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Erstsemester: Aus dem VW-Bus in den Hörsaal

Erstsemester : Aus dem VW-Bus in den Hörsaal

Zum Semesterbeginn suchen zahlreiche Studenten in der Region noch Zimmer und Wohnungen. Campingplatz als Notlösung.

Bonn. Ihre Studentenbude hatten sich Lukas Riad und Rasmus Pichler anders vorgestellt. Die aktuelle Bleibe der beiden Bonner Erstsemester verfügt über rund fünf Quadratmeter Wohnfläche, vier Reifen und Wände aus Blech.

Pichler und Riad hausen im VW-Bus auf einem Wohnmobil-Parkplatz in der Nähe der Bundeskunsthalle. Dusche und Toilette liegen 50 Meter entfernt. "Seit die Nächte so kalt sind, haben wir auch einen Heizlüfter", sagt der 22-jährige Riad, "außerdem haben wir uns eine Lampe und einen Wasserkocher gekauft."

Riad und Pichler sind zu spät gekommen. Die beiden Uni-Neulinge haben ihr Studium direkt an einen Auslandsaufenthalt in China angeschlossen. "Anfragen per Mail haben die meisten Vermieter gar nicht erst beantwortet", sagt Riad, der in Bonn Asienwissenschaften studiert. "Und als wir in Bonn angekommen sind, war die Verteilung der Wohnungen schon gelaufen."

Dabei hat sich der Darmstädter bei der Wohnungssuche alle Mühe gegeben. Zu rund zehn Interviews für einen der begehrten Plätze in einer Wohngemeinschaft habe er es gebracht. Riad nennt sie "Castings". "Da kamen immer mehr als 30 Bewerber", sagt er. Den Zuschlag hat er nie erhalten.

Auch die Suche nach einer Zwei-Zimmer-Wohnung gemeinsam mit Mathematik-Student Pichler blieb ohne Erfolg. "Es ist einfach aussichtslos", resigniert Riad, "Studenten werden immer abgelehnt." Eine Vermieterin habe ihn mit der Begründung abgelehnt, Studenten seien zu viel unterwegs, dann knarre die Holztreppe zu laut.

Die unfreiwilligen Camper sind in ihrer Notlage nicht allein. "Die Nachfrage nach Wohnraum ist derzeit deutlich höher als im Vorjahr", sagt Michael Nuyken vom Sozialreferat des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Universität Bonn. "Vor allem ausländische Studierende, die sich nicht frühzeitig persönlich kümmern können, haben es schwer bei der Suche", sagt Nuyken.

Das kann Vivian Tam bestätigen. Die 19-Jährige aus Hongkong hat im Oktober ihr Biologie-Studium an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in Rheinbach begonnen. "Auf meine Mails aus Hongkong habe ich keine Resonanz bekommen", sagt sie. Vor Beginn des ersten Vorlesungstages habe sie sich in eine lange Schlange vor dem Büro des Bonner Studentenwerks eingereiht. "Dort wurden wir auf November oder Dezember vertröstet."

Fündig wurde Tam am schwarzen Brett der Hochschule. Für 250 Euro im Monat wohnt sie nun zur Untermiete in einem Zimmer in Rheinbach. Küche und Bad teilt sie mit ihren Vermietern. Tam ist zufrieden: "Der Preis stimmt."

Tam hat Glück gehabt. Denn der Wohnungsmarkt in der Region ist für studentische Budgets wenig geeignet. "Kleine Wohnungen sind auch bei Pendlern und kurzfristig Beschäftigten von Post und Telekom begehrt", sagt Wieland Münch von der Bonner Maklerfirma Limbach.

Selbst Eltern, die für ihre studierenden Kinder ein Apartment kaufen möchten, gehen derzeit nach Erfahrung des Maklers oft leer aus. Die Angst der Anleger vor Inflation habe zu einen "regelrechten Run" auf kleine Apartments geführt. "In guter Lage werden solche Wohnungen sehr schnell und zu hohen Preisen verkauft."

Die Kölner Immobiliengruppe Corpus Sireo bescheinigte Bonn bereits im vergangenen Jahr in einer Studie ein "rückläufiges Angebot an Eigentumswohnungen bei stabilen Preisen".

Dass sich mit den Studenten auf Wohnungssuche gute Geschäfte machen lassen, haben in Bonn mehrere Baufirmen entdeckt. Die Firma Rheinvest betreibt gleich drei Wohnheime in der Stadt. "Zu Anfang des Wintersemesters war in diesem Jahr direkt alles ausgebucht", sagt Lutz Kelle, Geschäftsführer von Rheinvest.

Vor allem die preiswerten Zimmer seien früh belegt gewesen. Auch von Etagendusche und Gemeinschaftsküche ließen sich die Studenten nicht abschrecken.

Bei Neu- und Umbauten ist jedoch kein Platz mehr für die alte WG-Romantik. "Die Studierenden heute bevorzugen eigene Sanitäranlagen und Küchen oder wollen ihre Einrichtungen nur mit wenigen Mitbewohnern teilen", sagt Wolfgang-Peter Heil, stellvertretender Geschäftsführer des Studentenwerks Bonn.

Nachdem in diesem Jahr überraschend früh alle Plätze belegt waren, bemüht sich das Studentenwerk nach eigenen Angaben, zusätzliche Plätze bei privaten Vermietern zu gewinnen. Das neue Wohnheim an der Nassestraße werde erst nächstes Jahr fertig, sagt Heil.

Damit ist das Studentenwerk zumindest für 2013 etwas besser gerüstet, wenn durch den doppelten Abiturjahrgang vorhersehbar viele Studenten in der Region auf Wohnungssuche sein werden. Doch das Studentenwerk blickt schon in die weitere Zukunft: "Wir können das Zimmerangebot nicht beliebig ausweiten, denn ab den Jahren 2017/2018 wird die Studentenzahl wieder zurückgehen."

Das wird Peter Arlinghaus wenig interessieren. Der 20-Jährige aus Eschweiler bei Aachen hat erst Anfang Oktober im Nachrückverfahren seinen Studienplatz in Bonn erhalten. Zu spät für die Wohnungssuche. Der Biologie-Student im ersten Semester kennt den Markt mittlerweile. Und er kennt auch die Wohnungen, mit denen geschäftstüchtige Vermieter aus der Not der Studenten Kapital schlagen wollen. "Eine Baustelle mit halbfertigen Fußböden und zum Teil unverputzten Wänden" sei ihm als Drei-Zimmer-WG für 900 Euro kalt angeboten worden, erzählt er.

Arlinghaus sucht weiter. Und steht morgens um fünf Uhr auf, um mit Bussen und Bahnen zum Vorlesungsbeginn um Viertel nach acht aus dem kleinen Dorf bei Eschweiler in den Bonner Hörsaal zu gelangen.

Die erste eigene WohnungFlorian Marsch hat Glück gehabt. "Nur drei bis vier Wohnungen" hat sich der 19-Jährige aus Königswinter in Bonn angeschaut, bis er die passende Bleibe gefunden hatte. Der Studienanfänger in Medizin zahlt in der Altstadt 300 Euro im Monat für den Platz in einer Zweier-Wohngemeinschaft. "Eigentlich war die Wohnung schon vergeben, aber der Mieter hatte kurzfristig abgesagt", sagt Marsch.

Seine Kommilitonin Teresa Plum hat sich von ihrer Heimatstadt Aachen aus in Bonn auf Wohnungssuche begeben. Erst per Internet. "Das hat aber nicht funktioniert", berichtet die 19-Jährige, die ebenfalls im ersten Semester Medizin studiert. Als der Semesterbeginn näher rückte, hätten ihre Eltern eine Suchanzeige im Immobilienteil des General-Anzeigers geschaltet, sagt sie.

Daraufhin hätte sich "einige Vermieter" gemeldet. Auf diesem Weg fand Plum ihre Ein-Zimmer-Wohnung in Poppelsdorf, die für 400 Euro im Monat Gartennutzung bietet.