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Museum in Mannheim: Ausstellung zeigt Geschichte der Normannen

Museum in Mannheim : Ausstellung zeigt Geschichte der Normannen

Von England bis in den Nahen Osten: Die Normannen waren quasi überall dabei. Eine große Ausstellung in Mannheim erzählt erstmals ihre Geschichte – mit prachtvollen Leihgaben und erstaunlichen Erkenntnissen.

Diese Typen hatten wirklich fast überall ihre Finger im Spiel. Wer (wie jüngst der Autor dieser Zeilen) schon einmal einen total verregneten Sommerurlaub bei 12 Grad Celsius in Norwegen verlebt hat, der kann diese Normannen durchaus verstehen. Dass sie ihre Fühler vor 1100 Jahren über die Ostsee bis in die heutige Ukraine ausstreckten sowie westwärts nach Frankreich, England, Italien und anno 882 auch den Rhein aufwärts bis nach Köln, Bonn und Trier segelten, ist leidlich bekannt.

Aber die Männer (und Frauen) aus dem Norden – wie der Rest Europas die Wikinger nannte – hatten auch ein Auge auf Spanien geworfen, sie waren in Nordafrika unterwegs und am Hof von Byzanz, wie neueste Forschungen zeigen. „Die Normannen hatten die Globalisierung schon im Blut“, sagt die Archäologin Franziska Kothe, die sie nach ihrem Studium in Bonn zu ihrem ersten Forschungsschwerpunkt machte.

Das halten Sie alles für etwas dick aufgetragen? Eine spektakuläre Überblicks-Ausstellung zum Einfluss der Normannen auf die europäische Geschichte sorgt jetzt in Mannheim (sic!) für Aufklärung und für einige neue Erkenntnisse. Das dortige Reiss-Engelhorn-Museum hat viel Erfahrung mit großen historischen Erzählungen und sich deshalb ab 2018 mit französischen Partnern als erstes Haus überhaupt an dieses facettenreiche Kapitel paneuropäischer Geschichte herangewagt. Knapp drei Millionen Euro hat das Projekt gekostet.

Die Macherinnen der Ausstellung waren selbst überrascht über neue Erkenntnisse

Die Grundfrage dabei ist: Wie konnte eine Gesellschaft bäuerlicher „Buchtler“ (die wörtliche Übersetzung von Wikinger) aus den Fjorden Skandinaviens in einer ungeplanten Expansion halb Europa erobern, plündern und anschließend (der seltener erzählte Teil der Geschichte) zu kultureller Blüte führen?

Kuratorin Viola Skiba, die mit einem dreiköpfigen Team die Schau zusammenstellte, hat eine einfache Antwort: „Die Normannen waren wahre Integrationskünstler. Sie verstanden es sehr gut, in anderen Kulturen aufzugehen. Sie neigten sogar zur Übererfüllung der dortigen Erwartungen.“ Viele der 300 kostbaren Exponate aus zahlreichen europäischen Sammlungen illustrieren dieses nordische Understatement.

Besonders augenfällig wird es bei zwei Kapitellen aus der Abteikirche von Jumièges in der Normandie, die Skiba nebeneinander hat aufstellen lassen. Das erste (aus der Zeit Karls des Großen und seiner Söhne) trägt etwas plump geschlagene Pflanzenornamente. Am 24. Mai 841 wurde die Abtei dann von Normannen überfallen und niedergebrannt. Keine 200 Jahre später bauten ihre Nachkommen unter Abt Robert Champart die Kirche wieder auf. Das zweite Kapitell seinen mit kunstvoll gestalteten Palmenzweigen stammt aus dieser gotischen Bauphase.

Bei aller Vorkenntnis waren die Ausstellungsmacherinnen selbst überrascht, wie mobil nicht nur die normannische Gesellschaft als Ganzes, sondern auch einzelne Individuen schon damals waren. So floh der norwegische Adelsspross Harald Sigurdsson in seinen 51 Lebensjahren nicht nur an den Hof nach Nowgorod. Später zog er weiter nach Byzanz, diente mehreren Kaisern in ihrer Leibgarde, führte ein Heer nach Sizilien, heiratete die Tochter des Kiewer Großfürsten, wurde König von Norwegen und erkämpfte sich in halb Nordeuropa seinen Ehrennamen Hardråde (der Harte).

Nach dem Tod Edward des Bekenners im Jahr 1066 wollte er auch noch den englischen Thron, weil es unter Knut dem Großen kurz vorher schon einmal ein nordisches Reich diesseits und jenseits der Nordsee gegeben hatte. Allerdings unterschätzte der harte Harald seinen Gegner Harold Godwinson und kam in Nordengland ums Leben. Ein anderer Normanne, Wilhelm der Eroberer, erledigte von Süden kommend bei Hastings den Rest.

Die Normannen segelten als „Meister im Understatement“ lange Zeit unter dem Radar der Historiker

Für Mobilität auch von Moden und Gebräuchen steht gleich das erste Exponat der Schau. Es ist ein normannischer Bildstein aus Gotland. Im oberen Bereich zeigt er – irgendwann zwischen 750 und 1050 auf der Insel inmitten der Ostsee gemeißelt – zwei kämpfende Männer in orientalischen Pluderhosen. Ein Schloss in Form eines Pferdekopfes aus Byzanz, Gürtelbeschläge persischer Steppennomaden und ein Glasfläschchen gelbes Auri-Pigment aus Süditalien zeigen, wie gut der Fernhandel funktionierte: All dies kam bei Ausgrabungen im schwedischen Sigtuna zutage. Eine Taschenwaage aus einem dortigen Frauengrab illustriert überdies, dass nicht nur Normannen, sondern durchaus auch Norfrauen handelnd (und wohl auch plündernd) unterwegs waren. Die Kult-Serie „Vikings: Valhalla“ auf Netflix hat das eindrucksvoll in Szene gesetzt.

In weiteren Kapiteln folgt die Ausstellung den Normannen auf den ganzen Kontinent. Der „Viking Raider Doomsday Stone“ steht für den Überfall auf das Kloster Lindisfarne in England am 8. Juni 793, das erste dokumentierte Auftreten der Nordmänner in der Geschichte Westeuropas. Bevölkerungsdruck im Norden ließ viele von ihnen aber nicht nur rauben, sondern auch Handel treiben und sesshaft werden – im heutigen Russland und der Ukraine (auch wenn die aus Moskau und Sankt Petersburg für die Ausstellung versprochenen Exponate dann doch nicht nach Mannheim kamen).

Im Jahre 911 schloss der Norweger Rollo ein Abkommen mit Karl dem Einfältigen und übernahm die fruchtbare, aber schlecht verteidigte Normandie. Eine Nachfahrin war Emma, die schon 60 Jahre vor der Hastingsschlacht auf dem englischen Thron saß. Fünf Meter des berühmten Teppichs von Bayeux, der die Schlacht 1066 in Bildern beschreibt, wurden für die Ausstellung nachgestickt; die Truhe, in der der Teppich lag, ist im Original zu sehen. Eine Schachfigur aus Walrosselfenbein aus Schottland zeigt einen typischen Normannen mit Schwert und Spitzhelm als Wächter.

Bevölkerungsdruck und Pilgerfahrten zum Wallfahrtsort des Heiligen Michael auf dem Monte Gargano führten Normannen auch nach Süditalien, wo Robert Guiskard und Roger I. Herzogtümer errichteten. Mit der Cappella Palatina und dem Dom von Monreale in Palermo erlebte die Kunst unter ihren Nachfolgern eine ungeheure Blüte. „Selbst der auf sie folgende Staufer Friedrich II. ist in Wahrheit ein halber Normanne“, sagt Skiba – und hat deshalb Friedrichs Krönungsmantel nach Mannheim geholt.

Aber auch der Graf von Barcelona ließ Normannen auf die Iberische Halbinsel kommen, und sogar am Hof von Byzanz gab es eine Garde von Nordmännern (die gefürchteten „Waräger“). Mehrfach versuchen Normannen sich auch an der Eroberung Konstantinopels. Vergeblich; aber zumindest kopieren sie erfolgreich byzantinische Kunst. Und im ersten Kreuzzug verbinden Normannen-Führer religiöse Pflichterfüllung mit Kampferfahrung und gründen ein Herzogtum in Antiochia. So segeln sie als „Meister im Understatement“ lange Zeit unter dem Radar der Historiker um die halbe bekannte Welt. Erst die Ausstellung in Mannheim hat das nun eindrucksvoll geändert.

Die Ausstellung „Die Normannen“ sind bis zum 26. Februar 2023 zu sehen im Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen, Stadtplanquadrat C5 in 68159 Mannheim. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 13,50 Euro, Kinder (6-16 Jahre) 4,50, Studierende, Azubis etc. 7,50 Euro. Führungen So 15 Uhr, Audioguide 5 Euro. Katalog (Verlag Schnell & Steiner, 528 S.): im Museum 34,95 Euro, im Buchhandel 45 Euro. Weitere Infos: www.normannen-ausstellung.de