor“ allenfalls im ehrfürchtigen Flüsterton anzusprechen wagten, erinnern heute gerade noch Film und Fernsehen. Auch die Vorstellung, ihre Aufgaben seien mit Fiebermessen, dem Wechseln von Verbänden, dem Darreichen von Tabletten und dem Aufschütteln der Kissen hinreichend beschrieben, gehört der Vergangenheit an. Dass heutzutage Schwestern und Pfleger auf den ersten Blick oft kaum mehr von Ärzten zu unterscheiden sind, entspricht einem grundlegend geänderten und sich stetig weiter differenzierenden Berufsbild.

Auch das Universitätsklinikum Bonn (UKB) geht dabei neue Wege, beteiligt sich an Studien zu Pflegekonzepten und zum Pflegemanagement. „Dazu gehört, unseren Fachkräften gezielte Angebote zur Weiterbildung zu machen“, beschreibt Pflegedirektor Alexander Pröbstl das Ziel der Initiative. Das kann eine Zusatzqualifikation für den Einsatz in spezialisierten und anspruchsvollen Bereichen sein: Herzkatheter etwa, Epileptologie, Psychiatrie, Intensivmedizin. „Oder wir schaffen die Rahmenbedingungen für ein Duales Studium.“

Die Bonner Fachkräfte erhalten gezielte Angebote zur Weiterbildung

Florian Engel, 26, aus Neustadt (Wied) und Sofia Seiwert, 53, aus Sankt Augustin sind diesen Schritt schon gegangen und stehen nun kurz vor dem Studienabschluss. Ihre unterschiedlichen Lebensläufe und beruflichen Ziele zeigen, wie vielfältig und individuell akademisierte Pflege in der Praxis sein kann. „Ich habe mein Examen 1992 gemacht und seitdem als Pflegerin ambulant, in Behindertenwohnheimen und in einem psychiatrischen Krankenhaus gearbeitet“, erzählt Seiwert. „2012 bin ich hierher ans UKB gekommen und seitdem ebenfalls in der psychiatrischen Pflege tätig.“

Im Laufe der Zeit, so fügt sie hinzu, sei daraus der Wunsch erwachsen, sich zu spezialisieren. Das tut Sofia Seiwert, Mutter von drei Kindern, seitdem berufsbegleitend an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld. Praktisch bedeutet das eine Freistellung an drei bis vier Tagen pro Monat, die ausschließlich dem Studium vorbehalten sind. Ansonsten arbeitet sie in Vollzeit als „Gesundheits- und Krankenpflegerin“ – ein Beruf, der künftig vereinfacht Pflegefachfrau/-fachmann heißen wird.

Ein solcher ist auch Florian Engel – zurzeit auf der Zielgeraden seines Studiums an der katholischen Hochschule für Gesundheit und Pflege in Mainz. Weiterreichende Ambitionen habe er schon seit Abschluss seiner dreijährigen Ausbildung zum Krankenpfleger gehabt, doch diese Pläne zunächst nicht so in die Tat umsetzen können, wie er sich das gewünscht hätte.

„Am UKB bin ich jetzt seit vergangenem Jahr, und da mir frühere Studienzeiten angerechnet wurden, steht jetzt schon der Bachelor an.“ Ebenso wie seine Kollegin schätzt Engel das Entgegenkommen seines Arbeitgebers auf dem Venusberg. Das betrifft seine Freistellungszeiten, um in Mainz zu studieren, wie auch die finanzielle Förderung, um sich das Pendeln zwischen Hochschule und Klinik leisten zu können (oder auch eine Unterkunft am Studienort).

„Gut ausgebildete Leute, die ihre zusätzlichen Kenntnisse dem Wohl unserer Patienten zukommen lassen“

Aus Sicht Pröbstls ist dies eine lohnende Investition in die eigene Mannschaft. Gut 2000 Pflegerinnen und Pfleger sind am UKB tätig. „Fähige und gut ausgebildete Leute, die ihre zusätzlich erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten dem Wohl unserer Patienten zukommen lassen“, sieht er als großen Gewinn. Dies widerspreche auch der oft zu hörenden Befürchtung, dass mehr und mehr Pflegekräfte sozusagen „vom Bett weg akademisiert“ würden.

Im Gegenteil, sagt Pröbstl: „Ihr Beispiel kann und soll Schule machen und andere dazu anspornen, sich ebenfalls weiter zu qualifizieren.“ Es sei das persönliche Potenzial, das in Zukunft dringend gebraucht werde, fügt der Pflegedirektor hinzu. „Ich möchte die Frage, »Was sollten wir künftig besser machen?« anders stellen: »Wo können und müssen wir noch mehr tun als bislang?«.“ Mit Blick darauf verweist Pröbstl auch auf Projekte, um Menschen in ländlichen Gebieten zu versorgen, die ohne ärztliche Versorgung oder eine Apotheke auskommen müssen.

Der Fachbegriff dazu lautet „Translation“. Dies bedeutet, dass Pfleger mit akademischem Abschluss wie Bachelor oder Master am Krankenbett eigenverantwortlich Entscheidungen treffen, Ärzte entlasten und ihnen als kompetente Teamkollegen zur Seite stehen. Die Pflege – sowohl im Krankenhaus als auch im ambulanten Bereich – massiv aufzuwerten, ist auch die Richtung, die Pröbstl gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnern und Mitarbeitern einschlagen möchte. „Bei den sogenannten »Advanced Practice Nurses (APN)«, also den Pflegefachpersonen, sind wir schon gut dabei. Weitere Chancen und Herausforderungen sind für uns Themen wie die Telemedizin und Entlassmanagement.“

„In ihrer eigenen Kompetenz ist die Pflege autonom und ihre Unterstützung für Ärzte unverzichtbar“

Sofia Seiwert möchte auch nach ihrem Abschluss in der psychiatrischen Klinik weiterarbeiten und dazu beitragen, die Kommunikation zwischen den dort tätigen Berufsgruppen wie Ärzten, Therapeuten, Physiotherapeuten und Pflegefachkräften gezielt zu fördern.

Florian Engel, der in der Chirurgie, Neurologie, im Notfallzentrum und in der gynäkologischen Onkologie für ihn „sehr wertvolle“ Erfahrungen gesammelt habe, wird von Oktober an in der Stroke Unit (Schlaganfallbehandlung) der Neurologie arbeiten. „Solche Erfahrungen in der Pflege zu sammeln, auszuwerten und sie allen Beteiligten zukommen zu lassen, ist eine zentrale und wichtige Aufgabe.“

Eine Einschätzung, die Pröbstl bestätigt. „Ärzte richten ihren Fokus auf Diagnostik und Therapie, und dabei folgt die Pflege der Medizin. In ihrer eigenen Kompetenz ist sie autonom und ihre Unterstützung für Ärzte unverzichtbar“, hebt er hervor. Denn ein Herz und zwei gesunde Hände seien beileibe nicht genug, um den heutigen Anforderungen an einen komplexe und mit steigender Verantwortung verbundenen Beruf gerecht zu werden.