Projekt "Wohnen für Hilfe" Wie Studenten ihren Vermietern helfen

BONN · Mietfrei wohnen, zum Ausgleich leichte Hausarbeit: Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ nimmt in Bonn und der Region Fahrt auf, wie ein Beispiel aus Schwarzrheindorf zeigt.

Ein gutes Team: Elvira Fatkullina und Rüdiger Doll in dessen Wohnung in Schwarzrheindorf.

Ein gutes Team: Elvira Fatkullina und Rüdiger Doll in dessen Wohnung in Schwarzrheindorf.

Foto: Benjamin Westhoff

Seit Mai lebt Elvira Fatkullina in einer WG – für eine Studentin gar nichts Ungewöhnliches. Ihr Mitbewohner und Vermieter, Rüdiger Doll, ist 73 Jahre alt. „Ich lebe seit mittlerweile sechs Jahren in Deutschland“, erzählt die 27-Jährige, die ursprünglich aus Kasachstan kommt. „Ich wohne seit über zehn Jahren in Wohngemeinschaften und kann mich gut auf andere Leute einstellen.“

Als sie Anfang 2016 aus ihrem Studentenwohnheim in Köln ausziehen musste, brauchte Fatkullina schnell eine neue Bleibe. Für sie als Studentin der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg lag es nahe, sich in Bonn umzuschauen. „Ich wusste, dass es schwierig werden würde, in Bonn etwas zu finden.“ So bewarb sie sich bei „Wohnen für Hilfe“, einem Projekt, das Studierende mit Vermietern zusammenbringt. Anstatt Miete zu zahlen, unterstützen die jungen Leute ihre Mitbewohner im Alltag – sie helfen im Haushalt, gehen einkaufen, arbeiten im Garten oder leisten ihren meist älteren Vermietern Gesellschaft.

„Wohnen für Hilfe“ gibt es in Bonn seit zwei Jahren. „Bei der Abstimmung des Studierendenparlaments im Oktober wurde es endlich zum unbefristeten Projekt. Das ist ein großer Erfolg“, sagt Lilian Brandt, Asta-Koordinatorin des Projekts. Seit Dezember 2014 hat sie 17 Wohngemeinschaften vermittelt. Waren es im ersten Jahr erst sechs, so kamen im letzten Jahr elf neue hinzu.

„Die WGs bestehen nicht mehr alle. Zum Teil sind sie auch von vornherein befristet. Wir vermitteln ab einer Wohndauer von drei Monaten“, sagt Brandt. Anfangs war „Wohnen für Hilfe“ nur den Studierenden der Uni Bonn vorenthalten. Aber: „Wir haben inzwischen auch jungen Leuten geholfen, die an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studieren.“

"Einen Vertrag brauchen wir nicht"

Vorbehalte gegen bestimmte Wohn-Konstellationen teilt Brandt nicht mehr: „Positiv ist mir aufgefallen, dass das Zusammenleben von männlichen Vermietern und Studentinnen richtig gut funktioniert.“ Ein gutes Beispiel dafür sind Fatkullina und Doll, die zusammen in Dolls Haus in Schwarzrheindorf wohnen. „Ich bin alleine, meine Töchter sind aus dem Haus“, erzählt Doll. Als er von „Wohnen für Hilfe“ in der Zeitung las, bewarb er sich. „Ich wollte auf alle Fälle lieber ein Mädchen.“ – „Mädchen sind leiser und halten mehr Sauberkeit“, ergänzt Fatkullina. „Und sie wissen besser, wie man kocht und bügelt“, lacht Doll.

Für ihr Dachzimmer mit Dusche und Kochnische zahlt die 27-Jährige Studentin der Wirtschaftsinformatik keine Miete. „Ich bügele Hemden, arbeite im Garten, gehe mit dem Hund spazieren und wir kochen zusammen oder trinken Tee.“ Den Vertrag, den die Wohngemeinschaften von Projekt-Koordinatorin Brandt erhalten, haben sie und Doll gar nicht ausgefüllt.

„Das war uns zu förmlich, einen Vertrag brauchen wir nicht“, sagt Doll. Auch was Besuch angeht, sind die beiden sich einig. „Zuviel Unruhe im Haus möchte ich auch nicht haben“, so Doll. Seine Mitbewohnerin stimmt ihm zu: „Ich bin dankbar, dass ich hier wohnen darf, da kann ich mich auch woanders mit jemandem treffen.“

"Hier lerne ich auch die deutsche Kultur kennen"

Das Schönste an seiner WG ist für Doll die Gesellschaft: „Meine Töchter sind zwar in der Nähe, aber ohne Elvira wäre ich täglich alleine mit dem Hund.“ Auch Fatkullina profitiert vom Zusammenleben: „Ich kann mein Deutsch üben. Früher habe ich mit Studenten zusammengewohnt, die auch Russisch sprechen – dann muss man kein Deutsch sprechen. Und hier lerne ich auch die deutsche Kultur kennen.“

Doll findet es „interessant, was sie aus Kasachstan erzählt. Ein bisschen Russisch habe ich auch schon mitbekommen.“ Damit eine Wohngemeinschaft zum Erfolg wird, muss man sich verstehen. „Bisher war das eine gute Entscheidung“, so Doll. „Wir waren uns direkt sympathisch.“

Koordinatorin Brandt freut sich über jeden neuen Vermieter und interessierte Studierende. „Bisher stammen viele Vermieter aus der Bonner Umgebung. Schön wäre es, in Bonn-Zentrum noch Vermieter zu gewinnen – das ist dann ein Ziel fürs nächste Jahr.“

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