1. News
  2. Wissenschaft & Bildung
  3. Überregional

Wie geht es den Nachkriegskindern?: Forscher Sascha Foerster sucht Geldgeber für eine Studie

Wie geht es den Nachkriegskindern? : Forscher Sascha Foerster sucht Geldgeber für eine Studie

Fritz Müller (Name geändert) wurde 1945 in Bonn geboren. Sein Vater starb 1950. Die Kriegshinterbliebenenrente lag bei 150 Mark - Mutter Erna musste die vierköpfige Familie als Verkäuferin durchbringen. "Sie hat Näherin gelernt, aber das bringt nichts", ist in der Akte vermerkt. Die Fürsorge ist "auskömmlich", die Wohnung "ausreichend", durch die Arbeit wirkt sie "überlastet".

Rund 4000 solcher Akten wurden schon vor Jahren im Zentrum für Alternskulturen (ZAK) der Uni Bonn gefunden, aber nie komplett ausgewertet. "Diese Datensätze sind unglaublich umfangreich, es wurde die komplette Lebenssituation aus medizinischer, psychologischer und soziologischer Perspektive festgehalten", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter Sascha Foerster. Zwei Kohorten, 1938 und 1945 geboren, wurden von 1952 bis 1961 in Bonn und fünf anderen Städten untersucht.

Die Vielzahl der Daten macht die über 60 Jahre alte Studie besonders wertvoll. Würden die Menschen heute noch einmal befragt, ließen sich Rückschlüsse auf die gesamte gesellschaftliche Entwicklung der Nachkriegskinder ziehen - "so etwas hat es bisher nicht gegeben", sagt Foerster. Er sucht jetzt Teilnehmer für eine Nachfolgestudie auf der ganzen Welt. Denn nur wenn die Kinder von damals wiedergefunden werden, können sie auch befragt werden.

Das Problem: Die Zeit drängt. Laut Statistiken könnte die Hälfte der Teilnehmer bereits verstorben sein. Weil für die Finanzierung viele zeitraubende Anträge gestellt werden müssen, versucht Sascha Foerster es mit "Crowdfunding": Er sammelt Gelder bei privaten Investoren, die Zielsumme hat er auf 10.000 Euro festgelegt.

Als Sascha Foerster mit den alten Akten betraut wurde, ging es vor allem ums Geld. "Eine studentische Hilfskraft war die günstigste Variante, um die Papierberge abzuarbeiten", erzählt der 29-Jährige. Er wühlt in über 100.000 Aktenbögen, unzähligen Datenkarten und Bildern. Der Psychologie- und Geschichtsstudent hat bereits seine Diplomarbeit über den Aktenfund und die schwierige Suche nach den ehemaligen Teilnehmern verfasst.

"Teilweise haben diese Untersuchungen heute keine wissenschaftliche Bedeutung mehr oder sind mit Vorsicht auszuwerten", sagt Foerster. So wurde die Handschrift der Kinder untersucht und die Persönlichkeit beurteilt. Andere Gebiete (wie die "Exploration", bei der die Kinder Fragen frei beantworten sollten), seien hingegen interessant.

Zur Zukunft schrieb ein 16-Jähriger: "Nach dem Abitur werde ich ins Ausland gehen" und "Freunde habe ich keine - mit meinem Bruder verstehe ich mich ganz gut". In anderen Fragen ging es um die Sommerferien, Elternhaus, Krankheiten und die Schule.

Damals ergab die Studie, dass es den Kindern "wieder gut gehe". Heute sieht die Forschung das anders. "Besonders im Alter spüren die Nachkriegskinder die Folgen ihrer Kindheit", sagt Foerster. Mit einer neuen Studie ließen sich die Folgen der katastrophalen Bedingungen der Nachkriegszeit über die ganze Lebensspanne untersuchen - und wie sie sich auf die folgenden Generationen auswirkten.

Alleine aus Bonn kommen 800 Teilnehmer. Durch Recherche bei Einwohnermeldeämtern konnte Foerster bereits 1090 von 4095 damals befragten Kindern wiederfinden. 171 wären bereit, an einer Nachfolgestudie teilzunehmen; weitere 136 würden ihre Daten der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Mehr als 3000 müssen jedoch noch gefunden werden.

Am aufwendigsten wird sein, die Unterlagen zu digitalisieren: Sie liegen nur handschriftlich oder als Lochkarten vor. Auch die Suche bei 6000 Meldeämtern ist nur mit heutiger Technik zu lösen: "Ich habe eine Datenbank geschrieben. Um die zu füllen, brauche ich allerdings Unterstützung", erklärt Foerster. Dafür ist unter anderem das "Crowdfunding" gedacht.

Informationen:www.zakunibonn.hypotheses.org. Unter www.sciencestarter.de/deutschenachkriegskinder kann man das Projekt noch bis Donnerstag, 23.59 Uhr, unterstützen

Wen Sascha Foerster befragt hat

Die Punkte auf der Karte stehen für die Personen, die damals befragt wurden. Sascha Foerster hat recherchiert, wo sie später hingezogen sind. Rot steht für Bonner, lila für Grevenbroicher, blau für Remscheider, gelb für Frankfurter, braun für Stuttgarter und grün für Nürnberger.